Mit dem Café Stolz kam im Jahr 2000 feinste Patisserie nach Fellbach. Doch neben der Coronapandemie und den steigenden Energiekosten machen dem Meister-Konditiorenpaar Heike und Jürgen Stolz auch die Veränderungen in der Bahnhofstraße zu schaffen.
Die Zeit ist nicht spurlos an Jürgen Stolz vorübergegangen. Schon fast 23 Jahre ist es her, dass er mit seiner Frau Heike das alteingesessene Café Siegle an der Ecke Königstraße/Bahnhofstraße in Fellbach übernommen und im Oktober 2000 eröffnet hat. Seitdem gibt es in der Stadt feine Backwaren von einem Spitzenpatissier.
Die Arbeit sei ein Knochenjob, sagt der 55-Jährige. „Morgens um vier Uhr aufstehen, ständig schwer schleppen und Treppen rauf und runter laufen, ist anstrengend.“ Dem Zuckergebäck sieht man die Mühen nicht an. Ganz im Gegenteil: Schon der Anblick in der Auslage erfreut das Auge. Verschiedene Variationen der meisterhaften Törtchen, alle individuell, locker, leicht, cremig und zart kreiert und frisch zubereitet von Jürgen Stolz und seinem Team, warten darauf, die Geschmacksknospen von süßen Schleckermäulern zu streicheln. „Wir haben immer an die zehn verschiedene Petit Four im Sortiment, im Winter noch ein paar mehr“, sagt der gebürtige Rheinländer mit Lehrjahren in Luxemburg und der weltweit bekannten Patisserieschule Ecole Lenotre in Paris.
Spitzenpatissier zwischen Wettbüros und Imbissbuden
Jürgen Stolz war 2005 deutscher Vizemeister der Konditoren und Patissiers und ist Mitglied im Condi Creativ Club, einer Vereinigung von Deutschlands Spitzenpatissiers und Konditoren. Einer wie er gehört eigentlich nicht in die Fellbacher Bahnhofstraße, die sich in den vergangenen Jahren von einer gut durchmischten Einkaufsmeile zu einem Hotspot von Wettbüros und Imbissbuden entwickelt hat. Mittendrin das Café Stolz: eine gediegene Adresse mit zeitlosem Ambiente. Das dezente Mobiliar im Laden und die Ledermöbel im Café drängen sich nicht auf. Die Qualität des Handwerks und der Produkte sind das Entscheidende. Der „Feinschmecker“ hat das Café Stolz auch 2022 wieder in die Liste der besten deutschen Cafés und Röstereien aufgenommen.
Essen sei Kultur, sagt Jürgen Stolz, und habe ihn schon immer interessiert. „Die Patisserie gehört dazu.“ Und er ist ein Meister der kunstvollen kleinen Backwerke geworden. Die Schokoladenmousse mit Haselnussbaiser und Moccacreme trägt den Namen Casablanca. Malibu nennt sich eine Kreation aus Kokosmousse mit Himbeereinlage und einem Schuss Kokoslikör. Für Tirol werden Cassis und weißes Schokoladenmousse kombiniert, für die Halbkugel namens Jupiter Schokoladenmousse mit Sacherboden und Walnusskrokant. „Wir geben jedem Törtchen einen Namen“, sagt Jürgen Stolz und grinst. „Wir haben ein sehr sentimentales Verhältnis zu unseren Backwerken.“
Das gilt ebenso für die Pralinenkreationen, bei denen der Zuckerbäcker Schokolade, Zutaten und Aromen zu einem Geschmackserlebnis vereint. „Wir machen aber auch einfache Sachen: Käsekuchen, Mohnkuchen, Schwarzwälder Kirschtorte.“ Jürgen Stolz bevorzugt privat ebenfalls bodenständige Süßspeisen. „Es gibt nichts Besseres als einen österreichischen Apfelstrudel im Herbst.“ Auch Spitzenköche würden in ihrer Freizeit gerne eine Currywurst essen.
Seine Frau Heike, Konditormeisterin und aufgewachsen in Untertürkheim, hat Jürgen Stolz in Garmisch-Partenkirchen kennengelernt. „Wir haben beide im Konditorei-Café Krönner gearbeitet.“ Das sei die Zeit gewesen, als beide viel unterwegs waren. Wer ein erstklassiger Patissier werden wolle, sagt Stolz, müsse raus gehen, viele Stationen machen. „Man bleibt ein Jahr oder eineinhalb Jahre, dann zieht man weiter.“ Erst in Fellbach hätten sie aufgehört, zu reisen und Wurzeln geschlagen. „Doch hier hat sich viel verändert.“
Wie den Gastronomen hat die Coronapandemie den Feinbäckern vieles verhagelt. Dazu kommen die gestiegenen Energiekosten. „Viele der Cafés, die wir vorher beliefert haben, sind nicht mehr da“, sagt Jürgen Stolz nachdenklich. Auch er müsste eigentlich seine Preise um 20 bis 25 Prozent anheben. „So ist die Rendite fast bei null.“
München, Paris, Stockholm, Barcelona
Er sei in München, Paris, Stockholm und Barcelona gewesen, sinniert Jürgen Stolz, der aus einem Dorf in der Eifel kommt. „Vielleicht ist Fellbach einfach nicht mehr der richtige Platz für uns.“ Er könnte sich für die Zukunft auch einen anderen Ort vorstellen, erklärt der 55-Jährige, und sein Blick schweift in die Ferne. Am liebsten würde er jetzt einen Mandelkuchen in der „Fornet de la Soca“, der ältesten und schönsten Bäckerei von Palma de Mallorca essen, sagt er. Und, dass er sich vorstellen kann, auf der Baleareninsel zu leben – und zu arbeiten. „Dort würde ich aber vielleicht noch zehn Stunden in der Woche schaffen, statt zehn am Tag.“
Angebot und Öffnungszeiten
Feinbäckerei
Die Patisserie & Confiserie Café Stolz in der Königstraße 18 in Fellbach steht seit mehr als zwei Jahrzehnten für kreatives und ideenreiches Konditorenhandwerk. Das Motto von Heike und Jürgen Stolz lautet: „Wir machen Schokolade sexy“. Neben den kleinen, feinen Törtchen und den edlen Pralinen ist das Meisterkonditorenpaar auch für seine außergewöhnlichen Hochzeitstorten im modernen Design bekannt, die auf Wunsch auch vegan und laktosefrei geliefert werden. Montags und dienstags bleiben Geschäft und Café in Fellbach geschlossen. Von Mittwoch bis Samstag ist das Stolz von 10 bis 17 Uhr geöffnet, an Sonn- und Feiertage von 11 bis 17.30 Uhr. www.cafe-stolz.de.