Glänzend aufgelegt: Kantorei und Prima Vera interpretieren Bach:Foto: Eibner/Nicolas Wörn Foto:  

Die Böblinger Kantorei und das Ensemble Prima Vera geben in der Stadtkirche vor begeistertem Publikum ein Sonntagskonzert.

„Nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen. Wegen seines unendlichen, unerschöpflichen Reichtums an Tonkombinationen und Harmonien“, so kommentierte Beethoven einst das Werk seines Kollegen. Tauchen einige Tropfen aus diesem unerschöpflichen Musikmeer in Konzerten auf, so sind sie meist kirchenmusikalischer Natur. Was den Blick auf den sächsischen Kapellmeister etwas verengt. Von den 1121 Werken des Bachwerke-Verzeichnisses sind rund die Hälfte konzertante Kompositionen ohne kirchlich-theologischen Hintergrund konzipiert. Kleines Aperçu: Bach komponierte wahrscheinlich sogar mehr Werke in 65 Lebensjahren, war auch zwei Mal verheiratet und Vater von 20 Kindern.

 

Zu Kantaten und Stücken aus der Messe h-Moll gesellt sich die Suite Nummer 3

Insofern war es eine gute Zusammenstellung beim Konzert der Böblingen Kantorei in der Stadtkirche, nicht nur eine der bedeutendsten Kantaten und Auszüge aus der Messe in h-Moll, BWV 232, aufzuführen, sondern auch ein populäres Orchesterwerk: die dritte Orchestersuite BWV 1068, deren legendäres „Air“ wohl zu den populärsten Kompositionen Bachs gehört. Mit rund 230 Besuchern/innen war die Stadtkirche gut gefüllt, was auch der Akustik zugute kam.

Bereits vor drei Jahren geplant, musste das Konzert aus den bekannten Gründen immer wieder verschoben werden. Kantor Eckhart Böhm, seit 2005 in Böblingen, hatte zehn Proben in den vergangenen drei Monaten angesetzt. Es gab dabei ein Novum, denn erstmals hatte er als Orchester das Ensemble Prima Vera eingeladen, das sich auf historisierende Interpretation spezialisiert hat. Das heißt, dass die Streicher ohne Vibrato spielen, der Klang durch die Bläser eher etwas schärfer wirkt und durch die echten Darmsaiten in den Streichern etwas wärmer. Die Musiker realisierten einen vitalen, in sich ruhenden Musizierstil. Der Gesamtklang war nahezu erdig und der musikalische Fluss durch rhythmische Linien strukturiert, etwa in der einleitenden Sinfonie zu der Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“, BWV 21.

Die vier Solisten überzeugen mit präziser Artikulation und feinem Timbre

Diese zählt sind aufgrund ihrer emotionalen Intensität zu den bedeutendsten ihrer Art. Die vier Solisten Julia Hinger (Sopran), Gabriele Lesch (Alt), Michael Seifferth (Tenor) und Patrick Rützel (Bass) passten sich nahtlos in den pointierten Musizierstil ein: präzise in der Artikulation, engagiert in der Interpretation. Das Duett mit Sopran und Bass „Nein, ach nein, du bist erkoren, ja, ach ja, ich liebe dich“ wurde auch mit der nötigen Prise Humor gesungen.

Die Böblinger Kantorei überzeugte mit satter Klangsubstanz, musizierte aber auch sicher durch die anspruchsvollen Chorfugen. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die gute Chorkultur war das sehr substanzvolle „piano“ im Chorsatz der Messe in h-Moll, mit der das Konzert zu Ende ging. Aus einer der bedeutendsten Kompositionen Bachs wurden in dem Konzert drei Chorsätze und zwei Arien interpretiert. Ein besonderer Höhepunkt hier war das Duett zwischen Sopran und Alt, das die beiden Sängerinnen mit ihren klaren Stimmen und den gut zueinander passenden Timbres klangvoll gestalteten. Nach so viel musikalischem Abwechslungsreichtum und hoher Interpretationsqualität wurden alle Musiker mit lang anhaltendem, begeisterten Beifall verabschiedet.

Beim nächsten Auftritt der Böblinger Kantorei in der Stadtkirche am 9. Juli stehen Chorwerke von Rutter, Brahms und Gäfgen im Programm.