Der Baumexperte Martin Müller (links) demonstriert den Interessenten die Dimension der Schäden im Freibadareal.Foto: Nicklas Santelli Foto:  

Der Klimawandel mit Hitze und geringen Niederschlägen im Sommer ist auch in Fellbach immer deutlicher zu spüren: Bei einem Rundgang über das alte Freibadareal bezeichnet die Stadtverwaltung die Abholzung vieler Bäume als alternativlos.

Fellbach - Einen feuchteren Informationsrundgang dürfte es in Fellbach wohl kaum gegeben haben als diesen Marsch über das ehemalige Freibadgelände. Knapp drei Dutzend Interessenten aus der Nachbarschaft, aber auch von weiter weg versammelten sich am frühen Donnerstagabend vor dem Haupteingang an der Untertürkheimer Straße. Und während kurz zuvor noch die Sonne durch die Wolken geblinzelt hatte, prasselte es mit zunehmender Intensität vom Himmel auf die allmählich bis auf die Knochen durchweichten Leute herab.

Statt Schwimmbecken und Liegewiese gibt es künftig an die 300 Wohnungen für rund 700 Bürger

Dass sich die Bürger vom Dauerregen nicht abschrecken ließen, hatte seinen Grund in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des alten Freibadareals. Das wird im Zuge der von Oberbürgermeisterin Gabriele Zull forcierten Wohnbauoffensive Fellbach in ein Baugebiet umgewidmet. Statt Schwimmbecken und Liegewiese gibt es künftig an die 300 Wohnungen für rund 700 Bürger. Dass im Zuge dessen ein „Kahlschlag“ am Baumbestand stattfinden sollte, wie es vor rund drei Jahren hieß, sorgte seinerzeit allerdings für erhebliche Proteste nicht nur bei Naturschützern. Eine Rolle spielte dabei sicher auch, dass viele Fellbacher einst als Jugendliche den Sommer im Schatten der Bäume verbracht – und somit nostalgische Erinnerungen haben.

Im Lokalparlament ging das Projekt dennoch glatt durch. Ein Grund war, dass doch nicht so viele Bäume wie gedacht gefällt werden sollten und, wie die Baubürgermeisterin Beatrice Soltys erklärte, „ein dichtes, aber zugleich durchgrüntes Wohnquartier entstehen“ werde.

Heiße Sommer mit hohen Temperaturen und geringen Niederschlagsmengen hätten die Bäume in Mitleidenschaft gezogen

In den vergangenen Monaten zeigte sich allerdings, dass im gesamten Stadtgebiet und damit auch auf dem alten Freibadgelände mittlerweile viele Bäume stärker geschädigt sind als früher. Heiße Sommer mit hohen Temperaturen und geringen Niederschlagsmengen hätten die Bäume in Mitleidenschaft gezogen, Pilzkrankheiten und Totholz hätten deutlich zugenommen, so die Stadt. So auch auf dem Freibadareal, wo die Pflanzen gravierende Schäden aufwiesen und viele Bäume deshalb aus Sicherheitsgründen gefällt werden müssten.

Um Skeptikern und Gegnern der Abholzaktion die Chance zu geben, sich selbst ein Bild von den Schäden und der erschöpften Vitalität der Bäume zu machen und durch Argumente überzeugen zu lassen, gab es bei Aprilwetter den Rundgang in der aufkommenden Dämmerung. „Wir wollten nicht einfach Hand anlegen ohne Sie zu informieren“, erklärte Soltys. Zur Empfangsdelegation am Freibad-Eingang gehörten neben der Dezernentin auch Solveig Birg vom Grünflächenamt als Baumexpertin im Rathaus und der Baumsachverständige Martin Müller – der sich mit den Worten vorstelle: „Ich kann nichts außer Bäume.“

Somit bestehe Gefahr für Leib und Leben

215 Gehölze, Bäume, Großgewächse und Hecken gibt es derzeit nach Birgs Angaben auf dem 4,2 Hektar umfassenden Freibadareal (entspricht etwa sechs Fußballfeldern). Davon müssten nun 22 geschädigte Bäume gefällt werden. Dazu zählt auch ein „Opfer“ direkt hinter dem Gebäude links vom Eingangsbereich: Eine Blutbuche, vor 60 Jahren beim Bau des Freibads als damaliger „Modebaum“ angepflanzt – doch mittlerweile von Pilz befallen, der im Baum lebt und Holzsubstrat abbaut, das Holz zersetzt und den Wurzelhalt befällt, weshalb der Stamm nicht mehr standfest sei. „Das führt zum Tod“, und der Baum krache irgendwann womöglich in ein nahe stehendes Haus oder verletze gar einen Menschen. Somit bestehe Gefahr für Leib und Leben, hier sei die Stadt wegen der Verkehrssicherungspflicht „im Handlungszwang“ – weshalb der Baum gefällt werden müsse. Dies sei zwar „jammerschade“ wegen des ökologischen Verlusts, aber letztlich unaufschiebbar, so Martin Müller.

Leicht vorwurfsvolle Nachfragen aus dem Teilnehmerkreis, ober diese Bäume nicht durch bessere Pflege hätten gerettet werden können, erteilte der Ingenieur für Forst- und Baumökologie eine Absage. Der Befall laufe bereits mehrere Jahre, bevor man das erkenne, und angesichts der allgemeinen Trockenheit sei eine spezielle Wasserzufuhr durch Gießen bei einem Baum dieser Größe „nicht machbar“. So richte etwa auch ein Pilz wie der Birkenporling gewaltige Schäden an – wobei es unter dem Kappelberg besondere Probleme gebe: „Fellbach ist eine tolle Stadt, aber klimatologisch gar nicht einfach“, und „die Pilze sind ruckzuck da“. Somit sei Fellbach stärker betroffen als etwa das höher gelegene, kältere Welzheim, „wo ich herkomme“. Immerhin, von der beliebten Lindenallee im Freibadareal soll nur wenig abgeholzt werden. Am Montag beginnen laut Birg die Fällarbeiten auf dem Gelände, denn bis Ende Februar muss laut Vorschrift alles erledigt sein.

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