Emma, Magda, Lina und Jasmin Hiller (von links) mit Baby David kommen gut miteinander aus. Foto: Leonie Schüler

Die vier Hiller-Frauen Uroma Lina, Oma Magda, Mama Jasmin und die kleine Emma leben zusammen mit ihren Männern als Großfamilie zusammen. Sie erzählen, welche Rolle die Frauen auf dem Bauernhof einnehmen und warum ihr Miteinander funktioniert.

In der Frauenrunde am Esstisch der Familie Hiller ist auch ein kleiner Mann mit dabei: das Baby David, das genau eine Woche alt ist. Er schläft tief und kümmert sich wenig um seine Rolle als Hahn im Korb. Seine Schwester Emma schlüpft zur Oma auf den Schoß und kuschelt sich an sie. „Du kleine Hexe“, neckt Magda Hiller ihre Enkeltochter und gibt ihr einen dicken Kuss. Jetzt, da ihre Schwiegertochter Jasmin im Wochenbett ist, kommt die Anderthalbjährige noch ein bisschen öfter zu ihr runter als sonst. Oma Magda hilft, so wie früher ihre Schwiegermutter Lina ihr nach den Geburten ihrer drei Kinder geholfen hat. „Sie war da und hat die Kinder aufgefangen, sonst funktioniert das nicht. Der Mann in der Landwirtschaft, der kann ja nach der Geburt nicht daheim bleiben“, sagt die 55-Jährige.

 

Ihr Sohn Heinrich, Jasmins Mann, hat auf dem Spargelhof seit 2018 den Hut auf. Hermann und Magda Hiller, die Großelterngeneration, arbeiten noch voll mit – jede Hand wird gebraucht. Sie wohnen im Bauernhof in der unteren Wohnung, Heinrich und Jasmin mit Emma und David darüber. Hermanns Mutter Lina wohnt im Haus nebenan, bis vor ein paar Jahren noch zusammen mit ihrem Mann.

Was denken die Hiller-Frauen über ihre Rolle auf dem Hof? „Ich bin immer respektiert worden“, sagt Lina Hiller. „Ich hatte meinen Bereich.“ Ihre Schwiegertochter nickt. „Mein Schwiegervater hat ihre Meinung anerkannt und ihre Leistung gesehen. Das war Gleichberechtigung.“ Im Haushalt habe ihr Mann nichts gemacht, räumt die 84-Jährige ein, „aber das wollte ich auch nicht“. In der Folgegeneration ist das anders: „Mein Mann darf mithelfen, die Spülmaschine ausräumen“, sagt Magda Hiller und lacht. „Meiner auch“, ergänzt Jasmin Hiller.

Jede Meinung wird gehört

Die jüngste der drei Frauen sagt, sie fühle sich als Frau nicht benachteiligt, weder bei ihrer Ausbildung bei Daimler noch bei ihrer Anstellung in einem Autohaus noch als Familienmitglied auf dem Bauernhof. „Ich komme aus keiner Bauernfamilie, ich bin ein Stadtkind, und trotzdem werde ich hier nach meiner Meinung gefragt“, sagt die 28-Jährige. Sie habe das Gefühl, die Hillers schätzten ihren Blickwinkel von außen. Ihre Schwiegeroma nickt und sagt: „Dieses Gefühl musst du haben, dass deine Meinung wichtig ist.“ Und ihre Schwiegermutter fügt hinzu: „Jeder, der reinkommt, bringt was Neues dazu.“

Haben Frauen auf Bauernhöfen immer schon mehr Gleichberechtigung gelebt als anderswo? Magda Hiller verneint. Ihre Mutter, auch eine Bauersfrau, hätte nicht viel mitreden dürfen. Das hänge immer von der Weitsicht und Bildung des Bauers ab – und auch von den Frauen selbst. „Wir“, sagt sie und zeigt auf die Hiller-Frauen, „haben uns unseren Stellenwert im Betrieb erarbeitet.“ Sie würden mitdenken, mitdiskutieren – und mitschaffen. „Die körperliche Arbeit, die hat uns Respekt bei den Männern verschafft.“ Andersherum genauso: Auch die Frauen sähen, was ihre Männer Tag für Tag leisteten.

Die kleine Emma hat genug vom Rumsitzen und quengelt. „Komm, ich mach’ dir einen Kaba“, sagt die Oma und verschwindet mit ihr einen Moment in der Küche. Magda Hiller genießt diese Oma-Momente. Sie erzählt, wie schön es ist, wenn die Kleine oben an der Treppe steht und „Oma!“ ruft. Oft kommt sie schon morgens um 8 Uhr runter, manchmal ist sie auch schon früh im Hühnerstall dabei. Auch in die Nudelhalle, wo die Bauernfamilie selbst Nudeln herstellt, begleitet Emma ihre Großeltern gerne. „Mein Sohn hat gesagt: Mutter, wenn es zu viel wird, dann sagst du’s“, erzählt Magda Hiller. Ihr ist wichtig, die Büroarbeit in Ruhe erledigen zu können, das hat sie allen mitgeteilt. Denn für sie ist das Grundgerüst dafür, dass das enge Miteinanderleben funktioniert, dass man miteinander spricht. Jasmin Hiller, die keinen Kontakt zu ihrer eigenen Familie hat, schätzt genau das an den Hillers: „Dass man so viel miteinander redet.“

Das Mittagessen wird abwechselnd gekocht

Zentraler Treffpunkt der Familie ist um 12 Uhr das Mittagessen. Früher kochten Lina und Magda Hiller jeden Tag im Wechsel – für die Familie, und zur Spargel- und Erdbeerzeit auch für die polnischen Erntehelfer, bis diese eine eigene Küche bekamen. Frisch verheiratet haben sich Jasmin und Heinrich Hiller vom gemeinsamen Essen abgemeldet – genau acht Tage lang, erzählen sie und lachen. Seither kochen Magda und Jasmin Hiller abwechselnd. „Wir sind beide keine großen Köchinnen. Wenn’s mal nicht so gelingt, wird nicht gebruddelt“, sagt Madga Hiller. Die Uroma klinkte sich vor einer Weile vom gemeinsamen Mittagessen aus. „Ich werde gut mit mir selber fertig“, sagt die 84-Jährige.

Ihr war schon vor vielen Jahren wichtig, zusammen mit ihrem Mann ins Nachbarhaus zu ziehen, um ein bisschen räumliche Distanz zu schaffen. „Jeder braucht seine Privatsphäre“, findet Lina Hiller. Was die Erziehung der Urenkel betrifft, hält sie sich heraus. „Ich habe mein Soll erfüllt“, sagt die Uroma. Bei ihren Enkeln sei das noch anders gewesen, erinnert sich ihre Schwiegertochter, da habe Lina viel zur Erziehung beigetragen, „und ich habe auch viel gefragt“. Sie selbst versuche, ihre Schwiegertochter machen zu lassen. „Die Jassi, die lass’ ich auf mich zukommen.“ Was Jasmin Hiller gerne macht, denn sie schätzt die Ratschläge ihrer Schwiegermutter. Vor allem beim ersten Kind hätte sie viele Fragen gehabt. Ihr Empfinden ist: „Wir erziehen gemeinsam.“

Das enge Zusammenleben bringt mit sich, dass es auch Tage gibt, an denen es mal knirscht. Aber das renke sich immer schnell wieder ein, sagt Magda Hiller. „Dann schwätzt man halt mal weniger und lässt jedem seine Pausen. Davonlaufen ist keine Option.“ Dass jeder Tag mit einem „Guten Morgen!“ beginnt, ist ihr wichtig. Alle drei Frauen sind sich einig, dass die Harmonie auf dem Hof davon abhängt, dass sie sich gut miteinander verstehen – obwohl oder gerade weil sie alle im Schwiegerverhältnis zueinander stehen. „Wir als Frauen versuchen zu harmonisieren. Wir tun den Männern nicht gut, wenn wir nicht miteinander auskommen“, sagt Magda Hiller.

Der Bauernhof Hiller hat eine lange Tradition

Bauernhof
 Landwirtschaft hat bei den Hillers Tradition: Sie sollen schon im 14. Jahrhundert Anbau betrieben haben. 1967 wurde der Bondorfer Betrieb in die Haitinger Höfe ausgesiedelt. 2018 erfolgte der jüngste Generationenwechsel, seither führt Heinrich Hiller den Hof. Seit seine Tochter Emma auf der Welt ist, leben vier Generationen auf dem Bauernhof. Neben Spargel bauen die Hillers Erdbeeren an, verkaufen Eier und Nudeln.

Spargel
 Für die Familie war es im Jahr 2000 ein Wagnis, den Anbau des Königsgemüses zu wagen. Bis dahin hatte der Hof überwiegend mit Milchvieh sein Geld verdient. Der Versuch gelang, die Spargel-Anbaufläche wurde sukzessive auf 24 Hektar erweitert. Pro Saison ernten sie etwa 50 Tonnen.

Ernte
 Die Hillers gehen davon aus, dass sie den ersten Spargel zu Ostern verkaufen können. Sie hoffen auf Sonne, damit sich die Folien erwärmen und den Spargel zum Sprießen bringen.