Die rund 29 000 Mitarbeiter von Knorr-Bremse arbeiten wöchentlich 42 Stunden – sieben mehr als Kollegen in anderen Unternehmen der Branche. Foto: Knorr-Bremsen

Der Weltmarktführer bei Zug- und Lkw-Bremsen Knorr-Bremse plant den Börsengang. Noch in diesem Jahr will das Unternehmen aufs Parkett. Die Besitzer des seitherigen Familienunternehmens könnten dadurch 3,6 Milliarden Euro erlösen.

München - Es dürfte der zweitgrößte Börsengang in Deutschland nach dem der Medizintechniksparte von Siemens werden. Im Schlussquartal 2018 will das Münchner Unternehmen Knorr-Bremse als Weltmarktführer bei Bremsen für Lastwagen und Züge in Frankfurt auf das Parkett. Das hat das Unternehmen angekündigt. Selbst hat es nichts davon. Denn Kasse macht bei dem geplanten Schritt nur die Unternehmerfamilie um den 77-jährigen Milliardär Heinz Hermann Thiele. An die Börse gebracht werden soll ein „bedeutender Minderheitenanteil“, ließ dieser mitteilen. Übersetzt bedeutet das: 25 bis 30 Prozent. Bei einem von Analysten geschätzten Firmenwert von rund zwölf Milliarden Euro könnten Thiele und seiner Familie durch den Börsengang also bis zu 3,6 Milliarden Euro zufließen.

Unternehmen wurde 1905 in Berlin gegründet

In der Öffentlichkeit sind das Unternehmen und die dahinter stehende Familie kaum bekannt, in der Branche dagegen umso mehr. Wer einen Lastwagen oder einen Zug bremsen will, kommt um die 1905 in Berlin von Georg Knorr gegründete Industrieperle nicht herum. Mit Weltmarktanteilen bei Zugbremsen von 50 Prozent, kaum weniger bei pneumatischen und Druckluftscheibenbremsen für Lastkraftwagen, ist der im Konzern, der 2017 rund 6,2 Milliarden Euro Umsatz gemacht hat, kein Zulieferer unter vielen.

Knorr-Bremse besitzt Marktmacht wie wenige Industrieunternehmen – und das weltweit. Dazu kommt der Habitus eines eigenwilligen Familienunternehmens, was in der Summe selbstbewusst macht. Wer einmal mit Knorr-Bremse aneinander­geraten ist, wählt in der Regel ein weniger schmeichelhaftes Adjektiv. Ein Lied davon singen kann der schwedische Konkurrent Haldex, den die Münchner voriges Jahr im Zuge einer feindlichen Übernahme schlucken wollten. Das ist zwar gescheitert, aber ein einmal geplantes Zusammengehen von Haldex mit dem deutschen Rivalen ZF Friedrichshafen wurde verhindert.

Gewerkschaften sind auf das Unternehmen nicht gut zu sprechen

Auch Gewerkschaften sind auf die Münchner nicht gut zu sprechen. Große Teile der rund 29 000 Beschäftigten des Unternehmens, von denen ein Fünftel in deutschen Werken arbeitet, haben eine 42-Stunden-Woche. Das Personal von Knorr-Bremse arbeitet also pro Woche rechnerisch einen Tag länger als das von Wettbewerbern, die an tarifliche 35 Wochenstunden gebunden sind. Knorr-Bremse ist im Jahr 2004 aus dem Arbeitgeberverband ausgetreten. Um vor dem Börsengang für Ruhe im eigenen Haus und an der Gewerkschaftsfront zu sorgen, wurde vor einigen Monaten mit Belegschaftsvertretern auf drei Jahre verteilt eine zehnprozentige Lohnerhöhung ausgehandelt.

Wirtschaftlich zahlen sich die Methoden aus. In den vergangenen 30 Jahren ist der Umsatz von Knorr-Bremse im Schnitt um jährlich ein Zehntel gewachsen, wobei auch Zukäufe eine wichtige Rolle gespielt haben. Zum Halbjahr 2018 sind die Erlöse um weitere gut elf Prozent auf mehr als 3,3 Milliarden Euro angewachsen, der operative Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen etwas stärker auf 582 Millionen Euro. In diesem Stil soll es weitergehen, hat der Vorstandschef Klaus Deller angekündigt. Für die nächsten drei bis vier Jahre sind allein operativ bei steigender Gewinnmarge jeweils rund fünf Prozent Umsatzwachstum geplant. Dazu kommen weitere Unternehmenszukäufe.

Börsengang füllt nur die Kasse der Thieles

Der Umstand, dass der Börsengang nur die Kasse der Thieles weiter füllt, deren Privatvermögen Bloomberg auf gut zehn Milliarden Euro schätzt, bekümmert Deller nicht. „Wir haben das Geld, das wir die ganzen Jahre eingenommen haben, gar nicht ausgeben können“, ließ er diesen März wissen und auch, wer im Haus das Sagen hat. „Letztlich entscheidet Thiele.“

Einen Nachfolger aus der Familie für sich selbst hat der Patriarch allerdings nicht gefunden. Manche sagen auch, er hat ihn vertrieben. Sohn Henrik ist vor drei Jahren als damaliger Vorstand überraschend aus dem Unternehmen ausgeschieden. Ob Wettbewerber, Gewerkschaften oder die eigene Familie – Thiele macht im persönlichen Umgang keine großen Unterschiede. Auch deshalb kommt jetzt der Börsengang. Das reduziert unweigerlich den operativen Einfluss des Mannes, der Knorr-Bremse 1985 im Zuge eines Management-Buy-outs übernommen hat. 2007 ist er in den Aufsichtsrat gewechselt, den seit Kurzem der ehemalige Daimler-Manager Klaus Mangold führt. Aus dem Machtzentrum ist Thiele aber nie verschwunden. Die Mehrheit im Haus hält er auch nach einem Börsengang weiterhin mit Tochter Julia, die selbst keine unternehmerischen Ambitionen hegt.

Künftig kann der Kapitalmarkt bei Geldbedarf angezapft werden

Falls das Unternehmen doch einmal viel Geld brauchen sollte, kann es börsennotiert künftig den Kapitalmarkt anzapfen. Auszuschließen ist das nicht, weil auch die Lkw- und Zugbranche von den kapitalintensiven Megatrends Digitalisierung und automatisiertes Fahren beherrscht wird. „Ein Börsengang ist für uns der richtige nächste Schritt“, sagt Deller. Das gebe strategischen Handlungsspielraum. Nicht wenige im Haus und drum herum hoffen auch darauf, dass am Ende auch eine umgänglichere Firmenkultur Einzug hält.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: