Bill Kaulitz heute mit 31 Jahren. Seine Jugend und Frisuren sind wohl dokumentiert. Wie sehen Sie in unserer Bildergalerie. Foto: Shiro Gutzie/Shiro Gutzie

Als Sänger von Tokio Hotel war er schon als Teenager ein Superstar, er wurde geliebt und angefeindet. Bill Kaulitz im Gespräch über Hass, seine Sehnsucht nach Freiheit, die Jugend auf dem Land, seine Schwägerin Heidi Klum, die erste Zigarette und welche Überlebensstrategien er in der Schule entwickelte.

Stuttgart – - Bill Kaulitz war gerade mal 15 Jahre alt, als er zum Superstar wurde. Als Frontmann von Tokio Hotel wurde er geliebt aber auch angefeindet. Immer an seiner Seite: sein Zwillingsbruder Tom, der mit Heidi Klum verheiratet ist. Die Hysterie und der Hass waren irgendwann so groß, dass die Brüder nach Los Angeles fliehen mussten. Über all das, seine Kindheit auf dem Land und allerlei Eskapaden schreibt Kaulitz in seiner Biografie „Career Suicide“ (Ullstein).

 

Bill Kaulitz, auf Ihrem Arm haben Sie „Freiheit 89“ tätowiert. Warum?

Viele denken, dass das mit dem Mauerfall zu tun hat. Tatsächlich habe ich mir das zu meinem 18. Geburtstag stechen lassen, weil es für mich so wichtig war, endlich niemanden mehr fragen zu müssen. Es war bis dahin so, dass unsere Eltern für uns unterschreiben mussten. Jeden Vertrag. Ich fand es absurd, weil ich ein erwachsenes Leben geführt und mit 15 schon Steuern gezahlt habe. Das darf man alles. Aber du darfst noch nicht entscheiden, alleine zu leben oder Alkohol zu trinken. Das ist so ein Autoritätsding. Ich hatte schon immer wahnsinnige Schwierigkeiten mit Autoritäten.

Sie haben mit 15 Jahren Steuern gezahlt, weil Tokio Hotel eine Teen-Pop-Sensation war. Wie verkraftet man den Ruhm in diesem Alter, wenn man selbst noch gar nicht so richtig weiß, wo man im Leben steht?

In dem Moment nimmt man das natürlich nicht so wahr. Ich habe mich viel älter gefühlt, wollte stets möglichst viel Verantwortung tragen. Heute, als Erwachsener, hätte ich gerne eine gewisse Leichtigkeit und so wenig Aufgaben und Verantwortung wie möglich. Mich erinnert das an den Film „American Beauty“, in dem Kevin Spacey anfängt, Burger zu verkaufen, weil er einen Job mit geringstmöglicher Verantwortung wollte. Ich kann das total nachvollziehen. Manchmal fühlt sich das an, als ob ich schon 100 Leben hinter mir habe.

Ist es dennoch ein bisschen früh, mit 31 Jahren seine Biografie zu veröffentlichen?

Es ist auf jeden Fall früh. Aber ich habe natürlich ein ungewöhnliches Leben gelebt und darum ist das Buch auch ungewöhnlich dick. Meine größte Angst war, dass ich das gar nicht auf 400 Seiten unterbringe. Es ist trotzdem ein Risiko, mitten im Leben ein Buch zu schreiben. Auch weil ich mir mit dem Buch nicht nur Freunde mache.

War Ihnen früh klar, dass Sie rausmüssen aus Loitsche bei Magdeburg?

Ich hatte immer das Gefühl, dass das nicht der Ort ist, wo ich mein Leben verbringen will. Unsere Mama stand unter Dauerstress, weil sie merkte, dass ihre Jungs hier unglücklich sind. Wir hatten immer Sozialarbeiter da, es gab immer Ärger. Sie hatte jeden Tag Angst, dass wir vielleicht nicht heil nach Hause kommen. Aber finanziell hatten wir ja auch keine anderen Möglichkeiten.

Sie wurden in der Schule wegen Ihres Aussehens gehänselt. Was für Überlebensstrategien eignet man sich da an?

Ich hatte immer Angst, alleine auf die Toilette zu gehen, und habe extra wenig getrunken. Sonst gab es Ärger mit anderen Jungs. Tom hatte mich immer beschützt. Aber man wird als Kind auch so street-smart, weiß, wo man besser nicht hingeht, sucht sich immer die richtigen Leute und Freunde aus. Ältere, die auf einen aufpassen.

Sie schreiben: „Wo ich aufgewachsen bin, gab es die erste Kippe mit sechs, Alkoholvergiftung mit 12 und Mädchen, die mit 13 durchaus mal die zweite Abtreibung hinter sich hatten.“

Ich kann mich gut erinnern, wie meine Sitznachbarin das Kind von ihrem Cousin abgetrieben hat. Das war auf dem Land. Wir hatten zuvor in Magdeburg in einer ganz armen Umgebung gewohnt. Das war wie eine Vorstufe zum Dorf. Viele stellen sich das ländlich und schön vor, weil Dorf so idyllisch klingt. Doch da waren alle wahnsinnig arm, und es gab nicht viel zu tun; außer zu rauchen, zu trinken und Drogen auszuprobieren. Es gab eben keine Musikclubs, Jugendhäuser, Kino oder irgendwelche andere Sachen, die es in der Stadt gibt. Wir hätten uns das auch nicht leisten können.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Zigarette?

Da war ich sechs. Das war eine Karo ohne Filter.

Teenie-Pop-Bands gibt es seit den Beatles. Was war das Neue an Tokio Hotel?

Ich glaube, das war so eine Selbstverständlichkeit, die wir hatten. Wir waren eben schon vorher eine Band und nicht zusammen gecastet, was viele dachten. Da steckte kein Plan dahinter.

Sie wurden aber nicht nur geliebt, sondern auch gehasst. Gab es Momente, in denen Sie Angst hatten?

Ganz viele. Ich erinnere mich an ein Konzert in der Schweiz, wo wir auf einem Festival auftreten mussten und Steine geflogen sind. Unser Security-Team hatte da auch zum ersten Mal Angst und wenn dein Head-Security dich mit Panik in den Augen anschaut, weißt du, es stimmt was nicht. So eine Masse an Menschen ist am Ende immer stärker. Wenn sich das hochschaukelt, dann hat man Angst um sein Leben. Wir lagen im Auto auf dem Boden, die Fenster wurden eingeschlagen.

Wie erklären Sie sich das: Woher kamen diese Anfeindungen?

Man muss sich mal vorstellen: Da haben erwachsene Menschen Kinder mit Gegenständen beworfen. Das wäre heute ein Riesenskandal. Es war einfach auch eine Überforderung. Ich habe es nie verstanden. Bowie und Prince haben sich doch auch geschminkt. Die Deutschen hatten da eine Unsicherheit: Ist der ein Mädchen, ein Junge, darf man diese Grenzen überschreiten? Wir haben anscheinend Toleranzknöpfe gedrückt, für die viele zu dieser Zeit nicht bereit waren.

Ein Dauerthema: Ihre Haare. Als Sie einmal Amy Winehouse backstage getroffen haben, lobte die Ihr Styling und meinte, dass sie ihre Haare besonders hoch toupierte, wenn sie nervös war. War das Styling auch Ihr Schutzschild?

Absolut. Das wurde auch immer krasser. Aus einer Stunde Make-up am Morgen wurden irgendwann drei. Dann wurde Haarspray in einem extra Koffer mitgeflogen. Ich habe mich so am wohlsten gefühlt, weil ich dann irgendwann auch nur noch so eine Hülle war. Da gehörte ein perfektes Styling dazu. Irgendwann war es ja sogar eine Art Drag.

Sie beschreiben sich als „der komische Typ mit den geschminkten Augen, der Junge, der aussieht wie ein Mädchen, dieses Etwas, von dem man nicht wusste, ist der jetzt schwul oder hetero“. Hat Ihnen das Spiel mit den Geschlechtern Spaß gemacht?

Ich hab’s geliebt, wenn Leute dachten, ich sei ein Mädchen. Ich fand das immer total spannend, wenn sich irgendwelche Jungs in mich verliebt hatten und ich Liebesbriefe bekommen habe. Und später stand ich mit 15, 16 im Club und da gab es Familiendaddys, die mit mir noch in den KitKat-Club wollten.

Was halten Sie für einen großen Fashion-Fauxpas?

Sandalen bei Männern. Am schlimmsten: mit Klettverschluss. Da komme ich gar nicht mit klar. In LA haben die Menschen wenig an: Tanktop und kurze Hose, fertig. Da ist dieser Körperkult und die wollen ihre Muckis zeigen. Modisch ist das eigentlich eine ziemlich langweilige Stadt. LA ist modefaul!

Zwillingen sagt man eine besondere Beziehung nach. Sie schreiben, dass Sie Tom mehr lieben als sich selbst. Wie ist es, wenn der Bruder heiratet?

Ich kann mich an keinen glücklicheren Tag erinnern. Das war, als ob ich selber mit heirate. Ich habe die beiden ja getraut. Das war einfach der größte Moment. Heute hat sich unser gemeinsamer Alltag natürlich ein bisschen verändert. Wir haben 27 Jahre zusammengelebt. Jetzt muss ich ihn ziehen lassen, um Ehemann und Stiefvater zu sein.

War Ihrer Schwägerin Heidi Klum klar, dass ein Zwilling nicht alleine kommt?

Ja. Sie sagt auch immer, dass sie eigentlich zwei Männer geheiratet hat. Anders könnte es nicht funktionieren. Wenn man einen von uns wirklich liebt, dann muss man auch den anderen lieben, weil wir einfach wie eine Person sind.

Zurück zur Freiheit: 2010 sind Sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Los Angeles geflohen. Was war passiert?

Dieser ganze Fan-Hype und Kult hat sich in eine Bösartigkeit gewandelt. Wir wurden immer verfolgt. Ich bin so isoliert gewesen, dass ich nicht mal mehr mit dem Hund rausgegangen bin. Wir hatten kein Privatleben. Ein Einbruch in unser Haus, in das letzte Stück Privatsphäre, war der Auslöser. Wir hatten eigentlich keine andere Wahl.

Als Band waren Sie erst 2014 frei, als Tokio Hotel alle vertraglichen Pflichten erfüllt hatte.

Da waren wir wahnsinnig froh. Es ging immer nur um Geld, Verträge und Anwälte. Das war geradezu toxisch und nicht befruchtend und inspirierend.

Wie hat sich das finanziell ausgewirkt?

Danach haben wir viel mehr Geld verdient. Das war eine ganz andere Dimension.

Sie sind in armen Verhältnissen aufgewachsen, haben sich ein Haus vom Architekten Frank Lloyd Wright in den Hollywood Hills gekauft. Wie fühlt sich das an?

Ich freue mich jeden Tag darüber. Weil ich natürlich ein ganz anderes Verhältnis zu Geld habe. Wir sind nicht reich geboren und meine Familie kommt aus wirklich armen Verhältnissen. Ich laufe ganz oft durch mein Haus und bin dankbar oder mache ein Foto, weil ich verliebt darin bin, wie schön das Licht durch die Fenster fällt.

Und Sie haben trotzdem noch Zukunftsangst?

Das kriegt man wohl nie raus, weil ich natürlich beide Seiten kenne. Und ich weiß, wie es ist, nichts im Kühlschrank zu haben und an der Armutsgrenze zu leben. Ich liebe es, Geld auszugeben. Ich bin keiner, der Geld sammelt. An Geld liebe ich am meisten die Freiheit und den Spaß, den man damit haben kann.

Was bedeutet Ihnen Luxus?

Nicht darüber nachdenken zu müssen! Ich mag es, teuer essen zu gehen. Und Urlaub natürlich; wir waren ja nie verreist. Wie toll das war, als ich meine Mama zum ersten Mal auf die Malediven einladen konnte. Das war totaler Luxus. Ich finde nichts schlimmer, als geizig zu sein.

Sie leben die meiste Zeit in Amerika. Sind Sie froh, dass Joe Biden jetzt der neue Präsident ist?

Es ist allen ein riesiger Stein vom Herzen gefallen. Aber wir leben in so einer wahnsinnigen Blase in LA. Der Rest von Amerika sieht natürlich anders aus.

Warum ist dieses Land so gespalten?

Es sind schwierige Zeiten. Aber all das, was wir in Amerika sehen konnten, das haben wir ja auch in Europa und in vielen, ganz vielen anderen Ländern gesehen. Ich fand, diesen Ruck zu dieser Art Politik und dieser Art Mensch, den gab es ja überall. So wie in Deutschland zum Beispiel die AfD. Das macht Angst. Wir müssen überall aufpassen, dass wir auf dem richtigen Weg bleiben, und Trump war ein derber Rückschlag.