Transitpause: Im Vaihinger Stadtpark wird von A nach B gestrebt. Foto: Michael Werner

Falls wieder ein Lockdown ausgerufen wird, bedarf es Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum. Was kann geschehen, wenn man dort Platz nimmt? Heute: die Bank im Vaihinger Stadtpark.

Vaihingen - Es gibt zwei Arten von Parks, Verweilparks und Transitparks. Der Stadtpark Vaihingen ist ein Transitpark, zumindest jenseits des Spielplatzes. Dort wissen die Kinder auf Klettergerüsten noch nicht, was ihnen droht. Aber die Erwachsenen streben am späten Nachmittag von der U- oder der S-Bahn durch den Stadtpark Vaihingen zu ihren Wohnungen. Dabei sprechen viele von ihnen Sätze in ihre tragbaren Telefone. Von einer Bank im Park aus kann man weitgehend bewegungslos einige dieser Sätze aufschnappen, zum Beispiel: „Am Anfang ist es immer schwer.“, „So schlecht wie an seinem Geburtstag haben wir schon lange nicht mehr gegessen.“ Oder „Ich will mit dir nichts mehr zu tun haben.“

Vor anderthalb Jahrzehnten hat Bob Dylan ein autobiografisches Buch namens „Chronicles. Volume one“ veröffentlicht, in dem unter anderem seine Großmutter vorkommt. Diese kluge Frau habe ihm schon früh mitgeteilt, dass jeder, den er treffen werde, einen harten Kampf kämpfe. Eine Bank ungefähr in der Mitte des Vaihinger Stadtparks ist ein ausgezeichneter Ort, um sich wieder einmal vom herausragenden Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu überzeugen.

Das hat, klar, auch etwas mit dem transithaften Setting zu tun: Während die Bäume und die Mülleimer verweilen, streben die Menschen an ihnen vorbei, manche zu Fuß, andere mit Hilfe eines Fahrrades, das den vorübergehenden Charakter des Park-Durchquerens gegebenenfalls zu unterstreichen imstande ist. Transit allüberall: von der Ausbildung bis zur Rente, von der Wiege bis zur Bahre, von der S-Bahn aufs Sofa. „Du musst noch auf der Station anrufen“, bellt ein kämpfender Fahrradfahrer in sein Telefon, das man sich dazudenken muss, weil es sich wahrscheinlich gut verborgen in irgendeiner Tasche befindet. Genau genommen bellt er seinen Satz in die Luft, aber weil kein Adressat in der Nähe ist und seine Augen auch keinen suchen, vermutet man irgendwo ein Telefon, zumal Stöpsel in seinen Ohren diese Vermutung nahelegen.

Ein Kampf um eine Bank

Wenn man auf dieser von Bewegung umtosten Bank sitzt, mag einen bald das Gefühl beschleichen, sich ebenfalls bewegen zu müssen. Man kann am Spielplatz vorbei zum Kiosk an der U-Bahn-Station spazieren und nach der Rückkehr auf die Bank mit einem Eis in der Hand fälschlicherweise denken, dass zwischen Bäumen und Hecken bei einer anderen Bank am späten Nachmittag eine Spontanbaustelle zum Leben erwacht sei. Aber im Licht der tief stehenden Sonne flimmert statt Baustaub bei genauerem Hinsehen Zigarettenrauch. Nicht wenige derer, die im Transitpark verweilen, konsumieren auf ihren Bänken die beiden am häufigsten verbreiteten legalen Drogen in diesem Land: Alkohol und Nikotin: „Kauf‘ Kippen!“, ruft derweil ein Eilender, der seinen Mund-Nasen-Schutz wie eine Ordnerbinde am Oberarm trägt, in sein ganz traditionell ans Ohr gepresste Telefon.

Überhaupt Anweisungen: Man kann einige aufschnappen im Transitpark. „Mach einfach!“, ruft einer in sein Telefon, „Jetzt beruhige dich erstmal!“, empfiehlt ein anderer jemandem. Wieder ein anderer schreit: „Vergiss es!“ Die Kämpfe, die einst Bob Dylans Großmutter beobachtet hatte, scheinen an diesem Nachmittag besonders intensiv ausgefochten zu werden.

Einer entbrennt wenig später um eine der raren Bänke im Schatten: Ein Mann mit Handy beschleunigt zielgerichtet, um sich einen Augenblick vor einer Frau mit Eis auf dieser Bank niederzulassen. „Abstand halten!“, lautet ihre sofort ausgerufene Anweisung. „Ich war zuerst da!“, faucht er. Dann sitzen beide stumm so weit voneinander entfernt, dass man ihr Herunterpurzeln befürchten muss, auf den beiden Enden der Bank. Etwa eine Minute währt dieser Zustand. Dann erhebt sie sich, einen Augenblick später er. „Idiot“, sagt sie. „Das habe ich gehört“, stellt er fest. Dann entfernen sie sich in entgegengesetzten Richtungen von der Bank und tauchen in die Strahlen der Sonne ein, über deren Wirkung Bob Dylan Anfang des Jahrtausends im Song „Sugar Baby“ sang: „I got my back to the sun ’cause the light is too intense. / I can see what everybody in the world is up against.“

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