Daniel Mouratidis arbeitet heute in Berlin bei der Sarah Wiener Stiftung Foto: Martin Tschepe

Der Backnanger Daniel Mouratidis war Vorsitzender der baden-württembergischen Grünen. Heute arbeitet er in Berlin für die Sarah Wiener Stiftung.

Berlin/Backnang - Wenn Daniel Mouratidis am Morgen zur Arbeit kommt, dann sieht er immer seine neue Chefin Sarah Wiener. Die Starköchin ist zwar viel unterwegs – an diesem rauen Frühlingstag etwa für Dreharbeiten in Skandinavien –, doch im Foyer der Geschäftsstelle der Sarah Wiener GmbH in der Berliner Charlottenstraße hängt ein lebensgroßes Foto der Unternehmerin, auf dem sie lachend zwei Torten balanciert. Mouratidis schlendert an dem Poster vorbei. Er begrüßt die Kollegen, dann zwängt er sich in sein winziges Büro ganz am Ende des Korridors, das mit einem großen Schreibtisch und einem Stuhl fast komplett belegt ist.

Mit spartanischen Arbeitsbedingungen hat Daniel Mouratidis Erfahrung. Der Verwaltungswissenschaftler war drei Jahre lang baden-württembergischer Landesvorsitzender der Grünen. Nachhaltigkeit wird von seiner Partei eigentlich gefordert, allerdings lässt sie ihre Spitzenleute für wenig Lohn viel schuften und riskiert auch deshalb häufige Personalwechsel. Um über die Runden zu kommen, musste Mouratidis nebenher halbtags bei der Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten schaffen.

Lange hält sich kaum ein grüner Landesvorsitzender. Einer hat von selbst das Handtuch hingeschmissen, viele andere wurden in die Wüste geschickt. 2009 ist der Realo Mouratidis geschasst worden, er musste dem Tübinger Chris Kühn Platz machen.

Weg von Fertiggerichten

Seit knapp zwei Jahren leitet der Backnanger nun die Sarah-Wiener-Stiftung. Seine Hauptaufgabe ist Fundraising, also das Einsammeln von Spenden und Zuschüssen. Die Stiftung will Kindern und Jugendlichen Appetit machen auf gesundes Essen: weg vom Fertiggericht, selber kochen mit frischen, regional erzeugten Bioprodukten. Sie kooperiert mit mehreren Hundert Schulen und Kindertagesstätten in ganz Deutschland. Zurzeit sucht Mouratidis Sponsoren, „die mit uns ein Planspiel für Schulen entwickeln wollen“. Es soll um die Themen Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz gehen. „Grüne Themen“, sagt er, und das klingt ein bisschen nach Entschuldigung. Der neue Posten habe viele Vorteile, schiebt er schnell hinterher. Er sei nicht mehr rund um die Uhr in Alarmbereitschaft, könne sich seine Termine selbst aussuchen, müsse nicht zu jeder Meldung seinen Senf dazugeben.

Das war während seiner Zeit als Landesvorsitzender anders. In den Zeitungen wurde er damals mit Einschätzungen zu allen möglichen Themen zitiert: Er kritisierte den geplanten Ausbau des Stuttgarter Flughafens, forderte ein Tempolimit auf den Autobahnen, besseren Klimaschutz, ein gerechteres Schulsystem, eine bessere Lehrerausbildung und vieles mehr. Kurz nach seinem Amtsantritt bei den Grünen hatte der Deutsch-Grieche erklärt, eine seiner wichtigsten Aufgaben sei die Integration – „nicht nur die Integration von Einwanderern, sondern auch von Politikverdrossenen und Enttäuschten“. Als sich das Ende seiner Zeit an der Spitze der Landespartei abzeichnete, wurde Mouratidis von seinen Parteifreunden vorgeworfen, er sei im Amt nicht gewachsen. Er habe versucht, es allen recht zu machen, sei zu sehr „auf das Einvernehmen mit der Fraktion“ bedacht gewesen. Geschadet hat Mouratidis’ vermeintliche Konfliktscheu der Partei freilich nicht: Die Wahlergebnisse der baden-württembergischen Grünen während seiner dreijährigen Amtszeit konnten sich sehen lassen.

Im Berliner Büro klingelt das Telefon, eine Frau meldet sich und erzählt, dass sie kürzlich von der Stiftung gehört habe und helfen wolle. Sie verspricht eine kleinere Spende für ein Projekt an einer Schule ihrer Heimatstadt. „Wir sind froh über jeden Betrag“, sagt Mouratidis und grinst.

Unterwegs im Kreuzberger Kiez

Wer sich die Zeit nimmt, mit Mouratidis durch seinen Wohnbezirk Kreuzberg zu schlendern, genau hinguckt und zuhört, merkt: der 36-Jährige, der sich sein Berufsleben ursprünglich anders vorgestellt hat, hat sich mit seinem neuen Leben arrangiert. Er hat in Berlin Verwandte und schon während seines Studiums in der Bundesgeschäftsstelle der Grünen mitgearbeitet. Sicher, sagt Mouratidis, wäre er gerne länger Landesvorsitzender in seiner Heimat geblieben. In Backnang saß er im Gemeinderat und im Vorstand des Kreisjugendrings, er hat sich ein Haus gekauft und saniert. Die Immobilie ist jetzt vermietet, in einer der Wohnungen leben seine Eltern.

Nach der Abwahl blieb Mouratidis zunächst in Backnang gemeldet, leitete aber ein paar Monate lang den Wahlkampf der Grünen in Sachsen-Anhalt, wo die Partei im März 2011 ein Ergebnis von 7,1 Prozent einfuhr. Für ostdeutsche Verhältnisse war das sensationell. Im selben Monat gewannen die Grünen in Baden-Württemberg die Landtagswahl. Insgeheim rechnete Mouratidis zu diesem Zeitpunkt damit, dass er im Ländle wieder zum Zuge kommt, viele Verwaltungswissenschaftler hat die Partei nicht. Der ehemalige Vorsitzende Mouratidis wartete vergeblich, war kurzzeitig sogar arbeitslos und sagt heute im Rückblick: „Ein Landeschef aus dem Rems-Murr-Kreis hat bei den Grünen keine Lobby.“ Seinem Vorgänger im Amt, dem Backnanger Andreas Braun, sei es ähnlich ergangen. Nach oben gespült wurden andere, die beiden Tübinger Chris Kühn und Winfried Hermann zum Beispiel.

Daniel Mouratidis wurde gefragt, ob er bei der Sarah-Wiener-Stiftung anheuern will. Die Starköchin hatte sich offenbar intensiv mit seiner Vita beschäftigt, auch mit einer privaten Vorliebe: Mouratidis kocht und isst gerne, ein kleines Wohlstandsbäuchle ist der unübersehbare Beweis. Im Backnanger Jugendzentrum hatte er einst als Schüler den „Arbeitskreis Genießer“ ins Leben gerufen. Die Teilnehmer bekochten sich gegenseitig mit mehrgängigen Menüs. So hat er sich früh für seinen heutigen Job qualifiziert.

Schon immer ein Fundi

Mouratidis setzt auch schon lange auf Biokost. Mit gutem Gewissen Lebensmittel einzukaufen, sagt er, sei in Berlin-Kreuzberg viel einfacher als in Backnang. Bei der Bio-Company in der Bergmannstraße, wo er auf dem Heimweg vorbeikommt, gibt es sogar Hustenbonbons und Zahnpasta in politisch korrekter Qualität.

Ein Fundi ist der grüne Gourmet aber nie gewesen. Wenn es schnell gehen muss, dann wird in Kreuzberg das Abendessen in einem koreanischen Imbiss gleich um die Ecke geholt. Auch das griechische Restaurant Z, das der Mann seiner Cousine führt, sei sehr zu empfehlen. Regelmäßig geht er auf kulinarische Entdeckungstour, futtert sich durch die Restaurants der Hauptstadt.

Berlin sei eine tolle Stadt, doch manchmal „geht sie mir auch auf den Keks“. Kürzlich habe ihn ein junger Mann als „Kiezkiller“ beschimpft: „Die meisten Ressentiments gegen Zuwanderer aus dem Ländle kommen aus dem links-alternativen Milieu.“ Mal ist er der kehrwochengeile Schwabe, dann wieder der stinkfaule Südländer.

Rückkehr in die Politik?

Die Finanzkrise beschäftigt den Sohn einer deutschen Mutter und eines griechischen Vaters sehr. Die grüne Europapolitik, sagt er, enttäusche ihn. „Ich habe oft den Eindruck, dass für meine Partei dieses Thema einfach nicht wichtig genug ist.“ Neues entstehe nicht dadurch, dass man „oben in Athen Geld reinkippt“, sondern müsse „von der kommunalen, regionalen Ebene aus wachsen“. Die CDU sei in diesem Punkt viel weiter als die Grünen, leider.

Gut möglich, dass Daniel Mouratidis sein realpolitischer Blick zum Verhängnis geworden ist. Lange bevor die Partei in Baden-Württemberg triumphierte, war er sich sicher: „Der Winfried Kretschmann ist der Beste, den wir haben.“ Die Linken in der Partei, sagt Mouratidis, „haben mich für manche Ansichten gehasst“. Trotzdem bleibt er Parteimitglied, vielleicht wird man seinen Namen ja irgendwann wieder auf Wahlplakaten lesen. „Eine Rückkehr in die Politik ist nicht ausgeschlossen, aber frühestens mit vierzig“, sagt er. Bürgermeister würde er gerne werden.

Kumpel, die Mouratidis in seiner Wohnung besuchen, machen sich einen Spaß daraus, auf einer Wand in der Toilette Sprüche zu hinterlassen. Einer hat gedichtet: „Wenn Winnie Hermanns Schiffchen sinkt, ist’s Daniel, der grinsend winkt.“ Ein anderer hat „VfB Stuggi wird Deutscher Meister 2013“ hingepinselt. Mouratidis sagt: „Ich hab’s nicht geschrieben.“ Stimmt, weggewischt hat er die Sprüche aber auch nicht. Stuttgart wird nicht Deutscher Meister und Winfried Hermann nicht mehr Mouratidis bester Parteifreund. Aber vielleicht wird der VfB ja Pokalsieger – im Finale gegen die Bayern am 1. Juni in Berlin.

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