Nach der Auseinandersetzung vor der Stadtbibliothek ermittelt die Polizei – was wird sie über das Motiv herausfinden? Foto: 7aktuell.de/Oskar Eyb

Nach einer trügerischen Ruhe in der Innenstadt hat es am Mailänder Platz wieder eine blutige Auseinandersetzung unter Jugendlichen mit Messern und Schlagstöcken gegeben. Was steckt hinter dem Zwischenfall?

Noch unklar sind die Motive, die zu dem blutigen Streit unter Jugendlichen am Mailänder Platz am späten Freitagabend geführt haben. Zwar hat die Polizei neben vier Verletzten auch etwa ein Dutzend weiterer mutmaßlicher Beteiligter ermittelt. „Aber die Betroffenen sprechen nicht mit uns“, sagt Polizeisprecher Thomas Ulmer. Vor der Stadtbibliothek sind am Freitag gegen 20 Uhr zwei Gruppen aneinander geraten – mit Messer und Schlagstock. Die Mobile Jugendarbeit spricht von einer „neuen Generation“.

 

Es schien wenig los zu sein auf dem Mailänder Platz. Die Streetworker der Mobilen, die seit 2018 den Brennpunkt zwischen Stadtbahnhaltestelle, Milaneo und Stadtbibliothek mit Anlaufstelle betreuen, hatten nicht den Eindruck, dass im Europaviertel noch größere Jugendgruppen auftauchen würden. Gegen 19 Uhr rückte man Richtung Innenstadt ab. „Wir haben schließlich ein Gebiet vom Milaneo über den Schlossplatz bis zur Paulinenbrücke abzudecken“, sagt der Streetworker Simon Fregin.

Es kam plötzlich und unerwartet

Später aber braute sich doch etwas zusammen. Und brach gegen 20 Uhr los: Dutzende Jugendliche lieferten sich eine Prügelei, neben Fäusten kamen auch Messer und mindestens ein Schlagstock zum Einsatz. Die Polizei, die anfangs von 40 Personen ausging, rückte mit einem Großaufgebot an. Die Beteiligten türmten vorher – wurden aber nach und nach im Bereich der Innenstadt oder noch in der Nähe eingefangen. Darunter drei 17-Jährige – zwei von ihnen schwer und einer leicht verletzt durch Messerstiche. „Insgesamt konnten wir mehr als ein Dutzend mutmaßliche Beteiligte feststellen“, sagt Polizeisprecher Ulmer.

Nur wenig später ging ein weiteres Quartett dunkel gekleideter junger Männer ins Netz. Die Gruppe war in einer Stadtbahn der Linie U 7 Richtung Ostfildern geflüchtet – und hatte sich dabei nicht unbedingt unauffällig verhalten. Ein Fahrgast meldete per Notruf herumpöbelnde junge Männer, von denen einer erheblich im Gesicht verletzt sei. Die Polizei fing die Stadtbahn an der Haltestelle Waldau in Degerloch ab. Tatsächlich wurde ein 18-Jähriger mit Gesichtsverletzungen festgestellt, die offenbar von einem Schlagstock herrührten.

Zunächst alle wieder auf freiem Fuß

Die Ermittlungen zu den Hintergründen dauern an. Laut Polizei stammen alle festgestellten Jugendlichen aus Flüchtlingskreisen. Wer letztlich für die Verletzungen der Widersacher verantwortlich ist, steht noch nicht fest. Festnahmen oder gar Haftbefehle gab es zunächst nicht. Nach der Personalienfeststellung seien alle wieder auf freien Fuß gesetzt worden, sagt Polizeisprecher Ulmer.

Doch die Frage bleibt: Kehrt jetzt die Gewaltwelle wieder, die schon 2017 für Alarm im Europaviertel gesorgt hatte? Ein 22-Jähriger hatte bei einer Massenschlägerei fünf junge Leute mit einem Messer verletzt. Er wurde später zu sechs Jahren Haft verurteilt. Der Richter hielt den Beteiligten vor, während der Hauptverhandlung „von nahezu allen belogen“ worden zu sein.

Dabei hatte die Mobile Jugendarbeit eigentlich weitgehend für Ruhe gesorgt. Im Februar 2018 hatten sich Streetworker dauerhaft um die Jugendlichen gekümmert. „Da geht es darum, wie es in der Schule läuft, welche Perspektiven und Angebote es für Ausbildung und Freizeitgestaltung gibt“, sagt Sozialarbeiter Fregin. Zuletzt war im Oktober 2022 ein Bauwagen als feste Anlaufstelle besorgt worden.

Eine neue Generation, kein gefährlicher Ort

Denn der Mailänder Platz sei „nach wie vor ein hoch attraktiver Ort für junge Menschen“, sagt Fregin. Bei der Nachbereitung werde man sich auch um die Jugendlichen kümmern müssen, die nichts mit dem Streit zu tun hatten und die Auseinandersetzung miterleben mussten. Die Sozialarbeit sei durchaus erfolgreich. Inzwischen gebe es zusätzlich auch Angebote von Musik, Soundsessions und Instrumentenausleihe in der Stadtbibliothek.

„Doch die Jugendlichen von damals sind jetzt erwachsen geworden, sind in Ausbildung oder Arbeit“, sagt Fregin. Jedoch: „Wir haben jetzt einen Wechsel zu einer neuen Generation.“ Und damit die alten Probleme. Allerdings sei der Mailänder Platz „kein gefährlicher Ort“ für die Bevölkerung, betont Simon Fregin. Größere Zwischenfälle wie am Freitagabend seien letztlich „extrem selten“, man habe mittlerweile „gute Mittel und Wege gefunden“.

Wird die Mobile Jugendarbeit verlängert?

Der Blick in die Kriminaldatenbank unserer Zeitung zeigt, dass der letzte Auftritt einer Jugendclique mit Messer ein Jahr zurückliegt. Im November 2022 hatte eine Gruppe mit ihrem 15-jährigen Haupttäter einen 16-Jährigen bedroht und beraubt. Die Täter flüchteten mit dessen Daunenjacke im Wert von 100 Euro.

Aktuell steht die Mobile Jugendarbeit wieder einmal auf der Kippe: Die Finanzierung des Projekts läuft Ende 2023 aus. Ausgerechnet jetzt? Immerhin gibt es einen Antrag für den nächsten städtischen Haushalt, die Finanzierung der Mobilen Jugendarbeit für den Schlossplatz und für Europaviertel für acht Jahre zu verlängern und bis Oktober 2032 sicherzustellen. Für alle weiteren Generationen, die da noch kommen.