Das Sehen stand bei der Liederhalle im Mittelpunkt. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Mehrere tausend Menschen haben übers Wochenende das Louis Braille Festival in der Liederhalle besucht.

Wie sich die Welt in völliger Dunkelheit anfühlt, das zeigte der Verein „aus:sicht“. In einem schwarzen Zelt neben dem Kongresszentrum Liederhalle wurden die Besucher vor verschiedene Aufgaben gestellt, die ohne den Sehsinn erfüllt werden mussten. Der Verein möchte die Allgemeinheit sensibilisieren. „Nur Vorträge halten, das bringt nichts“, ist Barbara Antonin vom Verein überzeugt. Im Zelt ging es ums Tasten, Hören, Riechen. Die Dunkelheit raubte den Sehenden plötzlich ihren wichtigsten Sinn. Dadurch veränderte sich das Empfinden schlagartig. Viele Besucher waren mit blinden Familienangehörigen oder Freunden gekommen.

 

Mit dem Stock als Hilfsmittel

Wenige Meter weiter konnte eines der wichtigsten Hilfsmittel für Blinde näher kennengelernt werden. Mit einem langen Stock und unter Anleitung konnten dort Menschen, die sich normalerweise auf die Augen verlassen, die Orientierung ohne Augenlicht beziehungsweise mit eingeschränktem Sehsinn versuchen. „Mit der Spitze ist die Bodenbeschaffenheit zu erkennen“, erklärt Christoph Schick von der Nikolauspflege. Für die Simulation verschiedener Augenkrankheiten gab es Brillen, die die Sicht einschränkten oder ganz verhinderten. Rasch wurde dabei klar, dass das Vorankommen mit dem Stock Übung braucht und nicht ohne Tücken ist. Problematisch seien Gullideckel, U-Bahn-Schienen oder andere Passanten, erklärte Schick. Auch durch E-Roller auf den Gehsteigen entstehe eine Sturzgefahr. Generell sei die Orientierung mit dem Stock einfacher, je flacher eine Oberfläche sei. Kopfsteinpflaster sei beispielsweise schlecht für den Langstock geeignet. „Je rauer, desto ungünstiger ist es“, erklärt der Mann von der Nikolauspfelge.

Eine Schreibmaschine für die Brailleschrift Foto: Lichtgut//Julian Rettig

Darüber hinaus gab es viele zahlreiche weitere Angebote zum Mitmachen. So konnten Menschen ohne und mit sehr eingeschränktem Augenlicht das Skateboardfahren ausprobieren, was vor allem die jüngeren Besucher begeisterte. Eine andere sportliche Betätigung war das Blindenfußball, das mit einem raschelnden Ball gespielt wird.

Auf dem Berliner Platz tauschten sich die Teilnehmer aus. Foto: Lichtgut//Julian Rettig

Namensgeber des Festivals des Deutschen Blinden- und Sehbehinderten Vereins (DBSV), der Nikolauspflege und des Blinden- und Sehbehindertenverbands Württemberg (BSWV) ist Louis Braille, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die heute weltweit genutzte und nach ihm benannte Punktschrift erfand. Der Autor Thomas Zwerina hat sich in seinem Roman „Eine Fingerkuppe Freiheit“ mit dem Leben von Louis Braille befasst. Im Rahmen einer Lesung trug der Schriftsteller mit seiner Partnerin Evi Lerch einige Passagen aus seinem Buch vor.

„Ich wollte die Tragik in Schönheit verwandeln“, sagte Zwerina. Tragik deshalb, weil Braille den Erfolg seiner Erfindung nicht mehr miterlebte. Die titelgebende Fingerkuppe gibt heute Millionen von Blinden weltweit die Freiheit, selbstständig zu Lesen und zu Schreiben. Der blinde Autor nutzte ebenfalls die Braille-Schrift für seine Lesung.

Roman über Louis Braille

Die Geschichte des Romans beginnt im Kindesalter des Louis Braille, dessen Schulanmeldung bereits eine Herausforderung war. Die Eltern haben sich jedoch stets für das begabte Kind eingesetzt. Neben der Tragik des nicht mehr erlebten Erfolgs seiner Punktschrift war die Schönheit der Sprache bei der Lesung unüberhörbar. Der Autor ließ nicht nur Bilder im Kopf entstehen, er ließ auch Gerüche, die Beschaffenheiten von Oberflächen und Geräusche entstehen.

Wenn der Fußball Geräusche macht Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Er sei ein genialer Geist gewesen, sagt Thomas Zwerina über Braille. Er habe es bedauerlich gefunden, dass er nicht bereits früher mehr über das Leben des Mannes, dessen Schriftsystem so vielen Menschen dient, erfahren habe, verriet der Autor. Auch deshalb habe er sich dem Thema angenommen. Außerdem habe er sich von anderen Figuren aus früheren Büchern lösen wollen und mit dem Eintauchen in die Vergangenheit neue Wege beschreiten. Es sei aber kein historischer Roman, sondern ein literarisches Werk im historischen Mantel, wie der Schriftsteller betonte.