Der legendäre Pilot Carl Feierabend 1913 am Steuer eines Viererbobs Foto: Privatarchiv Beat Christen, Engelberg

Die Alpenstadt Engelberg in der Zentralschweiz schrieb nicht nur wegen der legendären Feierabend-Bobs große Sportgeschichte.

Wenn man Beat Christen fragt, warum ausgerechnet Engelberg so viele erfolgreiche Olympioniken hervorgebracht hat, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen. „Engelberg ist eine einzige große Turnhalle ohne Dach!“, sagt er.

 

Der Mann muss es wissen. Er lebt in dem Ort in der Zentralschweiz, ist Autor zahlreicher Festschriften über Berge wie den Titlis oder Piz Palü und schreibt über Skirennfahrer. Außerdem stammen von ihm die „Engelberger Dokumente“, von denen eines den „Wunderschlitten im Eiskanal“ gewidmet ist.

Und diese „Wunderschlitten“ schrieben ruhmreiche Geschichte. Denn Engelberg und der Bobsport erlebten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Höhepunkt nach dem anderen. Untrennbar damit verbunden ist der Name Feierabend.

Im Bob des Vaters zum Erfolg

Noch heute gilt der 1908 geborene Fritz Feierabend als einer der erfolgreichsten Bobpiloten der Welt zu seiner Zeit. Er war von 1933 bis 1955 aktiv und gewann zwölf Weltmeisterschafts- und fünf Olympiamedaillen sowie zehn Schweizer Meistertitel. Sechsmal stand er bei einer WM ganz oben auf dem Treppchen.

Seine Erfolge feierte Fritz Feierabend alle auf den legendären Feierabend-Bobs. Entwickelt wurden sie von seinem Vater Carl. Der war selbst ein erfolgreicher Pilot und gewann drei Meistertitel in der Schweiz.

Carl Feierabend war es, der Ende der 1920er Jahre die Bobs grundlegend anders baute. Er konstruierte den ersten Schlitten komplett aus Metall. Von Beginn an war er mit diesem Bob erfolgreich. Ein Grund: Der Schwerpunkt lag wegen des Gewichts tiefer als bei den bis dahin üblichen Modellen.

Ein Modell des Feierabend-Bobs Foto: Privatarchiv Beat Christen, Engelberg

Gemeinsam mit seinem Bremser Albert Odermatt und dem neuen Schlitten im Gepäck machte sich Carl im Winter 1927/28 zur Deutschlandtournee auf. Die beiden Senioren – beide waren schon mehr als 50 Jahre alt – gewannen gleich mehrere Rennen.

Ohne Feierabend-Bob kein Sieg

Das führte in der deutschen Presse zu nachhaltigem Echo. Der „Wunderschlitten“ war geboren. Der Feierabend-Bob sollte fortan den Bobsport dominieren. Beat Christen: „Wer ein internationales Rennen gewinnen wollte, brauchte einen Feierabend-Bob unter dem Hintern.“

Das Ende der legendären Bobs aus Engelberg kam dann in den 1950er Jahren, als die Konkurrenz mit den Podar-Bobs aus Italien immer mehr den Feierabend-Bobs den Rang ablief. Der letzte Sieg eines Engelberger Schlittens stammt aus dem Jahr 1956. Bei den Olympischen Spielen in Cortina d’Ampezzo gewann die Schweiz mit Franz Kapus am Steuer im Viererbob die Goldmedaille. Carl Feierabend starb 1955 im Alter von 87 Jahren. Sein Sohn Fritz lebte bis 1978.

Doch nicht nur wegen der legendären Feierabend-Bobs schrieb Engelberg Sportgeschichte. Heute ist die Sportmittelschule eine herausragende Kaderschmiede für Medaillenkandidaten im Wintersport. Die Skirennfahrer Marco Odermatt und Michelle Gisin sind nur zwei der namhaften Absolventen.

Auch die 1912 erbaute Bobbahn auf der Straße hinauf zur Gerschni-Alp sorgte zu ihrer Zeit für Schlagzeilen weit übers Land hinaus. Die Historiker gehen davon aus, dass diese damals neue Sportart sehr früh durch vorwiegend englische Gäste auch in Engelberg eingeführt worden ist.

Etliche Forscher sagen, so schreibt es Beat Christen, dass die Wiege des Bobsports in Davos liege. Gemäß einer Überlieferung soll im Winter 1888/89 der New Yorker Stephen Whitney in Davos zwei niedrige „Americas-Schlitten“ zusammengekoppelt haben. Mittels Verbindungsbrett wurde eine erweiterte Sitzfläche geschaffen, und dank eines Bolzens war der vordere Schlittenteil lenkbar. Die erste Fahrt erfolgte auf der Straße vom Wolfgangpass nach Klosters.

Wer hat’s erfunden? Auf jeden Fall die Schweizer

Die andere Version der Entstehungsgeschichte des Bobsports nehmen die Engadiner für sich in Anspruch. „Bobbing“, wie die alten Engländer sagten, soll laut Christen zum gleichen Zeitpunkt auch im Oberengadin betrieben worden sein. Der erste eigentliche Bob war das Werk des St. Moritzer Hufschmids Christian Mathis. Er baute nach den Vorgaben des Engländers Major Bulpetts ein Gefährt aus Stahl, in dem man aufrecht sitzen konnte. Zudem war der „Bobsleigh“ mittels Seilsteuerung lenkbar. Major Bulpetts ging zudem als Begründer des heute noch legendären Cresta Runs zwischen St. Moritz und Celerina in die Geschichtsbücher ein.

Das letzte große Rennen auf der Engelberger Bobbahn waren die Weltmeisterschaften 1934. Dass die Bahn immer mehr an Bedeutung verlor, lag unter anderem an den stetig steigenden Sicherheitsnormen für die Rennen. Die Krise der Vorkriegsjahre erschwerte es zusätzlich, den Eiskanal für viel Geld Jahr für Jahr neu herzurichten. Um die Bahn aber als touristische Attraktion vorzeigen zu können, restaurierte man sie in den 1990er Jahren mit großem Aufwand. Vor allem die vom Zerfall bedrohten Trockensteinmauern wurden saniert.

Hauptrolle im Kino

Auch die Feierabend-Bobs rückten trotz ihres Aus auf den Rennstrecken immer wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit. 1954 kam der Film „Die Sonne von St. Moritz“ in die Kinos. Karlheinz Böhm spielte in der Kriminalkomödie einen Arzt. Bei dem Actionstreifen kommt es während einer rasanten Fahrt mit einem Feierabend-Bob zum Showdown.

1969 war dann James Bond mit „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ auf der Leinwand zu sehen. Waghalsige Skiabfahrten mit Bernhard Russi als Stuntman und Willy Bogner als Kameramann sowie eine halsbrecherische Verfolgungsjagd mit zwei Feierabend-Bobs bilden den Höhepunkt des Bond-Thrillers. Beide Bobs sind am Ende nur noch Schrott und blieben der Nachwelt somit nicht erhalten.

Foto: Frank Schwaibold/Frank Schwaibold

Dafür kann man ein anderes Feierabend-Modell noch heute bewundern. Gut erhalten und restauriert ist es temporär als Blickfang im Foyer des Engelberger Hotels Kempinski Palace ausgestellt. Denn die Geschichte des mondänen Hotels ist ebenfalls eng mit dem Wintersport verbunden. Erster Besitzer war der damalige Kantonsrat Eduard Cattani (1841–1908). Er beauftragte seinen Bruder, den Architekten Arnold Cattani, mit dem Bau des Grandhotels. 1904 wurde es eröffnet.

Ein weiterer Sprössling der Cattani-Sippe war der Jurist Heinz Cattani. Auch in ihm schlummerte das Bobvirus. Bereits als 15-Jähriger fuhr er mit Fritz Feierabend die Engelberger Bobbahn hinunter. 1939 gelang dann der Triumph: Heinz Cattani saß im Viererbob von Fritz und wurde mit diesem Weltmeister in Cortina d’Ampezzo. Das war die Zeit, als Engelberg den Bobsport beherrschte.