„Masel Tov Cocktail“, der prämierte Kurzfilm des Regisseurs Arkadij Khaet, handelt von jüdischem Leben in Deutschland. Mit Schorndorfer Schülern sprach er darüber – und erklärte auch, warum er das eigentlich gar nicht tun möchte.
Wer ihm drei jüdische Feiertage nennen könne? Mit dieser Frage löst der Regisseur Arkadij Khaet im Publikum erst einmal Schweigen aus. „Ich kenne alle Christlichen“, fährt der 33-Jährige fort. Zuvor haben die Oberstufenschüler mehrerer Schorndorfer Gymnasien Khaets Kurzfilm „Masel Tov Cocktail“ gesehen. Dieser handelt von Dimi, dessen Eltern einst aus Russland nach Deutschland kamen. Er ist Jude und untergräbt mit seiner nicht israelischen Herkunft und seiner sich in Gewalt entladenden Wut viele der Stereotypen über Juden in unserer Gesellschaft.
Einfache Antworten auf die gezeigte Problematik bietet der halbstündige Film nicht, und auch der Regisseur des Werks kann diese bei seinem Besuch am Berufsschulzentrum Schorndorf nicht liefern. Khaet, der selbst Jude ist, beklagt, jüdisches Leben werde in Deutschland zu häufig auf die Shoah reduziert.
Ein Raum für Gefühle
„Der Film stellt Vorstellungen von Juden auf den Kopf“, sagt auch Holger Dietrich von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, die die Veranstaltung mitorganisierte. So etwa, wenn der Protagonist einem Schulkamerad die Nase bricht, als dieser ihn antisemitisch beleidigt.
Für Arkadij Khaet ist es wichtig, auch solche Reaktionen und Emotionen zu zeigen: „Figuren können stellvertretend für uns zuschlagen.“ Es müsse diese Orte geben, an denen solche Gefühle sichtbar würden. „Masel Tov Cocktail“ ist einer dieser Orte. Der Regisseur traf mit seiner ungewöhnlichen Darstellung jüdischer Wirklichkeit offenbar einen Nerv, er wurde dafür 2021 mit dem renommierten Grimmepreis ausgezeichnet.
Kein Film über Antisemitismus
Doch auf das Thema Judenhass festnageln lassen möchte sich Khaet, der als Baby von der Republik Moldau ins Ruhrgebiet kam und dort aufwuchs, nicht. „Ich wollte keinen Film über Antisemitismus machen, sondern über jüdisches Leben in der Gegenwart.“ Eine weitere Motivation sei auch gewesen, durch den Film weniger über Juden sprechen zu müssen: „Ich dachte, dann können sich die Leute stattdessen einfach den Film ansehen.“ Dass er nun vor Schulklassen sitzt und mit ihnen über genau dieses Thema spricht, zeige, dass dieser Plan nicht aufgegangen ist. Aufklärungsarbeit leisteten in Deutschland immer noch zu oft nur die Betroffenen, bemängelt Khaet.
Der Erfolg von „Masel Tov Cocktail“ habe auch zur Folge gehabt, dass er von manchen in der Filmwelt nun auf jüdische Themen reduziert werde: „Ich habe aber auch andere Themen, die mich interessieren .“
Es brauche verschiedene Blickwinkel
Khaets Kurzfilm gehörte 2020 zu den drei am meisten aufgerufenen Filmen in der ARD-Mediathek. Ein Grund für die Beliebtheit des Films könnte sein, dass er Juden in einem ungewohnten Licht zeigt. „In Deutschland sprechen wir meist nur über tote Juden“, sagt Khaet. Das Wissen über das Judentum sei in der Gesellschaft verschwindend gering, und Antisemitismus wiederum meist in der Vergangenheit verortet. „Viele haben Angst davor, einen jüdischen Antihelden zu zeichnen“, sagt der Regisseur über die aus seiner Sicht wenig abwechslungsreiche Darstellung von Juden in deutschen Filmen. „Aber verschiedene Blickwinkel sind wichtig.“
Auch die Schüler fanden die neue Perspektive hilfreich. „Das Thema filmisch zu behandeln war interessant“, sagt die 17-jährige Jule. Ihre Mitschülerin Anna bekräftigt: „Ich fand es gut, mit jemandem darüber sprechen zu können, der sich selbst als jüdisch identifiziert.“
Am Schorndorfer Berufsschulzentrum hat etwa die Hälfte der Schüler Migrationshintergrund. Abgedroschene Darstellungen von Minderheiten dürften ihnen bekannt vorkommen. Ehrliches Interesse an jüdischem Leben, ausgelöst von Filmen wie „Masel Tov Cocktail“, kann das ändern. Dann gehen bei der nächsten Frage nach jüdischen Feiertagen wohl auch mehr Hände hoch.