Antimonumental, mit zügigen Tempi und höchster Stringenz: So klingt Bachs „Matthäuspassion“ bei Frieder Bernius, seinem Kammerchor und Barockorchester Stuttgart. Die Musik selbst ist hier die Botschaft.
Hans Blumenberg schreibt in seinem Buch „Matthäuspassion“ über Bachs „Matthäuspassion“: „Bach ,missioniert‘ nicht.“ Der Trost in der göttlichen Tragödie liege nicht in der musikalischen Verkündigung des Evangeliums – für Blumenberg eine dunkle Geschichte über väterliche Grausamkeit und ein überflüssiges Sohn-Opfer. Der Trost liege in der musikalischen Ästhetik selbst. Präziser könnte man Frieder Bernius’ Aufführung mit seinem Kammerchor und Barockorchester Stuttgart in der Esslinger Stadtkirche kaum beschreiben. Bernius verkündet: Bach. Mit antimonumental zügigen Tempi und einer Stringenz, als wäre der Titel-Gag von Mauricio Kagels „Sankt-Bach-Passion“ Interpretationsmotto.
Geniale Massenpsychologie
Wenn bei Bach der heidnische Römerchor die christlichste aller Kernaussagen – „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“ – in wohltönende Vierstimmigkeit gießt, dröhnt es bei Bernius nicht wie ein missionarisches Machtwort durch die Weltgeschichte, sondern drückt aus, was komponiert ist: persönliche Rührung mit elegischer Note zum Todeswort „gewesen“; ganz anders als die geifernden Volksmassen, die sich wechselchörig aufstacheln. Bernius inszeniert indes keinen brüllenden Naturalismus, sondern beleuchtet mit prägnantem, transparentem Chorklang Bachs geniale Massenpsychologie. Selbst der diabolische Tritonus des „Barrabam!“-Rufs klingt nicht nach Cannstatter Kurve, sondern in manischer Beherrschtheit viel abgründiger. Affektdarstellung und Analyse treffen zusammen. Das führt zu einer Modellhaftigkeit, die den jeder Passion inhärenten Antijudaismus aufhebt. Zu ahnen sind in den Klangzeichen der „Jüden“ die Stimmen ihrer späteren Verfolger, die Töne des Pogroms. Was aber die Musik an Trost bietet, öffnet sich doch der spirituellen Dimension, die Blumenberg leugnet: Hörbar verklammert Bernius im Eingangschor den erdenschwer rumorenden Bass mit dem überirdischen Erlösungschoral im Sopran.
Überragender Evangelist
Nicht alle Solisten – und mit ein paar Intonationsschwächen bisweilen auch das zweite Orchester – waren ganz auf Spur. Gotthold Schwarz sang einen zu milden Jesus, für die angenehm baritonale Stimme des eingesprungenen Jonas Müller liegen die Bass-Arien zu tief. Auch Sopranistin Miriam Feuersinger kämpfte um die tiefe Lage – perfekt dafür ihre Arie „Aus Liebe will mein Heiland sterben“. Bewegend das in bronzenem Timbre legierte Espressivo der Altistin Elvira Bill. Überragend Patrick Grahls empathisch gestaltender Evangelist und sein wunderbar kantabler Arien-Tenor.