Das Portal des Neubaus des Berliner Stadtschlosses. Foto: dpa

Der neue Hauptstadt-Bürgermeister Michael Müller stellt das Ausstellungskonzept für das Berliner Stadtschloss in Frage. Sein Vorschlag könnte den Bau aber erheblich komplizierter machen.

Berlin - Der Berliner an sich ist ein Skeptiker. Nicht so leicht zu begeistern. Erst ma kieck’n, wa? Das hat ihn gerade die Olympischen Spiele gekostet, jedenfalls den deutschen Kandidatenstatus. Einmal allerdings kam der Hauptstädter dann doch so richtig in Wallung. Als der Geschäftsmann Wilhelm von Boddien im Jahre 1993 eine Stoff-Attrappe mit der Fassade des vom SED-Regime gesprengten Stadtschlosses in Originalgröße aufstellen ließ, ach, da wurde es dem Berliner warm und heimelig ums Herz.

Die Euphorie war ansteckend. Der Bund ließ sich von der neu erblühten Preußen-Sehnsucht anstecken und spendierte der Stadt den Wiederaufbau ihres geliebten Schlosses. 590 Millionen Euro übernimmt der deutsche Steuerzahler, das Land Berlin gibt 32 Millionen dazu. Und 80 Millionen sollten aus privaten Spenden hinzukommen. Ein Klacks, so schien es damals.

Inzwischen steht der Rohbau, im Sommer ist Richtfest. Das Schloss kommt, die Euphorie aber geht. Und die Spenden? Tröpfeln allenfalls. Rund 27 Millionen sind eingenommen, mit gutem Willen lassen sich 10 weitere Millionen als Sachspenden interpretieren. Das Geld ist zur Fassadengestaltung gedacht. Was aber, wenn es weiter ausbleibt? „Dann lassen wir die Fassade so, wie sie ist“, sagt der Berliner CDU-Bundestagsabgeordnete Rüdiger Kruse.

„Ein Barockgebäude ohne Barock wäre eigentümlich.“

Er hat einen sehr feinen Sinn für Ironie, denn er fügt an: „Das wäre doch ein schönes Symbol.“ Bei dem Gedanken beschleicht Hermann Parzinger, Präsident der Schloss-Stiftung, allerdings ein gewisses Unbehagen. „Ein Barockgebäude ohne Barock wäre ein bisschen eigentümlich.“ Und da hat er sicher recht.

Zumal die Fassade auch schon das Einzige ist, was das Wort „Wiederaufbau“ rechtfertigen könnte. Denn natürlich wird das Schloss nicht rekonstruiert, allenfalls seine Hülle. Denn von innen soll ja ein hochmoderner Museums- und Ereigniskomplex entstehen – eine Attrappe eben, eine architektonische Täuschung. Deswegen heißt das Gesamtkunstwerk offiziell auch nicht Schloss, sondern „Humboldt-Forum“.

Aber es ist eben nicht nur die Fassade, die noch viel Ärger machen könnte. Auch um den Inhalt wird noch heftig gestritten. Immer schon hatte es Kritiker gegeben, die nicht recht begreifen wollen, wie das alles zusammenpasst: Es sollen die heute in Dahlem angesiedelten Museen für asiatische Kunst und für Ethnologie mit ihren einzigartigen Sammlungen einziehen, es soll ein „Agora“ genanntes Veranstaltungszentrum samt Shops, Cafés und Restaurants entstehen.

Ein Biotop der Langeweile?

Und Berlin, das aufgrund seines finanziellen Beitrags die Möglichkeit zur Gestaltung von 4000 Quadratmetern im ersten Stock erhält, hat eigene Pläne: Dort sollte vor allem eine Art Außenstelle der Zentral- und Landesbibliothek eingerichtet und eine Ausstellung zum Thema „Welt der Sprachen“ gezeigt werden. Nicht sehr ambitioniert. Eigentlich sogar deplatziert. Es hatte immer wieder massive Bedenken gegeben, der erste Stock könnte zu einem Biotop der Langeweile werden. Klaus Wowereit kannte diese Warnungen. Aber er hatte nicht mehr die politische Energie, die Reißleine zu ziehen. Genau das hat sein Nachfolger im Amt des Regierenden Bürgermeisters nun getan.

Michael Müller – noch keine 100 Tage im Amt – hat die Berliner mit einem Gestaltungsanspruch verblüfft, den man dem Sozialdemokraten gar nicht zugetraut hätte. Er will von der Bibliothek im Humboldt-Forum nichts mehr wissen. Stattdessen soll sich Berlin präsentieren – mit seiner Geschichte, seiner Verwobenheit mit den großen Zeitläufen, als Metropole, Magnet, Stadt der Begegnung vielfältiger Kulturen.

Keine schlechte Idee. Auch wenn schon gefragt wird, ob nun eines der wichtigsten kulturellen Vorhaben der Republik zum Heimatmuseum verkomme.

So ist Müllers Idee durchaus nicht gemeint. Aber der Teufel steckt im Detail. Seit 2012 wird am Schloss gebaut – auf der Grundlage der Planung, die fest von der Bibliothek ausgeht. Wenn nun umgeplant wird, dann kann man ziemlich sicher von Kostensteigerungen ausgehen. Die wären vielleicht sogar in den Griff zu bekommen. Aber die technische Seite ist ausgesprochen heikel. Manfred Rettig ist der Verantwortliche für den Schlossbau und hat schon vor Wochen gewarnt: „Wenn man meint, dass man zum jetzigen Zeitpunkt, wo wir mit dem Rohbau hoch sind, gravierende Nutzungsänderungen vornehmen muss, dann baut man hier den zweiten BER.“

Da ist sie – die ultimative Drohung, der Albtraum schlechthin: Das wichtigste Bauprojekt der Berliner City – es könnte enden wie die Endlosgeschichte um den neuen Hauptstadt-Flughafen, also gar nicht. Vielleicht doch gut, dass Hamburg den Zuschlag für die Olympia-Bewerbung bekommen hat.