Die tägliche Sendung „Landesschau aktuell“ – bisher ab 19.45 Uhr – soll künftig bereits um 19.30 Uhr beginnen. Foto: dpa

Magere Einschaltquoten, hoher Altersschnitt der Zuschauer, behäbiges Image: Der SWR verordnet seinem Fernsehprogramm bis 2014 eine Komplettreform

Baden-Baden - Zahlen können grausam sein. Das gilt für Schulnoten genauso wie für Einschaltquoten. Der Südwestrundfunk (SWR) hat das in den vergangenen Jahren in seinem Fernsehprogramm immer wieder erleben müssen. Da gab es manche kleine Reform, manche neue Sendung, manches frische Design. Allein, es half nichts. Das Dritte des SWR kommt aus dem Tabellenkeller der ARD-Dritten nicht heraus. Schlimmer noch: 2012 musste das SWR-Fernsehen als einziges ARD-Programm sogar Verluste hinnehmen und erhielt bei den Marktanteilen die rote Laterne. Das Image gilt vielfach noch immer als provinziell, behäbig. Also tüftelten die Macher des zweitgrößten ARD-Senders in den vergangenen Monaten eine Radikalreform aus. Jetzt hat der Sender die Eckpunkte in Baden-Baden vorgestellt. „Es ist unser Ziel, nicht nur regionaler, sondern auch aktueller und moderner zu werden“, sagt SWR-Fernsehdirektor Christoph Hauser.

Leichter gesagt als getan. Denn die Reform gleicht dem Neubau eines Hauses. Oder wie es Hauser umschreibt: „Wir geben dem Fernsehprogramm eine neue Architektur.“ Das Vorabendprogramm ab 18 Uhr wird neu gestaltet: Von eigenen Reportagen am Montag über Umweltthemen am Dienstag bis zur Gartensendung am Samstag. Auch im Hauptabendprogramm ab 20.15 Uhr will man „ein wieder erkennbares Angebot“ bieten. Frei nach dem Motto: Der Zuschauer benötigt künftig keine Programmzeitschrift mehr, weil er weiß, was wann gesendet wird. Als Eckpfeiler gelten mehr Dokumentationen und ein neues Kulturmagazin, mehr Wissenssendungen (das entsprechende Magazin Odysso wird verlängert), mehr Eigenproduktionen (statt dauernder Wiederholungen), und vor allem mehr Nachrichten. So soll die tägliche Sendung „Landesschau aktuell“ – bisher ab 19.45 Uhr – künftig bereits um 19.30 Uhr beginnen. Der Anspruch der SWR-Macher: „Das werden die Tagesthemen fürs Land“, jeweils getrennt für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.

Beliebte, quotenträchtige Sendungen erhalten einen neuen Platz

Wie schwierig eine solche Programmreform in der Umsetzung ist, zeigt sich freilich gerade im Bereich der Nachrichten. Denn am Samstag und Sonntag wird es diese SWR-Tagesthemen nicht geben. Es wochentags umzusetzen, sei schon „ein Kraftakt“, heißt es. Mehr noch. Selbst die späte Nachrichtensendung um 21.45 Uhr wird freitags und samstags künftig weit in die Nacht verschoben. Der Grund: Beliebte, quotenträchtige Sendungen erhalten einen neuen Platz, auf dass sie noch mehr Zuschauer anziehen. Bestes Beispiel ist das Nachtcafe´ am Freitagabend mit Wieland Backes. Bisher talkt der Grand Seigneur des SWR-Fernsehens mit seinen Gästen ab 22 Uhr, alsbald wird er ab 21.45 Uhr auf Sendung sein. „Wir wollen damit verhindern, dass uns Bettina Böttinger die Zuschauer abfischt“, sagt Hauser. Genau das hatte die Medienforschung herausgefunden, dass nämlich mancher Zuschauer zu jener Zeit zu Böttingers Talkrunde beim WDR umschaltet.

Auch im Fall von Frank Elstner und seiner beliebten Sendung „Menschen der Woche“ hofft der SWR auf noch mehr Zuschauer, wenn die Sendung von 21.50 Uhr (jetzt) auf 22.45 Uhr (künftig) verschoben wird. Begründung: Immer wieder kämpft Elstner gegen das Ende von großen Samstagabend-Shows auf anderen Sendern. Das soll künftig vermieden werden. Aber warten die Zuschauer bis 22.45 Uhr auf Elstner? Für andere Formate ist nach der Reform gar kein Platz mehr. So wird die Autosendung „Startklar“ mit dem Verbrauchermagazin „Marktcheck“ fusioniert, und Markus Brocks „Der Sonntagabend“ entfällt ganz.

Für den Fernsehchef sind solche Schritte unvermeidlich. Zwar mag Hauser am Donnerstag keine Aussagen zu den Kosten der Reform machen, die bis Herbst 2014 umgesetzt sein soll. Aber am Ziel lässt er keine Zweifel. Es gelte, das Programm mit seinem Zuschaueraltersschnitt von 64 Jahren behutsam zu verjüngen und gerade in der Altersgruppe der 30- bis 50-Jährigen zuzulegen. Dafür müsse man die Eigenleistungen des Senders – Hauser nennt sie das Tafelsilber – „von den Rändern in die Mitte des Programms holen“ und den Südwesten stärker präsent werden lassen. Erste Versuche seien gut verlaufen. Man sei in den vergangenen Jahren doch nicht schlechter als die anderen ARD-Dritten gewesen, fügen die SWR-Macher fast schon trotzig hinzu, „aber die anderen haben sich besser verkauft“.

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