In der Verliebtheitsphase übersehen wir oft Eigenschaften am anderen, die wir gar nicht so sehr mögen. Foto: imago//Jake Jakab

Wenn die Verliebtheit schwindet, wird es in einer Beziehung oft kompliziert. Ist das überstanden, wird es aber meist erst richtig schön. Die Paartherapeutin Diana Boettcher erklärt, wie man erkennt, in welcher Phase man steckt und wie man sie gut übersteht.

Jede Beziehung verläuft in Phasen – und jene der Verliebtheit, die Phase mit verrückt spielenden Hormonen und viel ungezügeltem Sex, ist eine der kürzeren. Aber erst danach entscheidet sich, ob in einer Beziehung die Basis für etwas Dauerhaftes gelegt wird. Wie viele Phasen es genau gibt, dafür existieren verschiedene Modelle von unterschiedlichen Psychologinnen und Psychologen, aber die Grundlinien sind gleich: Auf die Verliebtheit folgt immer eine Ernüchterung und oft auch konfliktreichere Zeit. Aber wenn diese überstanden ist, kommt die Beziehung in ruhiges Fahrwasser mit großer Harmonie und sehr intensiv erlebtem Sex. Die Berliner Paartherapeutin Diana Boettcher hat Beziehungen in sechs Phasen eingeteilt.

 

1) Phase der Verliebtheit

In dieser ersten Beziehungsphase „haben die Hormone die Kontrolle übernommen“, sagt Diana Boettcher. In dieser Phase entstehe auch das Bild, das wir von unserer Partnerin oder unserem Partner haben. Es sei ein idealisiertes Bild, das alles ausblendet, was nicht dazu passt. Auch dafür seien die Hormone verantwortlich. „In dieser Phase herrscht die maximale körperliche Anziehung, die Beziehung ist unbelastet“, sagt Boettcher. Der Sex sei in dieser Phase am ungehemmtesten und häufigsten, erreiche in späteren Beziehungsphasen aber oft eine größere Intensität.

„Je jünger man ist, desto länger ist diese Phase“, sagt Boettcher. Ist man in den 20ern, könne sie bis zu einem Jahr dauern, ist man um die 50 Jahre, dauere sie eher zwei bis drei Monate. Wobei das grobe Richtwerte seien, die auch in gesunden Beziehungen stark abweichen könnten.

2) Phase der Ernüchterung

Wenn die Verliebtheit schwindet, unser Körper nicht mehr in Massen Serotonin und Dopamin ausschüttet, wird der eben noch vergötterte Partner plötzlich nicht mehr so gesehen, als hätte er oder sie ausschließlich positive Eigenschaften. „Die Ernüchterung kann relativ schnell eintreten und dann auch schockartig erlebt werden“, sagt Boettcher. Hier gehe es darum zu schauen, ob sich aus der Verliebtheit Liebe entwickeln könne. In dieser Phase komme es häufig zu Trennungen, sagt Boettcher. Die Phase dauere nur kurz – wer zusammenbleibt, gehe rasch über in die nächste Phase.

3) Die Kampfphase

In dieser Phase würden Partner häufig versuchen, die vermeintlichen Fehler am anderen zu korrigieren, sagt Boettcher. „Paare versuchen, am anderen zu arbeiten, damit er oder sie wieder so wird, wie man sie oder ihn in der Verliebtheitsphase wahrgenommen hat“, sagt Boettcher. „Das ist meistens nicht sehr erfolgreich.“

Diana Boettcher arbeitet als Paartherapeutin in Berlin. Foto: diana-boettcher.de

Auch wenn man sich an den Verhaltensweisen des anderen störe, gehe es darum, das vorwurfsfrei und liebevoll miteinander zu besprechen, sagt Boettcher. Um etwa die Partnerin akzeptieren zu können, wie sie ist, müsse man sie besser kennen und ihr Innenleben verstehen lernen. Manche Paare würden aber lange in dieser Phase hängen bleiben, sagt Boettcher, im Extremfall bis zu 20 Jahre lang. Normal seien etwa ein bis fünf Jahre, sagt die Therapeutin.

4) Phase der Veränderung

Diese Phase trete ein, wenn sich ein Paar entscheide, miteinander statt gegeneinander zu arbeiten, sagt Boettcher. Es gehe darum, so gut zu kooperieren, dass sich beide Seiten gesehen und gehört fühlen und trotzdem ihre Unterschiedlichkeit leben können. In dieser Phase geht es um große Fragen: Wie soll die gemeinsame Zukunft aussehen, wie wollen wir leben, soll es ein eigenes Haus und Kinder geben?

Wenn ein Paar zusammen an der Beziehung arbeite, schaffe das viel Vertrauen, sagt Boettcher. „Wenn Partner erleben, dass sie gemeinsam an diesem Band stricken, sind sie sehr sehr stabil. Das ist, wie wenn man ein Haus baut, man weiß, wie jeder Stein auf den anderen gesetzt worden ist. Man kann dadurch viel besser darauf vertrauen.“ Diese Phase dauere etwa ein Jahr.

5) Phase der Persönlichkeitsentwicklung als Paar

Diese Phase bedeute: „Das Paar ist angekommen“, sagt Boettcher, das Beziehungsband zwischen den Partnern sei stabil und fest. Während in den Phasen zuvor die individuelle Entwicklung der Partner in den Hintergrund rücke, weil man erst herausfinden muss, wie man als Paar funktioniert, ändere sich das in dieser Phase. Man könne sich in dieser Phase mitunter besser entwickeln als alleine, „weil wir Partner an unserer Seite haben, die uns supporten können“, sagt Boettcher. Diese Phase dauere etwa ein bis drei Jahre, sagt Boettcher.

In dieser Phase erreiche auch der Sex oft eine neue Qualität, sagt die Paartherapeutin. Sexualität finde etwa mit größerer emotionaler Tiefe statt als in der wilden Verliebtheitsphase. „Der Sex wird zwar nicht häufiger, aber intensiver. Viele beschreiben das als Qualitätssprung“, sagt Boettcher.

6) Die Sicherheitsphase

Bis hierher ging es auf und ab, aber in dieser Phase kehre Ruhe ein, sagt Diana Boettcher. Man habe das Gefühl, im Leben angekommen zu sein, habe Krisen gemeinsam gemeistert und sich als Paar bewiesen. Jeder könne ganz selbst sein, ohne sich zu verstellen. Statt stürmischer Leidenschaft, wie am Anfang der Beziehung, gebe es nun tiefen Respekt und ehrliche Liebe.

„In einer echten Sicherheitsphase müssen sich Partner nicht umeinander bemühen, sondern sie kümmern sich aus ehrlichem Interesse umeinander“, sagt Boettcher. „Diese Paare ziehen etwas raus aus der Beziehung, deswegen investieren sie auch rein“, sagt Boettcher, das alles passiere mit einer gewissen Natürlichkeit. Bis man dahin komme, sei man meist aber etwa 20 Jahre zusammen.

Der Verlauf zwischen den Phasen sei nicht immer linear, sagt Boettcher, manchmal springe man auch wieder eine zurück, auch individuelle Krisen – etwa eine Depression oder ein Burn-out – könnten das auslösen. Besonders bedeutend sei die dritte Phase: „Wie wir die Kampfphase auflösen und wie wir uns miteinander beschäftigen, ist bestimmend für die Zukunft der Beziehung“, sagt Boettcher.