Lachmöwen kommen in großen Teilen Baden-Württembergs vor. Foto: Jehle

Ist die Lachmöwe eine bedrohte Tierart? Naturschützer beklagen einen Rückgang der Art am Bodensee um zwei Drittel.

Konstanz - Möwen gehörten lange Zeit zum bekannten Bild des Bodensees und gelten für manche noch immer als Quälgeister. Doch wie bei vielen anderen Vogelarten am größten Binnengewässer Deutschlands ist ein markanter Artenschwund eingetreten. Die oft riesigen Schwärme von Möwen, die einst die Schiffe und Fähren umkreisten, scheinen Vergangenheit zu sein. Ornithologen und Naturschützer gehen davon aus, dass von früher 30 000 bis 40 000 Lachmöwen – der am Bodensee häufigsten Art – zurzeit gerade mal noch etwa 10 000 hier überwintern.

Möwen fallen Menschen besonders ins Auge

Etwa 300 Vogelarten gibt es an dem 536 Quadratkilometer großen Bodensee. Die Möwen sind dabei oft diejenigen, die Anwohnern und Touristen besonders ins Auge fallen. Harald Jacoby, der langjährige ehrenamtliche Vorsitzender des Nabu-Naturschutzzentrums Wollmatinger Ried, hat auf Anhieb keine eindeutige Erklärung für die markanten Rückgänge. Neben den Einflüssen intensivierter Landwirtschaft, so glaubt Jacoby, liege dies aber womöglich auch am zuletzt immer sauberer gewordenen Bodensee. Weniger Nährstoffeinträge und weniger Phosphate – die auch die Zahl der Fische reduzierten – wirke sich eben auch auf die Nahrungskette aus, sagt er. „Insgesamt gibt es weniger Bioproduktion in den Flachwasserzonen und im Seeschlamm. Das führt auch zu weniger großen Beständen an Schnecken oder Algen.“ Folglich könnten sich auch weniger Konsumenten insgesamt ernähren, so Jacoby, der die Lachmöwe „als Allesfresser“ bezeichnet, der teilweise auch „von den Abfällen der Wohlstandsgesellschaft“ gelebt habe.

Zählung im Dezember – ernüchternd

Jacoby ist auch „Zählungsbeauftragter“ der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Bodensee (OAB), die seit vielen Jahren von September bis April die Anzahl der Vögel erfasst. Das Wollmatinger Ried, eine ausgedehnte Flachwasserzone zwischen der Reichenau und dem gegenüber liegenden Schweizer Bodenseeufer ist dabei für alle Arten von Wasservögeln von immenser Bedeutung. Die letzten Zählungen im Dezember, so berichtet Jacoby, seien noch einmal sehr ernüchternd gewesen: „Da haben wir nur etwa 6000 Möwen zusammengebracht.“ Er geht aber davon aus, dass diese Zahl nicht den gesamten Bestand beschreibe – anders als bei den Entenarten, die an den See gebunden bleiben, seien „die Möwen tagsüber unterwegs auf Wiesen und Feldern oder eben in den Bodenseehäfen“. Jacoby benennt den Höhepunkt überwinternder Möwen am Bodensee mit den Jahren 1975 bis 1980. Seitdem gebe es „einen kontinuierlichen Rückgang“. Zurzeit seien es nur noch 20 Paare, die am Bodensee auch brüteten. Früher seien es, allein im besagten Ried, noch bis zu 100 Möwen-Pärchen gewesen.

Die Lachmöwe – eine bedrohte Art?

Die Lachmöwe erlebt durch ihren Rückgang tatsächlich auch einen Imagewandel. Früher habe man teils von „einer Möwenplage“ gesprochen. Die als immens anpassungsfähig geltende Gattung, die sich von allen Arten tierischer und pflanzlicher Nahrungsquellen ernährt, sei besonders bei Bootsbesitzern verhasst gewesen, die sich über „deren Hinterlassenschaften“ geärgert hätten, sagt der Naturschützer. Heute würden dieselben Leute sagen: „Wo sind denn die Möwen geblieben?“ Jacoby erinnert sich an Überschriften in populärwissenschaftlichen Artikeln, wie etwa „Ein Problemvogel bekommt Probleme“.

Gefährdet ist die Lachmöwe in ihrem Bestand aber nicht, weder am Bodensee noch europaweit. Der Trend ist regional unterschiedlich. Allerdings hatte die Lachmöwe in den 1960er und 1970er Jahren viele neue Lebensräume im Binnenland erobert, die Zahl der Tiere hatte sich damals verdoppelt. Seit den 1980er Jahren ist die Zahl der Tiere wieder rückläufig; wie stark ist aber unklar – so sieht die Weltnaturschutzunion (IUCN) nur einen moderaten Rückgang in Europa, andere nennen die Zahl von 25 Prozent. Der Rückgang um zwei Drittel am Bodensee wäre also tatsächlich gravierend. In Baden-Württemberg kommt die Lachmöwe in großen Teilen vor; nur in einem Gürtel zwischen Taubertal und Schwäbischer Alb fehlt sie.

Der ehrenamtlich tätige Nabu-Vorsitzende Harald Jacoby sieht die Lachmöwe aber auch am Bodensee nicht als bedroht an. Anders sehe das aber bei einigen Schilf- und Wiesenvögeln im Wollmatinger Ried aus: So brüte der Kiebitz nicht mehr in der Gegend, und das Braunkehlchen gebe es gar nicht mehr.

Die Lachmöwe und ihr Lebensraum

Arten

Von der Vogelfamilie der Möwen, zugehörig zu der Ordnung der Regenpfeiferartigen, gibt es etwa 20 eigene Unterarten. Diese reichen von der Dreizehenmöwe, über die Eismöwe, die Heringsmöwe, die Schwarzkopfmöwe bis hin zur Sturmmöwe, der Silbermöwe – und der am Bodensee immer noch überwiegend beheimateten Lachmöwe. Die Silbermöwe ist die wohl markanteste Art der Vogelfamilie an Nord- und Ostsee.

Verbreitung

Die wohl bekannteste Möwenart in Deutschland ist nach wie vor die Lachmöwe. Ihre Brutgebiete liegen an großen Seen, Teichen – a m liebsten mit kleinen Inseln – an Binnengewässern und auch im Wattenmeer. In großen Kolonien, die sie bilden, können schon mal ein paar tausend Möwen zusammen brüten. Die Lachmöwe ist deutlich kleiner als die Silbermöwe. Die meisten Möwen haben einen gelb-grünen Schnabel, der der Lachmöwe dagegen ist karminrot.

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