Kunterbunt statt Einheitsgrün: Weissach stellt 3,5 Hektar für bienenfreundliche Blühflächen bereit und erweitert die Bienenroute des Fellbacher Vereins Bienformatik.
Weissach im Tal - Im Ochsengarten mitten im Unterweissacher Ortskern blüht die Wilde Möhre üppig mit weißen Dolden, daneben wuchert in intensivem Blau die Wegwarte. Silke Müller-Zimmermann zückt ihr Smartphone, richtet es auf eine Blüte und schießt ein Foto. Anschließend verschickt sie das Bild – und zwar nicht an Freunde oder Bekannte, sondern an Bienformatik.
Der Fellbacher Verein hat nämlich eine Datenbank entwickelt, um möglichst viel Wissen darüber zu erhalten, welche Pflanzen wann und wo blühen. Die Informationen sammeln sogenannte Blütenbeobachter wie Silke Müller-Zimmermann – Spaziergänger oder Wanderer, die den bienenfreundlichen Blühflächen wie etwa jener im Ochsengarten regelmäßig einen Besuch abstatten und deren Zustand, Blüten und tierische Besucher mit Fotos dokumentieren.
Ziel ist ein größeres Angebot an Pollen und Nektar
Durch das Sammeln und Auswerten der Daten will der Verein Bienformatik die Lebensbedingungen von Honig- und Wildbienen, Schmetterlingen und anderen Bestäuberinsekten transparent machen und verbessern. Die Daten werden ausgewertet und Lebensläufe daraus erstellt, die zeigen, wie eine Blühfläche durch das Jahr hindurch aussieht. Ziel des Projektes sei es, ein reichhaltiges Nahrungsangebot an Pollen und Nektar von März bis Oktober zu bekommen, sagt Bernhard Willi, von dem die Software stammt. Der Fellbacher hat bis zur Rente als Informatiker gearbeitet, ist Imker und klagt, das allgegenwärtige Einheitsgrün sei für Insekten alles andere als ideal. Seine Devise lautet: „Wir müssen von Grün zu Bunt kommen, und zwar systematisch.“
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Das will der Verein mit Reallaboren erreichen – beispielhaft bepflanzten Flächen, die anschaulich zeigen, wie insektenfreundliche Blühflächen angelegt werden und aussehen können. Die Vision ist es, eine Bienenroute durch den ganzen Landkreis zu legen – also eine möglichst große Zahl von bienenfreundlichen Blühflächen, die gerade so weit voneinander entfernt liegen, dass eine Biene von einer zur nächsten fliegen kann. „Honigbienen haben einen Flugradius von etwa drei Kilometern, Wildbienen kommen nicht so weit, ihr Radius liegt bei nur etwa 500 Metern“, erklärt Bernhard Willi, der von einem flächendeckenden Netzwerk an Nektar- und Pollentankstellen im Rems-Murr-Kreis träumt. Während Biene und Co diese wohl problemlos finden, gibt es für die Zweibeiner eine Bienenrouten-App, die sie zu den Blühflächen führt.
Bienenrouten-App führt zu Blühflächen
„Jeder kann als Flächenpate Grund und Boden für Blühflächen zur Verfügung stellen“, erläutert Bernhard Willi, „aber wir sehen die Kommunen als Schrittmacher.“ Die Gemeinde Kernen hat bislang rund vier Hektar dafür bereitgestellt, in Weissach im Tal sind nun elf kommunale Flächen und eine Handvoll privater hinzugekommen. Insgesamt stünden derzeit in Weissach etwas mehr als 3,5 Hektar als Blühflächen zur Verfügung, erzählt Silke Müller-Zimmermann vom Projekt Prima Klima. Sie engagiert sich nicht nur als Blütenbeobachterin, sondern auch als Netzwerkerin. „Ich habe auf dem Markt Samenmischungen an Privatleute verteilt, jetzt sind wir gespannt auf Rückmeldungen. Jede noch so kleine Fläche ist willkommen, es gibt keine Mindestgröße.“
Für Privatgärtner gibt es Gratis-Samenmischungen
Die Kommunen als Flächenpaten nutzten meist eigene Mischungen, um die Pflege kümmere sich dann der Betriebshof. Im Angebot für private Blütengärtner habe man eine einjährige Feldblumenmischung für Rabatten, einen schönen, bunten Mix, sagt Bernhard Willi. Als mehrjährige Alternative gebe der Verein die Mischung „Blühende Landschaft“ aus. Die sei nicht ganz so gefällig wie die einjährige Variante, „aber durchhalten lohnt sich, denn sie entwickelt sich über fünf Jahre. Da brauchen Sie nichts zu machen.“ Anstatt im Garten zu schuften kann sich der Blütengärtner, die Blütengärtnerin, also ganz entspannt in den Liegestuhl legen und zuschauen, wie die Bestäuber bienenfließig ihrer Arbeit nachkommen.
Mehr zum Blühflächenprojekt kann man hier lesen.
Wie man sich engagieren kann
Gesucht
Der Verein Bienformatik sucht für sein Projekt „Bienenroute“ weitere Naturfreunde, die bienenfreundliche Blühflächen auf ihren Grundstücken, in ihrem Garten oder auf ihrem Balkon anlegen. An Privatleute gibt der Verein Samentüten aus. Ebenfalls gesucht werden Blütenbeobachter, die das Leben auf den privaten oder kommunalen Blühflächen beobachten, per Foto dokumentieren und die Daten weiterleiten.
Teilnehmer
Die Gemeinde Kernen beteiligt sich mit vier Hektar Fläche an der Aktion, Weissach im Tal steuert rund 3,5 Hektar kommunale Flächen bei. Zu den elf Weissacher Standorten führt eine „Wiesen-Rallye“, bei der die Teilnehmer Wissenswertes über Pflanzen und Tiere erfahren. Das Erlebnisheft mit der Route und Quizfragen kann man auf folgender Internetseite finden und herunterladen: www.wir-für-vielfalt.de.
Wettbewerb
Der Rems-Murr-Kreis ist nun mit der „Goldenen Wildbiene“ ausgezeichnet worden, nachdem er sich am Wettbewerb „Blühende Verkehrsinseln“ beteiligt hatte. Ziel dabei ist es, Kreisverkehre oder straßenbegleitende Flächen mit heimischen Wildpflanzen insektenfreundlich zu gestalten. Geschehen ist das am B-14-Kreisverkehr bei Schwaikheim. Insgesamt hat der Landkreis 8,5 Hektar Blühflächen angelegt.