Dem Satiriker Jan Böhmermann fallen nach dem Massenmord von Paris 100 Fragen ein. Antworten geben andere – zum Glück. Foto: Jan Böhmermann bei Facebook / Screenshot

Nach dem Massenmord in Paris ist die politische Satire in Deutschland fürs Erste erledigt – zumindest in ihrer Funktion als außerparlamentarische Opposition, findet unser Redakteur Jan Georg Plavec.

Paris / Stuttgart - In den vergangenen Jahren waren Satiriker wie Oliver Welke von der „heute show” und Jan Böhmermann von „Neo Magazin Royale” zu vermeintlich ehrlich-idealistischen Kommentatoren eines zunehmend selbst als Satire empfundenen politischen Geschehens aufgestiegen – zumindest unter ihren nicht ganz wenigen, im Netz nicht ganz einflusslosen Lesern und Zuschauern. Verkehrte Welt: Satiriker halten politisch die Stellung, während die Politik zur Realsatire verkommt.

Niemand kann das, was am Freitagabend in Paris geschehen ist, mit einem Witz kommentieren. Man könnte es auch einfach nicht kommentieren. Die „heute show“ wurde am Freitag nicht ausgestrahlt.

Jan Böhmermann hat die Ereignisse von Paris kommentiert, und zwar am Sonntag auf seiner Facebookseite. 100 Fragen hat er formuliert, die erste lautet „Warum?“, die letzte „Möchte ich lieber in einem Land leben, in dem ich alle Fragen stellen kann, aber nur auf wenige eine Antwort erhalte oder in einem Land, in dem ich nur wenige Fragen stellen darf, die aber beantwortet bekomme?“. Dazwischen 98 weitere zu Krieg, Terror, Politikern und Wertefragen.

Der zehntausendfach auf Facebook geteilte und mit „Gefällt mir“ markierte Beitrag erfuhr viel Zustimmung – und eine viel beachtete Replik des „Welt”-Feuilletonchefs Andreas Rosenfelder. Der hat den Spieß am Sonntag auf furiose Weise umgedreht und antwortete auf Böhmermanns Fragen.

„Das klingt sehr, sehr suggestiv“

Während man aber bei Böhmermann davon ausgehen mag (sicher sein kann man bei ihm nie), dass er seine 100 Fragen aus ehrlicher Betroffenheit formuliert und völlig ernst gemeint hat, sind die Antworten des „Welt”-Ressortleiters (dem man wiederum Ernsthaftigkeit unterstellen darf) schiere Satire. Oder zumindest Meta-Satire, die die Naivität der Böhmermann-Fragen bloßstellt. Frage: „Stehe ich hinter Thomas de Maizière?“ – Antwort: „Unwahrscheinlich.“ Frage: „Sind Horst Seehofer und Markus Söder gar keine Staatsmänner von Weltrang, sondern bloß zwei bedauernswerte bayrische Provinztrampel?“ Antwort: „Das klingt sehr, sehr suggestiv. War gar nicht als Frage gemeint, oder?“ Und so weiter.

Auf den Facebookseiten von Böhmermann, der „Welt”, Stefan Niggemeier und anderen wird seit Sonntag natürlich eifrig diskutiert, ob Böhmermann mit seinen Fragen den Nerv trifft oder ob der „Welt“-Redakteur Rosenfelder Recht hat. Die Antwort hängt von der aktuellen Befindlichkeit des Lesers ab. Wichtiger ist die bereits eingangs formulierte Feststellung: die politische Satire ist fürs Erste erledigt.

Die Politik ist zurück, vor unser aller Augen

Politische Satire hatte es in den letzten Jahren leicht. Politik war oft genug bloß Politiktheater und auch noch von sich selbst gelangweilt. Natürlich gab es große Fragen zu klären, aber eine rechte Betroffenheit spürte die breite Masse der Bürger nicht. Finanzkrise – Deutschland blieb bisher weitgehend verschont. Überwachung und Datensammler wie Facebook – nimmt man hin. Klimawandel – ist doch schön, wenn sich der November wie Frühling anfühlt.

Mit den Flüchtlingen ist die Politik seit dem Sommer wieder im Alltag angekommen. Auch in der medialisierten Welt des Jahres 2015 sind die Systembauten, Zelte und zu Flüchtlingsunterkünften umgewidmeten Turnhallen vor der eigenen Tür der stärkste Anreiz, sich über das große Ganze Gedanken zu machen und darüber zu diskutieren. Und zwar ernsthaft. Die Witzemacher haben beim Flüchtlingsthema Sendepause. Wo man hinhört: hochpolitische Diskussionen über die Ursachen der Flüchtlingskrise, den Umgang damit, die Folgen für Deutschland und Europa.

Böhmermann stellt Fragen – Antworten geben andere

Nach dem Massenmord von Paris sind dem Satiriker Böhmermann 100 Fragen eingefallen. Antworten haben andere gegeben: Politiker vor allem, und Journalisten; und zwar nicht nur der Feuilletonchef der „Welt”. Das ist keine Häme, sondern eine erleichterte Erkenntnis: wenn es wirklich gilt, ergreifen die gewählten Vertreter das Wort (oder zumindest Profis der geordneten Informationsvermittlung) – und das besonnen und bei aller Bestürzung über die unfassbare Grausamkeit der Taten so sachlich wie irgend möglich. Und die Menschen hören ihnen zu, statt sich darüber lustig zu machen.

Hoffentlich erhalten wir uns diese Ernsthaftigkeit für die Zeit, in der die unmittelbare Betroffenheit der Paris-Anschläge nachlässt. Nicht nur wegen der genannten Satiriker, auch wegen Scharfmachern wie Pegida und der AfD war es um die politische Diskussionskultur hierzulande zuletzt nicht gut bestellt. Deshalb ist nicht ausgemacht, dass der Paris-Schock uns zu einer über Propaganda und politische Tabus hinausreichende Debatten zurückbringt.

Andererseits hatten die Dringlichkeit der Flüchtlingskrise und nicht zuletzt Angela Merkel selbst bereits in den vergangenen Wochen zu einer Repolitisierung der von Merkel und der großen Koalition entpolitisierten gesellschaftlichen Debatte geführt. Es wäre somit auch ein Beleg für einen gesunderen öffentlichen Diskurs, wenn Böhmermann und Co. von der Rolle des Ersatzpolitikers auf das zurückgeworfen würden, was sie eigentlich sein sollen: bissige, gern übertreibende Kommentatoren eines aber bereits aus sich selbst heraus interessanten und bedeutungsvollen politischen Diskurses.

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