Boris Johnson kommt zum Antrittsbesuch nach Berlin. Foto: Stefan Rousseau/Michael Kappeler

Am Mittwoch empfängt Angela Merkel Boris Johnson zum Antrittsbesuch. Was viele nicht wissen: Der britische Regierungschef hat Vorfahren aus Württemberg.

Stuttgart - Seit etwa einem Monat heißt der britische Premierminister Boris Johnson. Der ehemalige Außenminister hatte sich in seiner Partei gegen den Konkurrenten Jeremy Hunt durchgesetzt und war somit nach Theresa Mays Rücktritt als Regierungschef nachgefolgt. Nun kommt Johnson zum Antrittsbesuch nach Deutschland. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) empfängt ihn am Mittwochabend. Das Treffen findet vor dem Hintergrund der festgefahrenen Verhandlungen über den Austritt Großbritanniens aus der EU statt.

Der als unnachgiebiger Brexit-Verfechter geltende Johnson war am Dienstag mit einer neuen diplomatischen Offensive zur Änderung des Ausstiegsvertrags in der EU und bei Merkel auf Ablehnung gestoßen. Johnson hatte abermals die Streichung der vereinbarten Garantieklausel für eine offene Grenze in Irland gefordert. Merkel lehnt Neuverhandlungen über den Austrittsvertrag strikt ab.

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Vorfahren aus Deutschland und der Schweiz

Boris Johnson war und ist der prominenteste Befürworter des Brexit. Lange warnte der frühere Londoner Oberbürgermeister mit markigen Sprüchen, zu denen auch Hitler-Vergleiche zählen, vor einem europäischen „Super-Staat“.

Dabei könnte niemand Europa besser verkörpern als der strohblonde Mr. Brexit. Denn die Vorfahren von Alexander Boris Johnson de Pfeffel, wie er offiziell heißt, stammen aus England und der Türkei, aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Mindestens. Sein Stammbaum ist so international, dass die BBC seiner Familiengeschichte vor ein paar Jahren eine eigene Sendung widmete.

Johnson auf Spurensuche in Stuttgart

2008 machte sich Johnson sogar in Stuttgart auf Spurensuche. Im Stuttgarter Hauptstaatsarchiv ging er seiner Familiengeschichte nach. „Mr. Johnson hat sich persönlich die Quellen zeigen lassen“, sagt die Historikerin Regina Keyler, die damals das „nicht-staatliche Archivgut“ betreute.

Mediengerecht ließ Johnson sich dabei filmen, wie er in alten Folianten wälzte. Er wollte seine deutschen Wurzeln freilegen, oder besser: seine schwäbischen. Denn Ahnenforscher haben herausgefunden, dass eine direkte Linie zurück führt von ihm bis zu – ja, bis zum ersten württembergischen König Friedrich I (1754 – 1816). „I have eine mystery gecrackt“, jubelte Johnson in die Kameras. Und die entzückten Briten entdeckten plötzlich eine auffallende Ähnlichkeit zwischen dem pausbackigen schwäbischen Monarchen und seinem nicht minder pausbackigen Urenkel aus London.

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Verschlungene Familiengeschichte

Die Verwandtschaft erklärt sich so, dass König Friedrichs jüngster Sohn, Herzog Paul von Württemberg (1785 – 1852), einst Gefallen an der Hofschauspielerin Friederike Vohs (geb. Porth) fand und diese schwängerte. Die Tochter Karoline war zwar illegitim, nannte sich aber „von Rottenburg“ und heiratete unter diesem Namen 1836 den Kammerherrn am bayerischen Hof, Karl von Pfeffel (1811 bis 1890). Beide sind also die Urururgroßeltern von Boris Johnson.

Dessen Urgroßvater väterlicherseits war übrigens Ali Kemal Bey, der letzte Innenminister des Osmanischen Reichs. Weil dieser sich gegen die türkische Befreiungsbewegung stellte, ließen ihn Gefolgsleute von Kemal Atatürk (dem Gründer der Republik Türkei) verhaften und lynchen. Sein Sohn Osman Ali (Johnsons Großvater) floh nach London und nahm dort den Namen Wilfred Johnson an.

Johnson kam in New York zur Welt

Der strohblonde Tory-Politiker, der übrigens in New York geboren wurde und deshalb auch die amerikanische Staatsbürgerschaft besaß, wäre also wie geschaffen als Identifikationsfigur eines großen, einigen Europa – zumal er auch in Brüssel die Europäische Schule besuchte und später dort einige Jahre als Journalist arbeitete. Doch vielleicht legte ja gerade diese Erfahrung die Basis für die EU-Skepsis.

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