In einer der Nebenhallen im Umfeld der Schleyerhalle protestiert eine Gruppe von Geflüchteten aus der Ukraine gegen die aus ihrer Sicht unwürdige Einquartierung. Der Fall ist ein Beispiel dafür, wie sich die Lage bei der Flüchtlingsunterbringung derzeit auch in Stuttgart zuspitzt.
Vor dem Eingang neben dem Container der Sicherheitsleute versammelt sich schnell eine Gruppe von Geflüchteten, die ein Sprachrohr suchen für ihre Anliegen. „Die Duschen sind kalt, das ist schlimm für die Kinder, und die Waschmaschinen funktionieren nicht“, sagt ein 31-Jähriger aus dem Gebiet von Donezk. Eine junge Mutter ärgert sich über schmutzige sanitäre Anlagen. Mehrere Personen erklären: „Für eine kurze Zeit ist das gut, aber nicht für Monate und nicht für die Kinder“, kritisiert eine Frau, die jetzt zwei Monate hier ist. Ein Mann betont: „Wir waren vorher im Hotel.“
Es fehlen Container
Bei der Stadt räumt man einige der beanstandeten Mängel ein. Einer der Duschcontainer im Umfeld der Hanns-Martin-Schleyerhalle hat ein Loch im Boden und ist ziemlich marode. Nur: Obwohl das Problem seit Juli besteht und man den Schaden offenbar nur unzureichend flicken konnte, ist er nicht behoben. Man bekomme derzeit keinen Ersatz für den Container. „Wir haben Beschaffungsengpässe“, sagt die stellvertretende Leiterin des Sozialamts, Marion Zorn. „Viele Verwaltungen suchen zurzeit Schlaf-, Küchen- und Sanitärcontainer“. Dass das warme Wasser im Boiler der Dusche irgendwann vorübergehend aufgebraucht ist, wenn viele Menschen geduscht haben, ist da eher ein Nebenproblem. Auch die Waschmaschinen sind so sehr genutzt, dass immer wieder eine kaputt ist. Um mehr Maschinen aufstellen zu können, braucht man ebenfalls einen Container, und der soll demnächst auch kommen. Bei der Essensausgabe hat man Änderungen vorgenommen, weil es Probleme gab, als Kinder Anfang September in die Schule oder in die Kita gingen und kein Essen mehr da war, als sie später heimkamen.
Das Grundproblem aber ist ein anderes: Eigentlich sollte die Halle Mitte September für die Flüchtlingsunterbringung geschlossen werden. Entsprechend wenig wurde zuvor erneuert. Doch durch den wieder steigenden Zuzug von Geflüchteten seit August muss die Halle jetzt weiter genutzt werden. 558 Menschen sind in den beiden Nebenhallen untergebracht. So viele wie noch nie. Allein im August sind 200 dazugekommen. Trotz einer Kapazität von 710 Personen ist viel Betrieb. Rund 150 Kinder leben hier. Obwohl in der Halle eigentlich Requisiten und Bühnentechnik gelagert werden sollten, sei es „gelungen, hier eine gute Notunterkunft zu errichten“, findet der Stadtsprecher Sven Matis.
Auch unter den Bewohnern gibt es Streit
Seit es mehr geworden sind, seien die Spannungen gestiegen, heißt es. Es gibt Konflikte mit den Sicherheitsleuten. Die pochen auf das Einhalten der Regeln, Bewohner werfen ihnen Provokationen vor. Wer aufs Gelände will, muss den Ausweis vorzeigen, das Maskentragen ist nicht bei allen beliebt. Auch unter Bewohnern gibt es Streit. Nicht selten ist Alkohol im Spiel. Auch dass in den kleinen Wohnzellen, die man vom Messebau kennt, bis zu acht Personen auch verschiedener Familien eng zusammenleben müssen, birgt Zündstoff.
Dennoch ist Beatrice Weingart von den Johannitern, welche die Unterkunft betreuen, nach ihren Erfahrungen überzeugt: „Der Großteil der Menschen hier ist zufrieden und dankbar“. Noch Ende August habe man ein schönes Sommerfest zusammen gefeiert, zu dem auch Ukrainer kamen, die schon ausgezogen sind. Was die Unzufriedenheit mancher Bewohner angeht, betont die Stadt, man müsse „fair“ mit allen umgehen, was bedeute: Wer schon länger in der Halle ausharre, dürfe „zuerst ausziehen“.
Insgesamt wohnen derzeit 7600 Geflüchtete aus der Ukraine in Stuttgart
Die Frage ist, wohin? Nach dem Volksfest sollen weitere 440 Plätze in einem Containerdorf auf dem Wasen entstehen. Sobald man genügend Container bekommt, im Herbst auch eines mit 160 Plätzen auf der Waldau. Weitere 1100 Wohnplätze will man in zwei ehemaligen Hotels schaffen und einem zusätzlichen Boardinghaus.
Derzeit seien in 184 Unterkünften der Stadt 7587 Geflüchtete untergebracht. Aus der Ukraine stammen von diesen 3380, von denen wiederum 2234 in Notunterkünften leben, das sind derzeit acht Hotels, drei Hallen, vier Boardinghäuser und 176 Wohnungen. Aktuell habe man „289 freie Betten“, so Sven Matis. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass in den zurückliegenden vier Wochen zwischen Mitte August und Mitte September knapp 600 Geflüchtete dazugekommen sind. Die meisten, außer 110 Zuweisungen vom Land, seien „Direktaufnahmen“ aus der Ukraine gewesen, sagt der Sprecher.
Insgesamt leben aber nicht nur die 3380 Geflüchteten aus der Ukraine, die in städtischen Unterkünften sind, in Stuttgart, es sind mehr als 7600, etwa 4200 in Privatunterkünften. Es dürften also noch nie so viele Geflüchtete hier gelebt haben. In städtischen Unterkünften waren es aber schon einmal mehr: 8486 Personen im März 2016.