Im Anschluss an die Siedlung könnte auf 13 Hektar gebaut werden. Das Land ist in einer Hand. Foto: Werner Kuhnle

Bei Vaihingen/Enz könnte auf einem Acker Wohnraum für 1200 Menschen entstehen. Der Strom soll per Wind- und Sonnenkraft generiert werden. Alles klingt wunderbar. Doch das Projekt ist zum Politikum geworden.

An allen Ecken und Enden fehlt Wohnraum. Insofern sollte man annehmen, dass Derk J. Groeneveld mit seiner Vision überall offene Türen einrennt. Der Landwirt würde im Vaihinger Stadtteil Kleinglattbach rund 13 Hektar seines Ackerlands zur Verfügung stellen, damit dort ein Neubaugebiet für rund 1200 Frauen, Kinder und Männer realisiert werden könnte. Ihm schwebt ein klimaneutrales Areal vor, der Strombedarf könnte über eine riesige PV-Anlage sowie ein Windrad gedeckt werden. Die Flächen dafür gehören Groeneveld ebenfalls, eine Planung aus einem Guss wäre also möglich. Doch so schlüssig das alles klingt: Die Stadt will andere Prioritäten setzen – könnte aber womöglich auf dem Rechtsweg zu ihrem Glück gezwungen werden.

 

Eine lange Vorgeschichte

Dazu muss man wissen, dass der Fall aktuell beim Verwaltungsgericht in Stuttgart liegt. Die Vorgeschichte dazu ist etwas länger. Schon 2005 war diskutiert worden, auf rund 20 Hektar zwischen dem Vaihinger Bahnhof, der Straße von Vaihingen nach Kleinglattbach und im Anschluss an die bestehende Siedlung das Baugebiet Kleinglattbach-Süd II zu entwickeln. Mittendrin Groenevelds Ackerland, das er schon damals eingebracht hätte. Doch es gab Zank um den Flächennutzungsplan und die Frage, wie viel Reserve an Neubaugebieten der Stadt zugestanden werden sollte. Das Projekt geriet ins Stocken. Das Thema wurde einige Jahre später erneut von der Stadt aufgegriffen, nahm jedoch nie den nötigen Schwung auf. „Da habe ich gedacht, das kann ja wohl nicht wahr sein“, erinnert sich Groeneveld zurück, der schließlich selbst die Initiative ergriff.

Mit dem Physiker Thomas Dippel, einem Freund der Familie, reichte er zur Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 in Stuttgart ein Konzept für ein innovatives Wohnquartier auf einer Teilfläche von 13 Hektar ein. „Wir sind sofort genommen worden. Das Kuratorium sagte: genau so etwas suchen wir“, berichtet Groeneveld. In einem Bürgerdialog der Stadt, bei dem vier weitere mögliche IBA-Projekte diskutiert wurden, habe das Gebiet bei den Teilnehmern einer Umfrage die beste Bewertung erhalten. Letztlich wollte die Kommune aber aus unterschiedlichen Gründen gar keinen Vorschlag für die Ausstellung einreichen.

Kommune will keine Trabantenstadt schaffen

Der Gemeinderat habe bei der Abwägung „möglicher IBA-Standortoptionen zwar die Entwicklung von Kleinglattbach-Süd II als potenziellen Entwicklungsraum mit einer regionalen Standortgunst anerkannt“, erklärt Matthias Löw von der Stabstelle Öffentlichkeitsarbeit im Rathaus. Jedoch seien die Gefahren für die Innenstadt, die man stärken und sichern wolle, höher bewertet worden. Es solle keine Trabantenstadt geschaffen werden, Innenentwicklung Vorrang vor Außenentwicklung haben.

Groeneveld ließ nicht locker, initiierte ein Bürgerbegehren. Mit Erfolg. Genügend Vaihinger sprachen sich dafür aus, in Form eines Bürgerentscheids herauszufinden, ob das Gebiet zur IBA realisiert werden sollte. Der Gemeinderat wies das Begehren wegen Formfehlern als unzulässig zurück, wogegen Groeneveld beim Regierungspräsidium Stuttgart Widerspruch einlegte. Die Behörde bekräftigte jedoch die Rechtsauffassung der Kommune. Nun lässt der Landwirt die Sache beim Verwaltungsgericht klären. Sollten die Richter in Stuttgart in seinem Sinn entscheiden, müsse der Bürgerentscheid umgehend abgehalten werden, sagt er.

Groeneveld ist bewusst, dass selbst bei einem für ihn positiven Urteil bis 2027 keine Häuser stehen würden. Aber selbst wenn man zur IBA nur einen Vorgeschmack auf das Baugebiet liefern könnte, wäre das schon ein Prestigegewinn für die Stadt, ist er überzeugt. „Und wir würden das Gebiet auch ohne die IBA gern umsetzen“, betont er. Wichtig sei ihm dabei, im Einvernehmen mit der Stadt und dem Gemeinderat eine Lösung zu finden. Im Raum Stuttgart werde doch dringend Wohnraum benötigt, und hier, an der Peripherie, könne er vergleichsweise günstig geschaffen werden. Das Gebiet solle recht dicht und auch in Modulbauweise bebaut werden. Dadurch könnten bezahlbare Wohnungen realisiert werden. Den Bahnhof mit ICE-Anschluss könne man zu Fuß erreichen. Auf einer angrenzenden alten Bahntrasse sei ferner ein Radweg im Werden, der von Kleinglattbach bis Enzweihingen führe. „Der Standort ist nur logisch“, findet Groeneveld.

Wer profitiert von dem Projekt?

Der Kleinglattbacher weiß, dass im Ort getuschelt wird und ihm hier und da unterstellt wird, mit dem Verkauf seiner Grundstücke zig Millionen einzustreichen, während die Stadt auf den mit einem Einwohnerwachstum verbundenen Folgekosten wie einer Schulerweiterung sitzen bliebe. „Ich profitiere davon, natürlich. Aber wir wollen auch etwas dafür tun“, sagt Groeneveld. So würde er der Stadt sogar einen Kindergarten in dem Gebiet spendieren und etwas zum Kampf gegen die Wohnungsnot beitragen.

Ob diese Argumente zu einem Umdenken bei der Stadt führen, scheint eher fraglich. „In langfristigen Szenarien“ und nach Ausschöpfen der innerstädtischen Potenziale sei „eine partielle Arrondierung auf den Flächen von Kleinglattbach-Süd II“ zumindest nicht ausgeschlossen, erklärt Matthias Löw. „In den bisherigen Diskussionen des Gemeinderates wurde ein möglicher Entwicklungszeitpunkt nicht konkret bestimmt, sondern allenfalls als ,mittelfristig’ bezeichnet“, fügt er hinzu.

Per Windrad und PV-Anlage zum Strom

Kollektoren
Derk Groeneveld schwebt ein klimaneutrales Wohngebiet mit einem Schwerpunkt auf Holzbauweise vor. Wärme könnte unter anderem ein kaltes Nahwärmenetz über Erdkollektoren liefern. Den Strom soll eine rund 30 Hektar große Freiflächen-PV-Anlage an der Bahntrasse nach Bietigheim-Bissingen liefern. Damit könne rechnerisch ein Viertel des Stroms erzeugt werden, der in ganz Vaihingen verbraucht wird. Die Anlage soll, wenn die Fläche fest im Regionalplan verankert ist, auch unabhängig von dem Neubaugebiet installiert werden.

Standort
Zusätzlich könnte ein Windrad Strom erzeugen. Der mögliche Standort im Entwurf zum Regionalplan befindet sich ebenfalls auf einem Areal in der Nähe der Bahnstrecke nach Bietigheim-Bissingen, das der Familie Groeneveld gehört. Investoren haben schon ihre Fühler ausgestreckt.