Drogenkonsum während der Schwangerschaft birgt große Gefahren fürs Baby. Foto: dpa/Waltraud Grubitzsch

Experten befürchten mit der Cannabis-Legalisierung einen laxeren Umgang mit der Droge auch bei Schwangeren – mit fatalen Folgen für das Kind. Wie Ärzte und Wissenschaftler versuchen, mit einer besseren Beratung über die Risiken aufzuklären.

Sarah ist auf Entzug. Noch nicht einmal 48 Stunden ist das knapp 1500 Gramm leichte Mädchen auf der Welt, und der Start könnte nicht schwerer sein: Ihre Mutter hat während der Schwangerschaft Amphetamine geschluckt, auch einige Medikamente wie Schmerzmittel und Antidepressiva waren dabei. Diese Dosis fehlt nun dem kleinen Wesen, das in der Neonatologie des Klinikums Stuttgart versorgt wird: Sarah zittert und schwitzt, die Bewegungen ihrer Ärmchen sind fahrig. Ohnehin haben Frühchen eine erhöhte Herzfrequenz. Aber Sarahs Herz rast mit mehr als 200 Schlägen pro Minute.

 

Es koste viel Erfahrung und Fürsorge, solche Kinder medizinisch zu betreuen und „den Entzug langsam auszuschleichen“, sagt Neysan Rafat, der am Klinikum Stuttgart die Neonatologie und neonatologische Intensivmedizin als Ärztlicher Direktor leitet. Die Kinder kommen häufig mit einer Organschädigung zur Welt oder leiden unter starken neurologischen Einschränkungen. Mitunter ist auch beides der Fall.

Neonatales Entzugssyndrom

Diese spezialisierte Erfahrung wird von seinem Team derzeit ungewöhnlich häufig abverlangt: „Seit einigen Monaten bemerken wir eine Zunahme der Fallzahlen.“ Jeden Monat gebe es ein bis zwei Kinder mit einem sogenannten neonatalen Entzugssyndrom.

„Die Herausforderung ist es herauszufinden, von welcher Substanz das Baby beeinträchtigt ist“, sagt Rafat. Die Mütter dieser Kinder haben häufig nicht nur Drogen wie Kokain, Amphetamine oder Cannabis genommen, sondern auch morphinhaltige Präparate oder Psychopharmaka. Häufig komme der komplette Beikonsum erst mittels eines Drogenscreenings beim Kind heraus.

Eine Übersicht, wie viele Kinder bundesweit von diesem Syndrom betroffen sind, gibt es nicht. Dafür aber Berichte von anderen Kliniken – etwa dem Uniklinikum Dresden: Dort leitet Mario Rüdiger die Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin und hat seit zehn Jahren verstärkt mit Neugeborenen zu tun, deren Mütter in der Schwangerschaft Methamphetamin – bekannt als Crystal Meth – konsumiert haben. Seiner Meinung nach werde die Entzugsproblematik bei Neugeborenen vom Gesundheitssystem massiv unterschätzt. Dass der Bundestag die Legalisierung von Cannabis nun zugestimmt hat, sieht Rüdiger, der auch Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM) ist, kritisch: „Es besteht die Gefahr, dass der Umgang mit der Droge laxer wird – auch bei Schwangeren.“

Zwar gibt es nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen über die Auswirkungen des Kiffens auf Ungeborene im Mutterleib. In Tierversuchen zeigt sich aber, dass der Konsum von THC – einem wichtigen Inhaltsstoff von Cannabis – während der Schwangerschaft möglicherweise die Entwicklung des Fötus beeinträchtigen und zu lebenslangen Auswirkungen auf die Gesundheit des Kindes führen kann. Bei anderen Drogen ist die Forschung weiter: In einer Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2021 konnte Mario Rüdiger zusammen mit Kollegen belegen, welche Folgen der Konsum des Methamphetamins auf die kindliche Entwicklung hat – lange vor der Geburt bis weit ins Grundschulalter hinein.

So hatten die betroffenen Kinder einen geringeren Kopfumfang bei der Geburt sowie während der ersten Lebensjahre, und sie wiesen bis ins Grundschulalter hinein häufiger motorische und neurokognitive Probleme auf. Sie konnten sich schlechter konzentrieren, hatten längere Reaktionszeiten und neigten mehr zu aggressivem Verhalten. „Wobei dazu gesagt werden muss, dass bei dieser Entwicklung durchaus auch andere Faktoren wie das soziale Umfeld eine Rolle spielen können“, so Rüdiger.

Sucht ist eine Erkrankung

Trotz des Wissens um die Folgen für die Kleinsten erheben die Ärzte keine Vorwürfe: Sucht ist eine Erkrankung. Dementsprechend brauchen die Frauen medizinische Hilfe – vor allem eine bessere Aufklärung: „Es gibt noch zu viele Frauen, die nicht wissen, welche Lebensstilfaktoren wirklich riskant für das ungeborene Kind sind“, sagt Manuela Bombana, die als leitende Wissenschaftlerin der AOK Baden-Württemberg an der Uniklinik Heidelberg forscht. Die soziale Herkunft der Frauen spiele dabei eine nur untergeordnete Rolle.

Die Expertin für Versorgungsforschung beschäftigt sich unter anderem mit den medizinischen und sozioökonomischen Folgen von Alkohol, Nikotin und anderen Suchtmitteln sowie von Adipositas in der Schwangerschaft. „Aus Befragungen von Hebammen und Frauenärzte wissen wir, dass es keine standardisierte Aufklärung der werdenden Mütter darüber gibt.“

Aktuell ist die Wissenschaftlerin dabei, ein Beratungsprogramm für die AOK Baden-Württemberg zu erstellen: „Wir wollen herausfinden, ob und wie sich Wissen und Gesundheitsverhalten von Schwangeren verändert, wenn sie frühzeitig über riskante Lebensstilfaktoren aufgeklärt werden.“

Erfolge in Dresden

In Dresden haben die Ärzte sehr gute Erfahrungen mit der verstärkten Aufklärung von Schwangeren gemacht: Seit acht Jahren werden drogenabhängige Frauen während und nach der Schwangerschaft mit ihrem Kind von Ärzten verschiedener Fachrichtungen am Uniklinikum betreut. Tatsächlich ist die Zahl der entlassenen Babys, die bei ihren Müttern bleiben dürfen und nicht in Pflegefamilien untergebracht werden müssen, von einem auf zwei Drittel gestiegen. Das Projekt „Mama denk’ an mich“ wurde von weiteren Kliniken in Sachsen und Thüringen übernommen.

Im Klinikum Stuttgart ist das Schicksal der kleinen Sarah ungewiss. Inzwischen hat sie sich beruhigen lassen und ist eingeschlafen. Ob sie mit ihrer Mutter nach Hause kann? Noch lasse sich das nicht sagen, sagt Neysan Rafat. „Aber wir versuchen alles, um die Beziehung von Eltern und Kind zu fördern.“