Mehr Einsatz, mehr Geld: Auch der Landkreis Ludwigsburg gönnt sich nun einen hauptamtlichen Behindertenbeauftragten. Damit endet eine alte leidige und unwürdige Debatte – und das vor allem: ziemlich überraschend.
Ludwigsburg - Erst wollte Eckart Bohn nur vorübergehend bleiben, dann hing er seiner ersten Amtszeit als Behindertenbeauftragter des Landkreises Ludwigsburg eine zweite an und schließlich sogar eine dritte. Doch diese wiederum wird er nicht vollständig erfüllen, Ende des vergangenen Jahres hat er aufgehört.
Wer Eckart Bohn nachfolgt, ist offen, das Verfahren läuft noch. Trotzdem ist die Angelegenheit schon jetzt aus zwei Gründen bemerkenswert. Erstens: Es gibt ein Verfahren. Denn der neue Behindertenbeauftragte soll seine Aufgabe – dies zum zweiten – hauptamtlich erledigen. Bohn, der vom damaligen Landrat Rainer Haas persönlich ausgewählt worden war, bekleidete das Amt ehrenamtlich. Mit dieser doppelten Neuausrichtung endet eine Debatte, die regelmäßig entflammte, seit die Stelle 2016 eingerichtet worden war.
Vorgeschrieben hat die Posten für die Behindertenbeauftragten das Land, das so den Prozess der Inklusion beschleunigen wollte. Die solchermaßen kommunalen Beauftragten vertreten demnach die Interessen von Menschen mit Behinderung und beraten die Stadt- und Landkreise zu allen relevanten Themen.
Eckart Bohn zum Beispiel hat sich unter anderem sehr für barrierefreie Haltestellen engagiert. Doch obwohl Bohn, der viele Jahre in leitender Position beim Landeswohlfahrtsverband gearbeitet hat, in Fachkreisen einen exzellenten Ruf genießt, hat sein ehrenamtlicher Einsatz unter seinen Kollegen durchaus auch Verwunderung verursacht. Denn der Kreis Ludwigsburg ist der einzige in der Region und einer von ganz wenigen im Land, der den Posten nicht als Hauptamt führt. Obwohl das Land mit 6000 Euro pro Monat die Finanzierung übernimmt.
Dabei wird es selbst den hauptamtlichen Kollegen nicht langweilig. In Böblingen etwa hat Reinhard Hackl gut zu tun mit dem Aufbau einer Struktur, die in jeder Kreiskommune einen Inklusionsansprechpartner vorsieht. Und mit der Organisation einer Ausbildungsbörse, die auch für Menschen mit Behinderung interessant ist. Nicht zu vergessen, deren Beratung bei Problemen und natürlich der scheinbar ewige Kampf für mehr Barrierefreiheit.
Oder Claudia Oswald-Timmler in Göppingen, die sich genötigt sah, quasi nebenbei mit einer Petition gegen Pläne des Bundessozialministeriums mobil zu machen. Aus (der nunmehr unbegründeten) Sorge, Behinderte könnten Teile ihrer Unterstützung verlieren. Oder Simone Fischer in Stuttgart: Wäre sie nicht permanent in Beratungen mit den Ämtern im Rathaus, wären im neuen Doppelhaushalt wohl kaum mehr als acht Millionen Euro für Inklusionsmaßnahmen vorgesehen. Bemerkenswerterweise hat Fischers Vorgänger Walter Tattermusch seine Tätigkeit auch deshalb beendet, weil er merkte, dass sie ehrenamtlich nicht zu stemmen ist.
Nun, mitten in seiner dritten Amtszeit, hat dies auch Eckart Bohn festgestellt. „Die Aufgabenfülle ist meines Erachtens für einen derart großen Landkreis mit der Ehrenamtlichkeit nicht mehr vereinbar“, schreibt er in einem Brief an den seit knapp einem Jahr amtierenden Landrat Dietmar Allgaier (CDU). Und hielt sich Bohn vor eineinhalb Jahren noch für „munter und fidel“ genug, eine dritte Amtszeit anzustreben, schreibt er nun, inzwischen 77-jährig: „Wie alle werde ich auch nicht jünger.“
Die Kreisverwaltung wiederum, die ihren ehrenamtlichen Experten bislang als „Glücksfall“ zu schätzen wusste, freut sich, dass die Kreisräte der Schaffung einer hauptamtlichen Stelle zugestimmt haben. Bisher hatten dies immer nur die Grünen gefordert – die die neue Entwicklung „sehr begrüßen“.
Auch Antonio Florio freut sich. „Das ist ein starkes Signal für die Inklusion“, sagt der Vorsitzende des Vereins Selbstbestimmt Leben im Landkreis Ludwigsburg, der sich vor drei Jahren selbst für das Amt beworben hatte. Aus Ärger über das damals intransparente Verfahren.
Apropos: Über die Anzahl der Bewerbungen macht das Ludwigsburger Landratsamt keine Angaben. Nur so viel: eine „ausreichende Auswahl“ sei möglich. In diesem Monat noch sollen die Vorstellungsgespräche geführt, die Stelle „baldmöglichst“ angetreten werden. Bis das dann so weit ist, wird Eckart Bohn weiter arbeiten. „Eine Leerzeit“, schreibt er, „sollte im Interesse des Auftrags vermieden werden.“