Am Böblinger Seecarré öffnet im April ein Medizinisches Versorgungszentrum mit vier Haus- und drei Kinderärzten. Was hat die Riesenpraxis zu bieten? Und warum macht – in Zeiten des Ärztemangels – ein solches Zentrum ausgerechnet in Böblingen auf?
Noch sieht es ein wenig karg aus im Erdgeschoss der Herrenberger Straße 22. Hans-Jörg Wertenauer schlängelt sich vorbei an auf dem Boden stehenden Kartons, zwängt sich vorbei an Bauarbeitern, die Möbel zusammenschrauben. Die hellen Räume mit weißen Wänden warten nur darauf, mit Leben gefüllt zu werden. Lange wird es nicht mehr dauern, bis es hier vor großen und kleine Patienten wuselt. Am 8. April öffnet die Praxis „Ärzte am Seecarré“.
Hans-Jörg Wertenauer hat das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) als Arzt aufgebaut, gemeinsam mit Michael Knüppel, der sich hauptsächlich um die Verwaltungsaufgaben kümmert. Vier Haus- und drei Kinderärzte werden hier ab April Patienten behandeln, zehn Medizinische Fachangestellte (MFAs) sollen dabei unterstützen. Und es können noch deutlich mehr werden. Im Laufe des Jahres wolle man – je nach Auslastung – noch weitere zwei bis drei Ärzte und entsprechend viele MFAs einstellen. Die 440 Quadratmeter großen Praxisräume seien mit der anfänglichen Besetzung noch lange nicht ausgelastet, sagt Michael Knüppel.
Ultraschall, Labor, jede Menge Platz und Hausbesuche
Künftig wird in der Praxis Allgemeinmedizin für Erwachsene und Kinder geboten, mit allem, was dazugehört. Ultraschall, ein EKG, ein kleines Labor, eine Lungenfunktion, dazu jede Menge Behandlungsräume. Hausbesuche sind auch im Angebot. Akute Behandlungen übernimmt der Arzt, der gerade da ist. Trotzdem soll es eine Arzt-Patienten-Bindung geben: Jeder soll sich zu Beginn einen Arzt aussuchen und bei ihm nach Möglichkeit bleiben.
Zwar herrscht nicht nur im Kreis Böblingen Ärztemangel, sondern so ziemlich überall, doch auch hier kommt diese Praxis wie gerufen. Vor allem, weil auch junge Ärzte dabei sind, die nicht in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen. Vom Alter her sei jedes Jahrzehnt dabei, betont Knüppel.
Fachkräftemangel, Ärztemangel, allgegenwärtige Personalprobleme: Wie haben die beiden es geschafft, eine so große Praxis mit so viel Personal aufzubauen? „Es ist besser gelaufen als befürchtet“, sagt Knüppel. Gesucht haben sie über die üblichen Kanäle, Internetbörsen und Zeitschriften. Was zog, waren zwei Punkte: Einerseits reizte viele die Möglichkeit, eine Praxis von Anfang an mit aufzubauen. „Andererseits war die Kombination aus Kinderarzt und Hausarzt interessant“, sagt er.
Ein weiterer Punkt, der das Personal reizen könnte: das Format MVZ mit großem Team, bei dem alle – auch die Ärzte – „nur“ angestellt sind und vom persönlichen Risiko und dem alltäglichen Verwaltungskram von Selbstständigen verschont bleiben. Mit einem großen Personalstamm könne man bei Krankheiten, Schwangerschaften und so weiter besser reagieren, sagt Wertenauer. „Wer eine Einzelpraxis führt, arbeitet siebzig Stunden pro Woche und macht wenig Urlaub“, sagt er. Viele wollen das nicht mehr. Der „Megatrend“, so Michael Knüppel, sei Teilzeit. In der Praxis am Seecarré arbeitet künftig keiner der Ärzte in Vollzeit.
Um nichtmedizinische Aufgaben wie Finanzen, Personalplanung und den Einkauf von Medikamenten kümmern sich Verwaltungsangestellte. Hans-Jörg Wertenauer und Michael Knüppel betreiben noch fünf weitere MVZs in der Region Stuttgart, der Träger ist ein übergeordnetes Unternehmen. So können Verwaltungsarbeiten gebündelt werden – und das Praxisteam entlastet.
Online-Termine und Infomaterial von Zuhause aus
Dafür sorgt noch ein weiterer Aspekt: die Digitalisierung. „Wir alle kennen die Klagen: Ich komme nie durch, wenn ich anrufe“, sagt Michael Knüppel. Deshalb sollen ihre Patienten Termine möglichst online buchen.
Und sie gehen noch einen Schritt weiter: Je nach Termin – geht es um eine U3 für Kinder, einen Impftermin oder eine Beratung? – bekommt man gleich Informationsmaterial und Fragebögen zugeschickt, die man ausfüllen und gleich zurücksenden kann. So hat der Arzt schon zu Beginn des Termins die wichtigsten Hintergrundinformationen und kann seine Anamnese daran anschließen. Natürlich gilt: Wer für Online-Termine nicht die technischen Möglichkeiten hat, darf auch einfach zum Telefon greifen.
Trotzdem: Digitalisierung spare Zeit und Ressourcen, die anderswo eingesetzt werden können. „Das ist ganz entscheidend dafür, wie der Betrieb flutscht“, sagt Wertenauer. Auch das E-Rezept und den elektronischen Impfpass will er als Standard etablieren.
Bis es so weit ist, ist noch einiges zu tun: Telefone müssen angeschlossen, die Medizintechnik funktionstüchtig gemacht werden. Bereits jetzt können Termine vereinbart werden. Mit wie vielen Patienten die beiden rechnen? „Das ist schwer zu sagen“, sagt Wertenauer. „Wir glauben aber, dass wir gut zu tun haben werden.“
Denn deshalb sind sie eigentlich auch nach Böblingen gekommen: Hier sei der Bedarf für Haus- und Kinderärzte besonders groß. Ein entscheidender Punkt waren die auch Räumlichkeiten. Eineinhalb Jahre lang haben Wertenauer und Knüppel nach den passenden Räumen gesucht, in Böblingen wurden sie schließlich in einem Projekt der Böblinger Baugesellschaft fündig. Ein weiterer Punkt: Böblingen liegt nicht auf dem Land, sondern im Ballungsgebiet der Landeshauptstadt. Das dürfte bei der Personalbeschaffung ebenfalls geholfen haben. Denn davon ist Michael Knüppel überzeugt: „Auf dem Land wäre eine Praxis mit sieben Ärzten sicher unmöglich.“
Was Patienten im neuen MVZ erwartet
Wer arbeitet dort?
Dr. med. Hartmut Gölkel, Facharzt für Innere Medizin, Hausarzt; Karina Golling, Fachärztin für Allgemeinmedizin; Doctor-Medic Ligia-Theodora Ludwig, Fachärztin für Innere Medizin, Hausärztin; Dr. med. Reinhart Radunski, Facharzt für Allgemeinmedizin; Dr. med. Jana Buthge, Lilian Tchboukji und Susanne Weis, Fachärztinnen für Kinder- und Jugendmedizin
Wann geht’s los?
Termine können schon jetzt gemacht werden, ab dem 27. März ist die Praxis auch über das Telefon erreichbar. Am 8. April ist die Praxis dann zum ersten Mal regulär geöffnet.
Wer steckt dahinter?
Hans-Jörg Wertenauer (52) ist Internist und Hausarzt. Mit Böblingen hat er sechs Zentren im Raum Stuttgart aufgebaut. In Corona-Zeiten war er Pandemiebeauftragter der Kassenärztlichen Vereinigung für Stuttgart. Michael Knüppel (56) kommt aus der Verwaltung, hauptsächlich im Gesundheitswesen. Beide sind Geschäftsführer der Medizinischen Versorgungszentren.