Die Rechte ist wiedervereint: Silvio Berlusconi von der Forza Italia (links), Giorgia Meloni von den Fratelli d’Italia (Mitte) und Lega-Chef und Polit-Superstar Matteo Salvini (rechts) am Samstag bei einer gemeinsamen Kundgebung in Rom. Foto: dpa/Andrew Medichini

Im Sommer hatte sich der italienische Rechtspopulist Salvini selbst ein Bein gestellt. Statt ganz oben saß er plötzlich in der Opposition. Damit will sich der Rechtspopulist nicht abfinden. Und reicht sogar einem alten Bekannten wieder die Hand.

Rom - Früh morgens, um 6.30 Uhr, ist Emanuela De Palo in Mailand in den Zug gestiegen. Die 52-Jährige hat Matteo Salvini, den Star der Rechten, schon oft live gesehen, auch schon in Badehose. Auch an diesem Tag, an dem Salvini in Jeans und Hemd in Rom vor seine Anhänger tritt, wollte sie unbedingt dabei sein. Dieser Samstag, diese Groß-Kundgebung mit dem Titel „Orgoglio Italiano“ (Italienischer Stolz), sei erst der Anfang, glaubt die Frau mit den langen blonden Haaren und dem weißen T-Shirt, auf dem der Lega-Chef siegessicher die Faust ballt. „Die neue Regierung wird nicht lange halten“, sagt sie. Mit dieser Meinung steht sie nicht alleine da. „Elezioni, elezioni!“, „Wahlen, Wahlen!“, skandiert die Menge am Samstagnachmittag immer wieder.

 

Beflügelt von einem nie da gewesenen Umfrage-Hoch hatte der damalige Innenminister und Vize-Premier Salvini im August die Koalition mit der Fünf-Sterne-Bewegung aufgekündigt – wenig später schloss sich diese mit dem sozialdemokratischen Partito Democratico zusammen und regiert nun mit den Linken das Land. Zwar war Salvini im Sommer mit seiner Hoffnung auf schnelle Neuwahlen erst einmal gescheitert und auf die Oppositionsbank verwiesen worden. Doch seine Rechnung, Ministerpräsident von Italien zu werden, kann noch immer aufgehen. Denn weg vom Fenster ist der 46-Jährige noch lange nicht – ganz im Gegenteil. Laut Polizei kamen rund 50.000 Salvini-Anhänger am Samstagnachmittag auf die Piazza San Giovanni in Rom, die eigentlich für linksgerichtete Demonstrationen bekannt ist.

Berlusconi redet – die Piazza schweigt

Um ihren „Capitano“ an der Macht zu sehen, wird sogar ein längst verstoßen Geglaubter wieder im Kreise der Rechten aufgenommen: Ex-Premier und Bunga-Bunga-König Silvio Berlusconi. Die Rechte Italiens ist wieder vereint – doch die Machtverhältnisse haben sich umgekehrt. Galt einst Salvini noch als Anhängsel Berlusconis, muss letzterer nun schon dankbar sein, dass der fast halb so alte Lega-Chef dem 83-Jähirgen einen Platz auf der Bühne einräumt. Als Berlusconi das Wort ergreift und für 20 lange Minuten nicht mehr loslässt, herrscht allerdings eine drückende Stille auf der gut gefüllten Piazza, die nur durch vereinzelte „Basta“-Rufe und Pfiffe durchbrochen wird.

Auch Alessandro verdreht etwas die Augen. Der 30-jähirge Ingenieur, der seinen Nachnamen lieber nicht nennen will, ist mit seinen Freunden aus dem norditalienischen Brescia angereist, um an der Kundgebung gegen die aktuelle Regierung teilnehmen zu können. Eine Zusammenarbeit mit Berlusconis Partei Forza Italia (FI) hält er aber für sinnvoll. „Die Mitglieder im Hintergrund machen eine gute Arbeit“, sagt er, „die sind nicht alle wie Berlusconi. Und den kann man ja ignorieren.“ Dass nach dem plötzlichen Ende der Regierung im August nicht gewählt wurde, hält Alessandro für einen großen Fehler. „Die Stimmung im Volk hat sich seit der letzten Wahl im März 2018 drastisch geändert – das kann man doch nicht einfach übergehen. Die wahre Regierung, das ist die, die heute hier auf der Piazza steht.“

Der alte Koalitionspartner ist der neue Intimfeind

Nach mehr als zwei Stunden Vorprogramm hat dann der eigentliche Star der wiedervereinten Rechten seinen Auftritt. Laut Umfragen kommt die Lega von Salvini derzeit auf 33,2 Prozent, Berlusconis FI liegt abgeschlagen bei 5,1 Prozent und wird quasi nur noch als Zahlen-Beiwerk gebraucht, um eine nötige Mehrheit zu erlangen. Der Dritte im Bunde, die extrem rechten Fratelli d’Italia mit ihrer Frontfrau Giorgia Meloni, haben die FI schon lange überholt und liegen aktuell in den Umfragen bei fast acht Prozent.

Während seines Auftritts wirft der Lega-Chef der neuen Regierung dann das Übliche vor: Sie lasse zu viele im Mittelmeer gerettete Migranten ins Land und erhöhe die Steuern. Dass er doch noch an sein Ziel gelangen wird, in Italien das Zepter in die Hand nehmen zu können, daran hat Salvini keinen Zweifel. Er verweist auf die anstehenden Regionalwahlen in Italien, die für die neue Regierung wohl zur Generalprobe werden: „Wir werden sie alle gewinnen und sie nach Hause schicken. Damit diejenigen in die Regierung zurückkehren, die wissen wie man regiert“.

Damit meint er sich selbst. Mit dem einstigen Koalitionspartner, den noch immer regierenden Fünf Sternen und ihrem Chef, dem derzeitigen Außenminister Luigi Di Maio, hat nicht nur Salvini abgeschlossen. Sobald der Name der Bewegung fällt, wabert eine Welle empörter Buh-Rufe und Pfiffe über den Platz. Ein Mann trägt andächtig ein Plakat durch die Menge, auf dem steht: „Meine einzige Schande: Ich habe zehn Jahre lang die Fünf-Sterne Bewegung gewählt.“