Saudi-Arabien erfindet sich neu, dabei sollen Achterbahnen nahe der Hauptstadt Riad helfen. Foto: dpa/Oliver Weiken

Auch Karussells werden gehandelt. Und zwar zu Höchstpreisen. Das Volksfest droht verscherbelt zu werden. Und ein Besuch beim Wasen-Gottesdienst.

Stuttgart - Wer einen Gebrauchtwagen fährt, findet ja hin und wieder diese Visitenkarten am Seitenfenster. Auto Export oder Stern Automobile heißen die Firmen und versprechen alle „sofort Bargeld“. So ähnlich geht es gerade auch beim Volksfest zu. Gebrauchtkarussellhändler sind überall unterwegs, suchen vor allem große Fahrgeschäfte wie Achterbahnen und Freifalltürme, um sie in die Golfstaaten zu verkaufen.

In den Arabischen Emiraten, Katar und Saudi-Arabien sollen Freizeitparks die Touristen amüsieren, und die Unterhändler grasen die Festplätze Europas ab auf der Suche nach Attraktionen. Denn schnell muss es gehen, und wer jetzt eine Achterbahn bestellt, der muss zwei oder drei Jahre warten. Also kauft man gebraucht. Das erledigen zwei englische Unternehmen im Auftrag ihrer Geldgeber.

Vor allem der Staat Saudi-Arabien hat es ganz eilig. Kronprinz Mohammed bin Salman will das Land modernisieren, und Achterbahnen sollen helfen. Bei der Hauptstadt Riad entsteht ein 334 Quadratkilometer großer Freizeitpark. Zum Vergleich: das Walt Disney World Resort in Orlando ist nur halb so groß. Wie man so munkelt, zahlen sie sehr sehr ordentlich, deutlich über dem Marktpreis. Kein Wunder, ist doch deutlich mehr Geld vorhanden als Geduld. Sicher weiß man, dass Thomas Meyer seine Wildwasserbahn nach Saudi-Arabien verkauft hat. Der Handel ging im Juli in Hannover über die Bühne. Und auf dem Wasen? Auch hier wird gefeilscht. Reden darüber will man allenfalls hinter vorgehaltener Hand, dem Hörensagen nach ist aber beim ein oder anderen Schausteller ein gutes Angebot eingegangen. Allerhand, findet der Wasenhocker, nach der Leichtathletik-WM und der Fußball-WM kaufen Scheichs jetzt auch noch das Volksfest.

Balsam für die Seele

Leib und Seele soll man zusammenhalten. Dann geht’s einem gut. Am Leib hat der Wasenhocker eifrig gearbeitet, am Dienstag kam die Seele zu ihrem Recht. Im Weinzelt der Familie Zaiß war Wasengottesdienst. Schaustellerpfarrer Johannes Bräuchle predigte und half bei der inneren Einkehr. Die Kinder der Schausteller hatte eine tragende Rolle, sie trugen zwei Lieder vor. „Mach Dir keinen Kopf, nimm Deine Sorgen und steck sie in einen Topf“, sagen sie etwa. Einstudiert hatten sie ihren Auftritt mit den Aidlinger Schwestern. Die betreuen am Nachmittag die jüngeren Kinder. Und das schon seit Jahrzehnten. Da sage noch einer, die Schausteller seien von gestern. Da arbeitete die Frau schon selbstverständlich mit, als im Rest der Gesellschaft noch bis 1977 laut Eherecht galt, die Frau sei gesetzlich „zur Führung des Haushalts verpflichtet“. Sie durfte nur einen Beruf ausüben, „soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist“ – mit dem Okay des Gatten.

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