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Er war schon smarter Superheld, kunterbunte Witzfigur und dekadenter Nihilist: Inzwischen ist Batman 70 Jahre alt und tot.

Stuttgart - Im Kino wirkt Batman so vital wie nie zuvor. In seiner eigentlichen Heimat, dem Comic, wurde er dagegen für tot erklärt: Ein Ausflug in die morbide Welt des dunklen Ritters, der vor 70 Jahren zum ersten Mal im Großstadtmoloch Gotham auf Verbrecherjagd ging.

Superman kämpft gegen den Überschurken Lex Luthor. Spider-Man muss sich mit Doctor Octopus und dem grünen Kobold abplagen. Batman machen Joker, Pinguin, Riddler und Two-Face das Leben schwer. Doch solche Gegner hat der Mann im Fledermauskostüm eigentlich gar nicht nötig. Sein größter Feind ist er selbst.

Batman, der seit 70 Jahren als Comicdetektiv durch die Straßen Gothams streift, ist zum Prototyp des postmodernen Helden geworden, der mehr an sich selbst als an den finsteren Weltzerstörungsplänen illustrer Superschurken zu leiden hat. In der Bilderwelt Batmans haben die strahlenden Helden ausgedient. Batmans Erfinder Bob Kane hat seiner Schöpfung zahlreiche Probleme in den Lebenslauf gezeichnet: Bruce Wayne, der Mann, der hinter der Maske steckt, leidet unter einem schweren Trauma, seitdem er als Kind mitansehen musste, wie seine Eltern ermordet wurden. Er hat eine Fledermausphobie, ist beziehungsgestört, manisch-depressiv, und obwohl er sich verpflichtet fühlt, anderen Menschen zu helfen, mag er keine Menschen und hätte dringend professionelle Hilfe nötig. Seine Superhelden-Auftritte kompensieren nur eigene psychische Probleme. Doch von denen ist er in diesem Jahr erlöst worden: Denn Batman hat das Comicevent "Final Crisis" nicht überlebt.

Die meisten Fans haben ziemlich gelassen reagiert. Schließlich ist es nicht das erste Mal, das ein Superheld stirbt. Captain America musste schon ebenso dran glauben wie Superman, der 1992 vom Superschurken Doomsday ins Jenseits befördert wurde. Und pünktlich zu seinem 70. Geburtstag wurde nun auch Batman, der seit der Trilogie "Knightfall - Der Sturz des Dunklen Ritters" von 1993 eigentlich querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzen müsste, umgebracht. Ein Gott namens Darkseid vollstreckt in "Final Crisis" das Todesurteil, das der Comicautor Grant Morrison gesprochen hat.

Doch so unberechenbar die Dinge sind, die das Comicuniversum immer wieder für seine Leser bereithält, dass er wiederauferstehen wird, darf als sicher gelten. Als Comicfigur haftete Batman von Anfang an etwas Düsteres an - seit im Mai 1939 das erste dünne Heftchen erschien. Für zehn Cent wurden die Exemplare damals verkauft, heute sind sie mindestens 20 000 Dollar wert. Während Superman niemals Zweifel plagten, wenn er am Himmel über Metropolis seine makellosen Kreise zog, war Batman schon in seinen ersten Sprechblasen-Abenteuern ein Held voller Fehler: Ihm mangelte es stets am Glauben an die eigene Unfehlbarkeit, mit der andere Superhelden ans Werk gehen. Was auch daran liegt, dass er sich von seiner Kollegenriege durch ein nicht unerhebliches Detail unterscheidet: Batman ist ein Superheld ohne Superkräfte.

Und mit seinem Fledermauskostüm tarnt er seine wirkliche Identität nicht nur vor Kriminellen, sondern auch vor der Polizei. Dass es Batman hin und wieder selbst schwerfällt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, hat auch damit zu tun, dass er als Comicfigur einen Helden-Schurken-Hybrid darstellt. So setzte Bob Kane Batmans Kostüm aus dem Supermans und dem des Schurken aus dem Film "The Bat" aus dem Jahr 1926 zusammen. Doch die Ambivalenz dieser Figur verwischten schon die Macher der Fernsehserie "Batman", die erstmals zwischen 1966 und 1968 ausgestrahlt wurde. Sie verwandelten Batman (Adams West) und seinen Adlatus Robin (Burt Ward) in zwei Witzfiguren und prägten damit nachhaltig die "Batman"-Rezeption. Statt über die düstere Seite der Comicfigur wurde nun von Psychologen immer häufiger über die latente Homosexualität des "dynamischen Duos" diskutiert.

Es dauerte bis in die 1980er Jahre, bis der maskierte Detektiv von dem Dasein als Actionclown erlöst wurde. Der Comickünstler Frank Miller erinnerte sich 1986 an die Ich-Krise, die Bruce Wayne eigentlich ausmacht, und zeichnete Batman als einen gealterten, frustrierten und gebrochenen Mann, der des ganzen Heldenlebens überdrüssig ist. Der Comic "Batman: The Dark Night Returns" rehabilitierte Batman als ernstzunehmenden fiktionalen Charakter und machte Frank Miller zum Kultstar.

Auch der Regisseur Tim Burton wusste um das psychologische Potenzial der Figur: "Batman ist äußerst extrem, und ich liebe extreme Gestalten", sagte er, als im Jahr 1989 seine Verfilmung des Comics in die Kinos kam, die wie die Fortsetzung "Batmans Rückkehr" (1992) den verstörten Helden in den Mittelpunkt des Interesses rückte.

Doch das änderte sich, als Joel Schumacher den Stoff übernahm. Hatte Burton Bruce Wayne mit Michael Keaton bewusst als Antiheld besetzt, wurde dieser in "Batman Forever" (1995) durch den hübsch-harmlosen Val Kilmer und in "Batman & Robin" (1997) durch Frauenschwarm George Clooney ersetzt. Statt auf abgründige Charaktere setzte der Film aufs effektvolle Spektakel - das Gleiche galt für das Spin-off "Catwoman", das 2004 in die Kinos kam.

Erst dem ehemalige Low-Budget-Filmemacher Christopher Nolan ("Memento") gelang es wieder, die dunkle Seite dieses zur Selbstjustiz neigenden Soziopathen in den filmischen Fokus zu rücken. Nach dem vielversprechenden "Batman Begins" (2005) folgte das Meisterwerk "The Dark Knight" (2008), bei dem das Abgründige in der Figur Bruce Wayne/Batman (Christian Bale) nur von der des Joker (Heath Ledger) übertroffen wurde.

Doch so virtuos und unorthodox Nolan erzählt: Seine filmischen Batman-Adaptionen sind weit weniger gewagt, als die künstlerischen Verwandlungen, die Batman in den Comicheften erlebt hat. Man muss nur die dynamisierten Interpretationen des Zeichners Neal Adams aus den 1960er Jahren mit den grell-bizarren Bildern vergleichen, die entstehen, wenn Lynn Varley Frank Millers Batman-Erzählungen einfärbt, um zu wissen, dass die Geschichte des Fledermausmanns noch lange nicht zu Ende erzählt ist.

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