Die Wirtsleute Andrea Kunkel und Michael Heide (von links) übergeben Walter Schwarz, Michael Guske, Petra Eberwein und Christina Just die Spende beim VfB-Spiel gegen St. Pauli. Foto: Schultheiss

Fußball verbindet: Im Birkacher Fan-Treff Krone leiden behinderte Bewohner des Behindertenzentrums und gesunde VfB-Anhänger mit ihrem Verein, oder freuen sich gemeinsam mit ihm.

Birkach - Eigentlich könnte Glück ganz einfach sein: eine knackige Stadionwurst, kühles Bier und eine Fußballmannschaft wie Bayern-München, die, wie es scheint, die Meisterschaft abonniert hat. Im Birkacher Fan-Treff Krone im Gästehaus Andrea ist es mit dem Glücklichsein nicht so einfach, denn dort treffen sich treue VfB Fans, auch Bewohner des Wohnheims im örtlichen Behindertenzentrum (BHZ). Gemeinsam schauen Gesunde und Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen, was der frisch gebackene Zweitligist so alles auf dem Rasen treibt. Deshalb müssen sie zur Bockwurst und zum Bier auch leiden. Heute geht’s gegen das Team aus St. Pauli. Auf die Frage, wie es heute wohl ausgeht, sagt ein junger Mann mit Downsyndrom: „Keine Ahnung, ich lasse mich überraschen.“ Weitere Fragen will er nicht beantworten. „Ich bin schüchtern“, sagt er.

Dorfkneipe fördert die örtlichen Vereine

„Wir sind eine Dorfkneipe, in die alle kommen können, ein paar Frauen, die alleine Fußball schauen wollen, junge Väter mit ihren Kindern und natürlich auch Behinderte aus dem Wohnheim des BHZ“, sagt Michael Heide, der das Lokal seit rund vier Jahren mit seiner Frau Andrea „Anne“ Kunkel betreibt. Heute rechnen sie mit wenig Gästen. „Samstags um 13 Uhr sind viele Familienväter noch beim Einkaufen. Unser absoluter Zuschauerrekord waren 90 Gäste beim zweiten Relegationsspiel des VfB“, sagt Michael Heide.

Auf dem Tresen zwischen zwei Zapfhähnen steht ein Sparschwein, und das hat heute nach dem Spiel seinen großen Auftritt. „Wir machen immer ein Tipp-Spiel, jeder der mitmacht, zahlt zwei Euro. Der Erlös kommt immer einem örtlichen Verein zugute. Heute bekommt das BHZ 600 Euro“, sagt der Wirt. Im vergangenen Jahr sei die Spende für das Volleyballfeld der Jugendfarm gewesen und im Jahr davor habe es die A-Jugend des TSV für ihre Weihnachtsfeier bekommen.

Während Michael Heide erzählt, treffen drei weitere Gäste aus dem BHZ ein. Petra Eberwein ist VfB-Fan. Heute hat sie schon Enttäuschung hinter sich. „Ich wollte im Ein-Euro-Laden ein VfB-Feuerzeug kaufen, habe aber keines bekommen.“ Nun hat sie eines vom FC Bayern-München. „Das ist wenigstens Rot dabei, wie beim VfB“, sagt sie. Im Stadion war sie lange nicht mehr. „Als ich dort war, haben wir gewonnen, ich habe mir das Spiel mit Mama angeschaut.“ Weil sie sich an den Gegner nicht mehr erinnert, ruft sie ihre Mutter an, und die weiß es noch: Es war der HSV. „Ich ahne immer, wenn ein Tor fällt. Ich habe meiner Mutter gesagt ‚gleich rappelt’s’ und schon stand es 4:0“, erzählt sie.

Gemeinsam ein Fußballspiel anschauen ist ein Glanzlicht für die Heimbewohner

Auch Petra Eberweins Mitbewohner Michael Guske ist vom gemeinsamen Fußballschauen begeistert. „Es gefällt mir hier im Lokal in der Gesellschaft. Das ist viel schöner als alleine zuzuschauen.“ Auch Walter Schwarz ist angetan: „Ich war öfters mit unseren Betreuern im Stadion, aber hier gefällt es mir besser. Die Stimmung ist gut, es gibt kein Gedränge, und es ist nicht so laut“, sagt er.

„Die Heimbewohner kommen zu Fuß ins Lokal. Wir sind heute wegen der Spendenübergabe da und können Herrn Schwarz dann auf dem Rückweg im Auto mitnehmen. Es geht ihm gesundheitlich nicht so gut, und als er gehört hat, dass er das Spiel mit den anderen im Lokal anschauen kann, weil wir ihn zurückfahren, hat er vor Freude fast geweint“, sagt Christina Just, Gruppenleiterin im BHZ-Wohnheim. Bei den wichtigen Spielen des VfB seien die Heimbewohner fast immer dabei: „Die Spiele selbstständig anschauen zu können ist für sie etwas ganz Großes, ein Glanzlicht.“ Auch die Spende der Wirtsleute diene dazu, den Heimbewohnern eine Freude zu machen: „Wir gehen ins Stadion, in die Sprungbude und ins Fildorado. So ist für jeden etwas dabei.“

Apropos Fußball: Der VfB hat mühsam 2:1 gewonnen. Die Heimbewohner sind am Ende glücklich nach Hause gegangen, und alle anderen auch.

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