Wenn es bei der Staatsanwaltschaft zu Engpässen kommt, sinken bei der Jugendgerichtshilfe die Fallzahlen. Foto: dpa

Manche Fälle jugendlicher Straftäter seien zwei oder drei Jahre alt, die bei ihm zuletzt auf dem Schreibtisch landeten, sagt Günter Scheible. Der Böblinger Amtsrichter zeigt aber auch Verständnis: Es gebe Probleme bei der Auswertung von Telefonaten und Handy-Mitteilungen. Die Staatsanwaltschaft räumt ein, dass es in einem Jugenddezernat Rückstände gab.

Böblingen - Die Jugendgerichtshilfe im Kreis Böblingen muss sich wieder um mehr Fälle kümmern. Die Zahl der betreuten Straftäter stieg im vergangenen Jahr um 178 auf 1664 an. Dabei sage dies aber nichts über die tatsächliche Anzahl der Vergehen aus, die bei den Ermittlern gelandet seien, erklärte der Böblinger

Amtsrichter Günter Scheible. Er kritisierte jüngst im Jugendhilfeausschuss des Böblinger Kreistags die mitunter lange Bearbeitungszeit. „Ich erhielt Akten von Straftaten, die bisweilen schon Ende des Jahres 2013 oder Anfang 2014 begangen worden sind“, sagte Scheible.

Der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart, Jan Holzner, erklärte dazu: „Es gab bis Ende letzten Jahres Rückstände in einem Jugenddezernat.“ Diese seien aber behoben. Grundsätzlich sei man darauf aus, Jugendstrafverfahren so kurz wie möglich zu halten. „Wenn es Engpässe bei der Staatsanwaltschaft gibt, sinken unsere Fallzahlen. Danach kann es zu Bugwellen kommen“, erläuterte Dieter Weinmann, der Leiter der Jugendgerichtshilfe im Böblinger Landratsamt. Dadurch erkläre sich der Anstieg der Fälle im Jahr 2015. Dies sei problematisch, weil durch die lange Verfahrensdauer der eigentliche Sinn des Jugendstrafrechts, nämlich relativ zeitnah nach der Tat erzieherisch darauf zu reagieren, unterlaufen werde, sagte Weinmann. Manche Ermittlungen dauerten so lange, „weil die Auswertung von Telefongesprächen und Mitteilungen über das Handy bisweilen Probleme bereitet“, weiß Günter Scheible. „Das liegt sicher an der Sprache, die gar keine ist“, fügte er hinzu .

An der Spitze stehen Drogendelikte

Die Bilanz des Polizeipräsidiums Ludwigsburg geht für das Jahr 2015 von insgesamt 1693 tatverdächtigen Jugendlichen und Heranwachsenden im Kreis Böblingen aus. Signifikant sei der Anstieg bei den Drogendelikten, erklärte Günter Scheible. In 389 Verfahren, das sind 18,7 Prozent aller Fälle, handele es sich um Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. „Die aktuelle Diskussion über die Legalisierung von Cannabis erschwert unsere Arbeit, weil bei den jungen Leuten oftmals keine Einsicht über ihr Fehlverhaltens und den Risiken vorhanden ist“, berichtete Dieter Weinmann.

An zweiter Stelle stehen die Eigentumsdelikte mit einem Anteil von 16,8 Prozent und 349 Verfahren, fast gleichauf mit den Gewaltdelikten mit 16,7 Prozent (348 Verfahren). Erfreulich sei, bilanzierte Weinmann in dem Jahresbericht, dass es im Kreis Böblingen unter Jugendlichen keine Bandenkriminalität gebe. Rund 80 Prozent der Straftaten wurden von männlichen Jugendlichen begangen. Bei zwei Dritteln der Fälle habe es sich um Täter mit deutschem Pass gehandelt. Auch unter den jugendlichen Zuwanderern sei die Kriminalitätsrate zuletzt nicht deutlich höher gewesen als bei deutschen Heranwachsenden, stellte Dieter Weinmann weiter fest.

Arbeitsstunden und soziale Trainingskurse

Die Jugendgerichtshilfe im Böblinger Landratsamt ist mit sieben Mitarbeitern besetzt, die sich 5,3 Stellen teilen. Sie kümmern sich um den Täter-Opfer-Ausgleich, um einen Konflikt außergerichtlich beizulegen. Außerdem überwachen sie die Weisungen des Gerichts und organisieren auferlegte Arbeitsstunden sowie soziale Trainingskurse. Darüber hinaus helfen sie den Jugendlichen, die eine Untersuchungshaft hinter sich haben, bei der Suche nach einer Wohnung, einer Ausbildungsstelle und in schulischen Angelegenheiten.

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