Unter der Erde der Provinz Lugar sollen große Kupfervorkommen lagern. Foto: /Imago

In Afghanistan lagern zwar angeblich viele Rohstoffe, die auch im Westen begehrt wären. Aber die Infrastruktur ist auch nach 20 Jahren Unterstützung durch den Westen noch auf einem mittelalterlichen Stand. Vor allem die Sicherheitslage hemmt den Fortschritt.

Frankfurt - Der letztlich abrupte Machtwechsel in Afghanistan hat die deutsche Wirtschaft ebenso überrascht wie die Politik. Die wirtschaftlichen Auswirkungen jedoch sind eng begrenzt. Deutschland zählte trotz der zwei Jahrzehnte andauernden Unterstützung nicht zu den Top-5-Handelspartnern des Landes, erklärt Katrin Kamin, Leiterin der Trade-Task-Force und Expertin für Geoökonomik am IfW Kiel. Das zeigen auch die Zahlen: Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Afghanistan bewegte sich im vergangenen Jahr auf einem ähnlichen Niveau wie mit Togo oder Ruanda.

 

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Nach Angaben der bundeseigenen Gesellschaft Germany Trade & Invest und dem Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) lag das Land am Hindukusch bei den Exporten mit knapp 70 Millionen Euro auf Rang 130 der 239 Handelspartner Deutschlands. Ausfuhrgüter aus Deutschland sind vor allem Autos und Autoteile, Maschinen, Anlagen sowie Nahrungsmittel. Die Importe sind dagegen mit 15 Millionen Euro kaum messbar. Die größten legalen Exportgüter Afghanistans sind Rosinen, Walnüsse, Mandeln, Feigen, Pinienkerne und getrocknete Aprikosen, die vor allem nach Indien und China geliefert werden. Deutschland hat solche Produkte zuletzt nur im Wert von rund 80 000 Euro im Jahr eingeführt.

Taliban bekommen die Kontrolle über die Bodenschätze

Nach mehr als vier Jahrzehnten Krieg und Konflikten war das Land von Hilfszahlungen abhängig – die jetzt von vielen Staaten vorerst ausgesetzt wurden. Die Sicherheitslage ist aus Sicht der Kieler Wissenschaftlerin Kamin auch nach wie vor das größte Problem für den wirtschaftlichen Aufbau des Landes. Private Investitionen waren bisher schon kaum vorhanden und würden nun wohl auch ausbleiben, meint Katrin Kamin.

Die Taliban, so erklären westliche Beobachter, würden sich bisher hauptsächlich über illegale Drogengeschäfte finanzieren. Nun aber bekommen sie die Kontrolle über Bodenschätze, die nach Einschätzung von US-Geologen bis zu drei Billionen US-Dollar wert sein könnten. „Vieles von dem wird bisher nur vermutet“, meint die IfW-Wissenschaftlerin. Aber die schon vorhandenen Bergbauaktivitäten würden zeigen, wie schwer es wäre, die Bodenschätze überhaupt abzubauen. Im Boden des Landes sollen unter anderem Lithium und Kupfer, Aluminium und Gold, Kohle und Kobalt und noch viel mehr Rohstoffe lagern.

In Afghanistan soll so viel Lithium wie in Bolivien lagern

Lithium ist einer der wichtigsten Grundstoffe für die Elektromobilität und Batteriezellen – in Afghanistan soll so viel Lithium lagern wie in Bolivien, dem bisher größten Lieferland. Bekannt ist Afghanistan bislang vor allem für seine Edelsteine, darunter Smaragde und Rubine, sowie für Lapislazuli, Turmaline und auch Marmor.

Rund 60 Prozent des Haushalts wurden zuletzt durch internationale Staaten finanziert. Die vier wichtigsten Geldgeber seit 2015 waren nach Angaben der OECD die USA, Großbritannien, Japan und Deutschland. Für die Bundesrepublik war Afghanistan bisher die Nummer eins unter den Empfängerländern von Entwicklungshilfe. Allein für dieses Jahr waren 250 Millionen Euro veranschlagt. Bis 2024 wollte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zusammen mit anderen Ministerien jährlich bis zu 430 Millionen Euro zur Verfügung stellen. Vor allem die Gesellschaft für wirtschaftliche Zusammenarbeit (GIZ) und die bundeseigene Förderbank KfW waren dabei mit diversen Projekten aktiv. Die KfW hat ein Portfolio von rund 1,2 Milliarden Euro mit etwa 30 Projekten in Afghanistan. Die Kredite wurden über afghanische Ministerien im Rahmen von Ausschreibungen auch an deutsche Firmen vergeben. So fördert die Staatsbank etwa mit der Stuttgarter Ingenieurberatung Fichtner die Wasserversorgung in Kabul für knapp 70 Millionen Euro. Gerade einmal 16 Prozent der afghanischen Haushalte werden von der staatlichen Wasserbehörde versorgt.

Die Hilfsgelder sind wohl großteils versickert

Seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes im Jahr 2001 hat die Bundesregierung rund 3,5 Milliarden Euro in Afghanistan investiert. Und ein Abkommen mit der wieder abgesetzten afghanischen Regierung sah weitere Investitionen in Milliardenhöhe vor – dabei sollten auch private Firmen zunehmend zum Einsatz kommen. Der Münchner Konzern Siemens Energy etwa hoffte auf einen großen Regierungsauftrag zum Aufbau eines Stromnetzes – der jedoch noch nicht erteilt war.

Die Entwicklungshilfen aus den USA, der EU und auch Deutschland seien nicht nachhaltig genug eingesetzt worden, kritisiert Conrad Schetter, Afghanistan-Experte am Internationalen Konversionszentrum in Bonn. „Die Korruption in Afghanistan wurde zu wenig bekämpft, und deswegen sind auch die Hilfsgelder nicht immer angekommen, vor allem nicht bei der afghanischen Bevölkerung“, erklärte der Experte. Stattdessen sei viel Geld – auch deutsches – in die Bekämpfung des Terrors geflossen, so dass die Wirtschaft des Landes nicht nachhaltig beeinflusst wurde. Trotz internationaler Präsenz und Hilfen sei Afghanistan arm geblieben. „Nachdem schon 2011 ein großer Teil der Truppen abgezogen worden war, haben viele Afghanen ihr Kapital in Nachbarländer gebracht – deswegen ist viel Kapital aus dem Land abgeflossen“, sagt Schetter. Das Bruttoinlandsprodukt Afghanistans ist seit 2012 deutlich gesunken und liegt bei gerade einmal 20 Milliarden US-Dollar.