Biathlet Benedikt Doll stellt Skier und Gewehr in die Ecke, befürchtet aber nicht, in ein Loch zu fallen. Der Ex-Weltmeister will einen Beitrag zur Energiewende leisten – und seine CO2-Bilanz verbessern.
Für Biathleten ist nicht ganz unwichtig, dass sich der Kreis möglichst schnell schließt. Weil Start und Ziel der Rennen in der Regel am selben Ort sind, bedeutet dies beste Aussichten auf ein gutes Ergebnis. Manchmal kann alles aber auch ein bisschen länger dauern.
2009 holte Benedikt Doll bei der Junioren-WM in Canmore Gold mit der Staffel. Nun, 15 Jahre und etliche Erfolge später, beendet er ausgerechnet in der kanadischen Kleinstadt in den Rocky Mountains seine Karriere. Ein Sprint am Freitag (17.40 Uhr/MEZ), die Verfolgung am Samstag (22.10 Uhr), der Massenstart am Sonntag (22.20 Uhr) – dann ist es vorbei und der Kreis geschlossen. Wehmut? Kommt trotzdem nicht auf. „Ich bin mit meiner Entscheidung im Reinen“, sagt der Schwarzwälder, „ich werde dem Leistungssport nicht hinterhertrauern.“ Sondern Skier und Gewehr zur Seite legen – und neue Ziele anpeilen.
Die goldene Generation ist Geschichte
Doll war schon immer ein Kopfmensch. Einer, der Dinge hinterfragt, beleuchtet, einordnet. Auch das eigene Tun. Die Antwort auf die Frage, wie sinnstiftend Profisport ist, hat ihn zuletzt immer mehr beschäftigt. Dabei spielte eine Rolle, dass er vor eineinhalb Jahren Vater eines Sohnes geworden ist und es ihm immer schwerer fiel, die kleine Familie in Kirchzarten zurückzulassen. Und zugleich fühlte er sich zunehmend unwohler dabei, Teil einer Unterhaltungsmaschinerie zu sein, in der vor allem Siege zählen, nicht aber die wirklich relevanten gesellschaftlichen Themen: „Ich verspüre den starken Drang, etwas anderes zu machen.“
Für das deutsche Biathlon wiegt dieser Abschied schwer, er ist ein echter Einschnitt. Denn nun ist die goldene Generation Geschichte. Arnd Peiffer (36), Erik Lesser (35), Simon Schempp (35) und Benedikt Doll (33) waren allesamt Weltmeister in einer Einzeldisziplin, holten Medaillen bei Olympischen Spielen (Peiffer sogar Sprint-Gold 2018 in Pyoengchang), sammelten Podestplätze im Weltcup wie andere Leute Briefmarken. Aus der Lücke, die Peiffer, Lesser und Schempp mit ihren Rücktritten hinterließen, wird nun ein veritables Loch.
Der Kümmerer wird fehlen
„Jemanden wie Doll, der permanent ums Podium kämpfen kann, muss man erst mal wieder finden“, sagt Lesser. Für Peiffer ist Dolls Karriereende ein „großer Verlust“. Und Schempp erklärt: „Die Mannschaft wird merken, dass Benni nicht mehr da ist.“ Das weiß auch Felix Bitterling. „Solche Athleten hat man nicht am Fließband“, meint der Biathlon-Sportdirektor des Deutschen Skiverbands (DSV), „Benedikt Doll hat nicht nur herausragende sportliche Fähigkeiten. Er ist auch ein Ausnahmemensch.“ Das zeigte sich, wenn bei den Biathleten mal etwas aus der Spur geriet.
Benedikt Doll war jahrelang der Kümmerer im deutschen Team, wurde „Capitano“ gerufen. Er bemühte sich um einen möglichst guten Zusammenhalt, löste organisatorische Probleme, traf für die Mannschaft wichtige Entscheidungen. Und besorgte vor Wettkämpfen Kaffee und Kuchen. Keine Frage: Der Mann, der bei Großereignissen und im Weltcup in 55 Rennen aufs Podium lief und damit nur einmal weniger als seine aktuellen Kollegen Johannes Kühn (18), Roman Rees (16), Philipp Horn (7) und Justus Strelow (5) zusammen, wird fehlen. Und auch nicht zurückkommen.
Der Trainerjob ist kein Berufsziel
Doll hegt keinerlei Ambitionen, hauptberuflicher Trainer zu werden („Da zieht’s mich nicht hin“), er kann sich höchstens vorstellen, sein Wissen irgendwann ehrenamtlich an den Nachwuchs weiterzugeben. Auch für eine Aufgabe im DSV steht er nicht zur Verfügung. Und als TV-Experte sieht er sich, im Gegensatz zu Peiffer, Lesser, Sven Fischer, Laura Dahlmeier oder Michael Rösch, ebenfalls eher nicht, zumindest nicht eine ganze Saison lang. „Ich will künftig weniger oft unterwegs sein“, sagt Benedikt Doll, der trotzdem nicht befürchtet, in ein Loch zu fallen: „Das ist maximal unwahrscheinlich.“ Weil er ziemlich genau weiß, was er will.
Klar, einerseits mehr Zeit für die Familie haben. Aber auch für eine berufliche Neuorientierung. Während seiner Karriere hat Doll berufsbegleitend Wirtschaftsingenieurwesen in Furtwangen studiert, nun wird er im Herbst in Offenburg mit dem Studiengang „Nachhaltige Energiesysteme“ beginnen. „Mein Wunsch ist es, einen Beitrag zur Energiewende zu leisten“, sagt der Biathlet, der sich vor allem für effiziente sowie fürs Klima sinnvolle Heizungs- und Lüftungstechnik in Bauwerken interessiert. Zudem, erklärt er, sei ihm durchaus wichtig, seinen als „Sportler nicht so guten CO2-Fußabdruck zu verbessern“.
Womit sich der Kreis dann auch außerhalb der Rennstrecke schließen würde.
Die größten Erfolge von Benedikt Doll
Olympische Spiele
Bronze 2018 in der VerfolgungBronze 2018 in der Staffel
Weltmeisterschaften
Silber 2016 in der StaffelGold 2017 im SprintSilber 2019 in der Mixed-StaffelSilber 2019 in der StaffelBronze 2020 in der StaffelBronze 2024 im Einzel
Weltcup
Sechs Einzel- und zwei Staffel-Siege