Barrierefreie Wohnungen sind ein rares Gut in Stuttgart. Eine Stuttgarter Familie will ihr 170-Quadratmeter-Glück jetzt teilen – und handelt dennoch nicht ganz uneigennützig.
Irgendwann kristallisierte sich heraus, dass die 56 Stufen bis zum Haus zu einem Problem würden: „Als Vera drei Jahre alt wurde, war klar, dass sie nicht laufen wird“, erinnert sich Gudrun Zühlke. Ihre Tochter ist mehrfach behindert, sie ist nicht nur körperlich, sondern auch geistig beeinträchtigt. Die alte Wohnung mit den vielen Stufen war auf Dauer nicht machbar.
Doch die Suche vor inzwischen 16 Jahren lief ernüchternd. Für die Familie war wichtig, im Stuttgarter Westen zu bleiben – allein schon wegen Veras Kindergartenplatz. Im Bestand habe es überhaupt keine Wohnung für die vierköpfige Familie gegeben, erinnert sich Gudrun Zühlke. Dann erfuhr sie von einem Bauprojekt: Ein Haus aus den 1940er Jahren wurde generalsaniert. Mehrere Wohnungen und Büros wurden angeboten. Gemeinsam mit dem Makler entwickelte sie die Idee, zwei Büros im Erdgeschoss passend umzubauen. 2008 zog die Familie in ihren 170 Quadratmeter großen Wohntraum mit Terrasse und Teich in einem Hinterhof an der Silberburgstraße. „Wir hatten unsagbares Glück“, sagt sie heute und spricht von einer „luxuriösen Situation“, denn sie weiß: „Es gibt einen ganz erheblichen Bedarf an Familienwohnungen, die mit dem Rollstuhl befahrbar sind.“
Kein barrierefreies Angebot für Familien
Tatsächlich hat sich das Angebot inzwischen kaum verbessert. In der Wohnungsmarktbefragung 2020 hat das Statistische Amt der Stadt Stuttgart das ermittelt. Obwohl die Stadt den Bau barrierefreier Wohnungen fördert, verfügen lediglich zwei Prozent der Wohnungen über grundlegende Merkmale. Dazu gehört ein Zugang ohne Treppenstufen, breite Türen, bodengleiche Duschen und ein ausreichender Wendekreis in Küche und Bad. Zehn Prozent der Wohnungen sind wenigstens ohne Treppenstufen zu erreichen und haben bodengleiche Duschen, wären also für ältere Bewohner schon eine Hilfe. Dabei, so stellt das städtische Amt selbst fest, wurde als Quote festgelegt, dass jede fünfte Wohnung barrierefrei beziehungsweise jede zehnte Wohnung rollstuhlgerecht gebaut werden soll.
Vor allem größere barrierefreie Wohnungen sind ein rares Gut, weiß Alexander Klitzke. Die sechsköpfige Familie sucht seit Jahren eine adäquate Bleibe. Seine Tochter ist schwer behindert und auf Sauerstoff sowie Ernährungspumpe angewiesen. Der Suchradius ist begrenzt, denn die Tochter geht auf die Margarete-Steiff-Schule in Stuttgart-Vaihingen. Eine längere Anfahrt ist ihr aus medizinischer Sicht nicht zuzumuten. „Wir brauchen keine Wohnung in Zuffenhausen“, sagt Alexander Klitzke und seufzt. „Das Problem ist sehr präsent.“ Nur eines ist klar: Undenkbar wäre es, die Tochter in eine Betreuungseinrichtung zu geben.
Für Gudrun Zühlke hingegen ist der Zeitpunkt gekommen: Mit 18 Jahren kann ihre Tochter Vera nun alleine wohnen, sagt sie. Ausziehen muss sie deshalb nicht. Die Eltern wollen ihr die für sie entworfene Wohnung überlassen. Auf den 170 Quadratmetern sollen drei Mitbewohner einziehen – ein Mädchen hat sich bereits gefunden. Auch ein potenzieller Träger, der die Wohnung für die WG mietet, ist in Sicht: die Diakonie Stetten, die auch andere Wohnprojekte für Menschen mit Behinderung in Stuttgart betreut. Gespräche mit der Stadt über eine mögliche Förderung laufen. Sobald die steht, können weitere Mitbewohnerinnen und Mitbewohner gesucht werden.
„Ein Knackpunkt ist die Finanzierung der Nachtwache“, sagt Gisbert Stöppler, der solche Wohnprojekte bei der Diakonie Stetten koordiniert. Dennoch: Für ihn ist die Wohnung der Zühlkes der absolute Glücksfall. Denn auf dem aufgespannten Stuttgarter Wohnungsmarkt hat er kaum eine Chance, geeignete Wohnungen zu finden. Die Diakonie Stetten arbeite deshalb eng mit der Baugenossenschaft Neues Heim zusammen. „Ohne die Baugenossenschaft, die SWSG und ohne Unterstützung der Sozialplanung Stuttgart, bei neuen Bauprojekten in der Stadt Wohnungen anmieten zu können, wären wir total aufgeschmissen“, sagt Stöppler.
Vorgaben beschränken die Möglichkeiten
Sein Ansprechpartner beim „Neuen Heim“ ist Martin Gebler, der die Quartierentwicklung bei der Baugenossenschaft verantwortet. „Es gibt definitiv zu wenig Angebote“, sagt er. Aber die Frage sei auch, ob das Angebot immer an der Stelle entstehe, wo es benötigt werde. Und: An vielen Ecken kneift die Bürokratie. „Gerade bei inklusiven WGs oder Clusterwohnungen stößt die Förderkulisse an ihre Grenzen“, sagt Gebler. Formen des gemeinschaftlichen Wohnens seien unterbelichtet. Und auch nicht alle Vorgaben des Baurechts seien sinnvoll. Eine separate Toilette ab einer bestimmten Wohnungsgröße gehe unter Umständen auf Kosten eines geräumigen Bads. Gebler spricht sich gegen überzogene Standards bei der Barrierefreiheit aus. So könnten Standardwohnungen leichter barrierefrei gebaut und für verschiedene Gruppen nutzbar gemacht werden.
Auch die Wohnung an der Silberburgstraße ist nach DIN-Norm nicht barrierefrei, räumt Zühlke ein. Der hintere Teil lässt sich nur schwer mit dem Rollstuhl erreichen. Die Haustür ist schwer, es gibt noch keinen Türöffner. Die Küche ist zwar geräumig, aber die Arbeitsflächen zu hoch, um sie vom Rollstuhl aus zu bedienen. Dennoch hofft sie, dass die Wohngemeinschaft an der Silberburgstraße im nächsten Jahr gelingt: „Für Vera ist es das Allerbeste, was ihr passieren kann.“
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