Alle fünf Jahre fragt der Regionalverband, wie zufrieden die Bürger sind. Insgesamt sind viele zufrieden, doch bei Verkehr und Wohnen steigt der Frust. Und die Umfrage zeigt gewaltige Unterschiede zwischen Stadt und Land auf.
Die Themen Verkehr und Wohnungsmarkt sind die mit Abstand größten Probleme in der Region Stuttgart. Das ergibt eine repräsentative Bevölkerungsbefragung des Regionalverbands, die unserer Zeitung vorab vorliegt. Die Unzufriedenheit der Menschen mit dem Nahverkehr ist demnach so groß wie seit mindestens zehn Jahren nicht. 47 Prozent der Befragten sind mit dem regionalen Nahverkehr unzufrieden – vor zehn Jahren waren es lediglich 29 Prozent. Beim Wohnungsmarkt sind sogar 79 Prozent unzufrieden (2013: 53 Prozent).
Insgesamt zeichnet die Studie jedoch ein positives Bild vom Leben in der Region. 93 Prozent der Befragten empfinden die Lebensqualität als gut oder sehr gut. Auch die Einkaufsmöglichkeiten, das Kultur- und Freizeitangebot sowie die Erholungsmöglichkeiten in der Natur werden wie schon bei der letzten Befragung als äußerst positiv empfunden.
Die Befragung war im Jahr 2013 erstmals durchgeführt worden und wurde seither alle fünf Jahre wiederholt. „Sie ist eine Basis für weitere politische Entscheidungen“, sagt der Regionaldirektor Alexander Lahl.
Große Stadt-Land-Unterschiede
Die Regionalpolitiker werden sich allerdings nicht leichttun, aus der Umfrage die eine Lösung für die Probleme in der Region abzuleiten. Stärker noch als vor fünf Jahren zeigt die Befragung die Unterschiede zwischen ländlichen Gebieten am Rand der Region und dem Kernraum um Stuttgart. Gegen den Trend ist in der Landeshauptstadt die Zufriedenheit mit dem ÖPNV sogar gestiegen (plus fünf Prozentpunkte), weiter draußen allerdings um bis zu 22 Prozentpunkte gesunken.
„Im Innenbereich gibt es eine Vielfalt an Nahverkehrsangeboten. Im Außenbereich ist das S-Bahn-Angebot dünner. Hier müssen wir die Menschen erst an die Bahn bringen“, sagt der Regionaldirektor Alexander Lahl. Das Deutschlandticket mache Mobilität günstiger, „und das hat sicher auch auf die Umfragewerte ausgewirkt“.
Genauso gab es vor und während des Befragungszeitraums viel Grund, sich über den Nahverkehr zu ärgern. Als die Telefoninterviews Anfang März geführt wurden, hatten viele die teils coronabedingten Fahrtausfälle seit dem Sommer 2022 noch präsent. Die wegen Modernisierungsarbeiten gesperrten S-Bahn-Strecken in der City und zwischen Waiblingen und Bad Cannstatt kamen ebenso dazu wie zahlreiche Verspätungen.
Im vergangenen Jahr wurden mehr als 120 Tage gezählt, an denen die S-Bahnen eine Sechs-Minuten-Pünktlichkeit von weniger als 90 Prozent schafften. An 14 Tagen waren es gar weniger als 80 Prozent. Das zeigt eine Auswertung unserer Zeitung mit Daten des Portals S-Bahn-Chaos. Über das ganze Jahr hinweg sind für die S-Bahn eigentlich 98 Prozent verpflichtend.
Bauarbeiten sind nicht nur Teil des Problems
Die vielen Verspätungen haben auch mit einer Überlastung des Netzes zu tun. Der will man mit dem digitalen Bahnknoten begegnen, was aber zu (schlecht kommunizierten) Streckensperrungen führt, zum Beispiel zwischen Bad Cannstatt und Waiblingen. Doch der Aufbau des digitalen Bahnknotens ist für Lahl nicht nur Teil des Problems, sondern auch Teil der Lösung: „Die Infrastruktur muss verbessert werden, und sie ist auch die Grundlage für mehr Kapazität und irgendwann für einen vielleicht voll automatisierten S-Bahn-Verkehr.“ Irgendwann werden die Bauarbeiten aber auch weniger, hofft Lahl. Und dann sollte sich der in der Umfrage zu spürende Ärger abmildern.
Thema Wohnen: Es bleibt kompliziert
Auch beim Thema Wohnen hat sich seit der letzten Befragung vor fünf Jahren einiges verschoben. Über den Trend, im Speckgürtel nach homeoffice-tauglichen Wohnungen und Häusern zu suchen, wurde viel gesprochen. Die Umfrage belegt ihn.
Vor allem außerhalb des Kernbereichs steigt die Zahl derer, die sich bei der Wohnungssuche schwertun. „Unabhängig vom Alter, von der Bildung und vom Wohnort sind sich die Befragten mehrheitlich einig darüber, dass es schwer ist, in Stuttgart und den umliegenden Landkreisen eine Wohnung zu finden, die man sich leisten kann“, heißt es im Bericht zur Umfrage.
Wer kennt den Regionalverband?
Nicht nur zwischen der Stadt und dem Land, auch zwischen Akademikern und Hauptschulabsolventen zeigt die Studie deutliche Unterschiede auf. Letztere beurteilen den Wohnungsmarkt weit weniger kritisch, das Kulturangebot dagegen schon und den Arbeitsmarkt zumindest kritischer als höher Gebildete.
Mit den Gründen werden sich der Regionalverband und die Regionalversammlung ebenso befassen müssen wie mit dem Fakt, dass sie kaum jemand kennt. Lediglich bei den über 60-Jährigen mit mittlerem oder hohem Bildungsabschluss ist der Verband einer Mehrheit bekannt. Das hilft zumindest nicht, den Ärger etwa über den Nahverkehr oder die Diskussion zum Flächenverbrauch richtig zu kanalisieren.
Repräsentative Befragung
Umfrage
An der Befragung haben 1415 zufällig ausgewählte Deutschsprachige ab 16 Jahren teilgenommen. Sie ist repräsentativ mit einer Abweichung von maximal plus/minus drei Prozentpunkten. Durchgeführt hat sie die Forschungsgruppe Wahlen. Am Mittwochnachmittag stellte der Verband sie in der Regionalversammlung vor.
Turnus
Die Befragung findet alle fünf Jahre statt, das nächste Mal 2028. Nachdem dreimal mehr oder weniger die gleichen Fragen gestellt wurden, könnten beim nächsten Mal andere Themen abgefragt werden.