Im Bürgerdialog zum geplanten Quartier auf dem alten Gelände von W&W in Ludwigsburg sind Bedenken geäußert worden. 200 bis 250 Wohnungen sollen entstehen. Der zu erwartende Verkehr bereitet den Anwohnern Sorgen.
Riesenchance oder neue Störquelle? Diese Frage stellen sich Bürger der Ludwigsburger Südstadt, die seit wenigen Wochen von den Plänen der Wüstenrot & Württembergische AG (W&W) wissen, auf dem alten Gelände ein neues Quartier mit einem relativ hohen Wohnanteil zu errichten. Damit könnten sich aber die Verkehrsprobleme in dem Stadtteil vergrößern, befürchten die Bürger.
Architektenwettbewerb mit 21 Büros soll Klarheit bringen
Die W&W arbeitet mit der Stadt Ludwigsburg Hand in Hand, um das neue Quartier zu gestalten – und hat dafür die Internationale Bauausstellung für 2027 in der Region Stuttgart (IBA 27) mit ins Boot geholt. So soll der Siegerentwurf aus dem Architektenwettbewerb mit 21 teilnehmenden Büros auf einem nachhaltigen und hohen Level rangieren. Die Ausgangslage ist klar: Am südlichen Ortseingang der Barockstadt soll bis zum Jahr 2028 ein kleines Zentrum entstehen, in dem der charakteristische Wüstenrot-Büroturm erhalten bleibt. Das Ziel sind rund 200 bis 250 Wohneinheiten zu bezahlbaren Preisen sowie eine Kita, mehrere Läden, Gastronomie und Gewerbe für eine nachhaltige Nahversorgung.
Ein solches Großprojekt löst in der näheren Umgebung natürlich keine Jubelstürme aus. Deshalb hatten Stadt und W&W am Dienstagabend zu einem Bürgerdialog auf dem Gelände eingeladen. Die Baubürgermeisterin Andrea Schwarz sprach von einem „Mehrwert für die Stadt“, der vom Unternehmen finanziert und für die Südstadt von Vorteil sein werde. „Breite Bevölkerungsschichten sollen sich dort Wohnen leisten können.“
Wegen des Turms laufen Gespräche mit dem Regierungspräsidium
Andrea Schwarz äußerte sich zuversichtlich, dass der markante Büroturm der W&W als Wohnraum genutzt werden könne. Gesichert ist das noch nicht: Immerhin liegt das Gebäude im Radius eines Störfallbetriebs – die Stadt habe deshalb bereits konstruktive Gespräche mit dem Regierungspräsidium Stuttgart geführt. Die „planungsrechtliche Innovation“ diene dazu, die Bausubstanz des Gebäudes zu erhalten und sie zu nutzen.
Hoher Wohnanteil von 77 Prozent macht Anwohner skeptisch
Schwerpunkt des Bürgerdialogs waren aber die Verkehrsprobleme. „Ich hätte mir gewünscht, dass man sich darüber zuerst Gedanken macht – die Südstadt ist schon sehr belastet“, monierte einer der etwa 80 Gäste, von denen längst nicht alle auf den aufgestellten Pappkisten Platz nehmen konnten. Bei einem Wohnanteil von 77 Prozent im südlichen Teil des Areals sei mit Parkdruck zu rechnen, und es habe schon früher ein massives Stellplatzproblem gegeben, argumentierte eine Ludwigsburgerin. Eine andere sagte: „Wenn wir es nicht schaffen, im neuen Quartier weniger Verkehr zu schaffen, ist das Projekt gescheitert.“
Beunruhigt sind die Anwohner in der Südstadt vor allem darüber, dass ein Quartier geplant wird, das sich am Ende nicht mit der Realität decken könnte. Dabei hatte Hans-Peter Künkele, Projektleiter der IBA 27, zuvor einige vergleichbare Projekte mit Nachhaltigkeitseffekten und Mobilitätskonzepten vorgestellt. Einige Bürger reagierten skeptisch: Eine Avantgardeplanung, die davon ausgeht, dass angesichts der Energiewende kaum noch Autofahrer auf dem Areal wohnen, weckt Zweifel: „Die Verkehrswende wird nicht in zehn bis 15 Jahren stattfinden“, sagte eine Anwohnerin, die befürchtet, dass wegen fehlender Stellplätze überall im Viertel Autos geparkt werden müssen.
Nicht so hoch hängt dagegen Marc Bosch, Geschäftsführer der Wüstenrot Haus- und Städtebau, die Parkplatzsorgen. „Es entstehen nur rund 200 Wohnungen“, sagte er, schätzte das Aufkommen auf etwa 200 Wagen und verglich das mit dem Verkehr, der vor der Coronapandemie von 1000 bis 1500 Mitarbeitern verursacht wurde, die früher in dem Haus arbeiteten. Inzwischen habe das Unternehmen genug Parkplätze am neuen Standort in der Nähe ausgewiesen. Dass mit null Stellplätzen und nur Elektrorädern im Quartier geplant werde, sei völlig unrealistisch. Die genaue Zahl der Parkplätze in der Tiefgarage muss noch ermittelt werden.
Das Quartier soll keinen Verkehr von außen anziehen
Auch Andrea Schwarz versuchte zu beruhigen. Dass das unzulässige Parken in der Nähe des Areals zunehme, will sie verhindern: „Genau darauf werden wir ein Auge haben.“ Das Quartier werde überdies so konzipiert, dass es möglichst keinen Verkehr von außen anziehe. Es seien bereits Verkehrsgutachten erstellt worden. Sie halten die neuen Verkehre für abwickelbar.
Die Stadt hat nach eigenen Angaben schon einiges verbessert. Die Kreuzung vor dem Wüstenrot-Gelände sei fahrradfreundlich umgebaut und eine Einbahnregelung auf der Elmar-Doch-Brücke eingeführt worden. Das Anwohnerparken in der gesamten Südstadt, ein Lkw-Blitzer in der Hohenzollernstraße und Carsharing-Stellplätze sowie eine Regioradstation mit Lastenrad in der Hohenzollernstraße wirkten entlastend.
Geplant sind der Ausbau des Radschnellwegs 21 von Bietigheim über Ludwigsburg nach Stuttgart, Tempo 30 in der Hohenzollernstraße sowie ein fahrradfreundlicher Ausbau der Richard Wagner Straße.