Der 1:0-Sieg bei Borussia Dortmund und die praktisch sichere Qualifikation für den Europapokal verschlägt VfB-Trainer Sebastian Hoeneß die Sprache.
Normalerweise hat Sebastian Hoeneß keine Probleme damit, das Spiel seiner Mannschaft direkt im Anschluss prägnant und auf den Punkt zu analysieren. Nicht so am Samstagabend im Signal-Iduna-Park in Dortmund. Da fehlten dem Trainer des VfB Stuttgart zum ersten Mal in dieser Saison die richtigen Worte. „Ich bin heute nicht in der Lage, das alles wiederzugeben. Vor allem das Geschehen in der zweiten Halbzeit“, bat der 41-Jährige in der Pressekonferenz nach dem Spiel um Entschuldigung.
8000 VfB-Fans geben in Dortmund den Ton an
Zu wild, zu intensiv, zu aufregend geriet der Auftritt des VfB Stuttgart beim 1:0-Auswärtssieg gegen einen seiner härtesten Verfolger im Kampf um die Champions-League-Ränge, als dass Hoeneß in der Lage gewesen wäre, spielentscheidende Situationen, taktische Umsetzungen oder strittige Schiedsrichterentscheidungen an der Seite seines Trainerkollegen Edin Terzic in gewohnter Manier zu sezieren.
Denn der Erfolg war ein weiterer emotionaler Höhepunkt in dieser bislang so berauschenden Saison. Aus vielerlei Gründen. Zunächst war für alle Beteiligten beeindruckend zu sehen, wie die neu formierte Mannschaft nach zahlreichen Ausfällen und Umstellungen taktisch brillierte und kämpferisch an ihre Grenzen ging. Lautstark angefeuert von 8000 euphorisierten Fans, die im Wohnzimmer der Borussia den Ton angaben.
„Es war heute besonders, wie sie uns durch das Spiel getragen haben“, stellte Sportdirektor Fabian Wohlgemuth fest. Und den Siegtreffer von Serhou Guirassy bestaunten konnten; nach einem blitzsauberen Konter und nach Vorarbeit von Jamie Leweling. Der Stürmer markierte bereits seinen 24. Saisontreffer und zog damit mit Mario Gomez gleich. Dieser hielt den bisherigen Stuttgarter Saisonrekord aus der Spielzeit 2008/09. Als Reminiszenz an Gomez stellte Guirassy dessen Torero-Torjubel nach.
Neue Stuttgarter Rekordmarken
Die weiteren Bestmarken dieses Spieltags beziehen sich auf die 60 Punkte, die der VfB Stuttgart nun auf dem Konto hat. Noch nie stand er nach 28 Spieltagen besser da. Auch nicht in den Meisterjahren. Fünf Auswärtssiege in Folge gab es in der langen Geschichte des Clubs aus Cannstatt ebenfalls noch nie, genauso wenig wie drei Erfolge inklusive Pokal innerhalb einer Saison gegen Borussia Dortmund. BVB-Coach Terzic verbuchte es da fast schon als Erfolg, dass „wir heute unsere beste Leistung gegen den VfB abgerufen haben“.
Allein, im Kampf um die begehrten Champions-League-Ränge setzte der letztjährige Fast-Absteiger gegen den diesjährigen Viertelfinalisten (am Mittwoch gegen Atlético Madrid) im direkten Duell ein dickes Ausrufezeichen. „Den dritten Platz wollen wir uns nicht mehr nehmen lassen“, stellte Angelo Stiller klar. Ohne den Umstand zu erwähnen, dass sein Team nach Punkten sogar mit den zweitplatzierten Bayern gleichzog. Die Vizemeisterschaft rückt in realistische Reichweite, zumal der strauchelnde Rekordmeister noch nach Stuttgart muss.
Platz sechs und die Europa League ist praktisch sicher
Bei aller Euphorie richtet sich der Blick aber weiter nach hinten. Sieben Punkte Vorsprung bei sechs ausstehenden Spielen auf Platz fünf sind mit Blick auf die Champions-League-Qualifikation ein ordentliches Polster, aber kein Ruhekissen. Platz sechs und die sichere Teilnahme an der Europa League ist dem VfB aber schon jetzt nicht mehr zu nehmen. Vor dem direkten Duell mit Eintracht Frankfurt am Samstag (18.30 Uhr) beträgt der Vorsprung praktisch uneinholbare 18 Punkte und 23 Tore.
„Stuttgart International“, wie die VfB-Fans in Dortmund immer wieder anstimmten, wird also tatsächlich real. Zum ersten Mal seit elf Jahren geht es wieder auf Europareise. So selbstverständlich hatten die Profis es selbst längst auf der Rechnung, dass die erfolgte Qualifikation am Samstag nicht mehr eigens zelebriert wurde. „Wir genießen es“, erklärte Sportdirektor Fabian Wohlgemuth gewohnt sachlich. „Wie wir es feiern, werden wir noch sehen.“
Wie die letzten internationalen Auftritte liefen
Für die Jüngeren sei noch einmal daran erinnert: 2013/14 trat der VfB Stuttgart letztmals international an. Timo Werner, Martin Harnik und Antonio Rüdiger hießen die Spieler damals; Bruno Labbadia, Thomas Schneider und Huub Stevens die Trainer. Es handelte sich um eine dieser Spielzeiten, in welcher der VfB mal wieder drei von ihnen benötigte. Und eher semi-erfolgreiche Europapokalabende erlebte.
Durch zwei Unentschieden gegen Botev Plovdiv aus Bulgarien mühte man sich in die Hauptrunde, wo gegen HNK Rijeka früh Schluss war. Die Auftritte waren ziemlich trist. Wer die aktuelle Begeisterung rund um den VfB Stuttgart erlebt, kann sich sicher sein, dass es in diesem Herbst leidenschaftlicher zugehen wird.