Wolfgang Niedecken bei einem Konzert im Juni dieses Jahres in Hamburg. Foto: dpa/Markus Scholz

Drei Stunden lang begeistern Wolfgang Niedecken und BAP in der Stuttgarter Liederhalle mit bewährten Qualitäten ihr Publikum – und setzen jazzige Akzente.

Verdamp lang her, dass er zuletzt mal hier war? Ach was: Noch in bester Erinnerung sind jene kurzweiligen Bob-Dylan-Soirees, die Wolfgang Niedecken im vergangenen Herbst und im Frühjahr 2022 in Tübingen und Stuttgart absolvierte. Nun, kaum neun bis zwölf Monate später, steht er schon wieder auf einer schwäbischen Bühne, diesmal mit voller Kapelle und – nicht selbstverständlich in diesen Zeiten – vor ausverkauftem Haus: Zweitausendzweihundert Fans sind es, die den Ehrenvorsitzenden der Kölschrockszene und sein achtköpfiges BAP-Ensemble am Dienstagabend in der Liederhalle erleben wollen.

 

Sie hören nicht den großen Dylanologen und Lyriker, sondern den Liedermacher und Bandleader Niedecken – der allerdings weit mehr zu bieten hat als nur rheinisch gefärbten Rock. Hauptverantwortlich dafür: das seit 2016 amtierende Bläsertrio Axel Müller (Saxofon), Christoph Moschberger (Trompete) und Franz Johannes Goltz (Posaune), das dem BAP-Sound auch im Beethovensaal ungewohnte Klangwelten eröffnet und ausgiebig jazzige Akzente setzt. Und dann wäre da noch die so wunderbar musikalische wie sympathische Allrounderin Anne de Wolff, die von Cello bis Bratsche und Flöte so ziemlich alles spielt, was Saiten oder ein Mundstück hat.

Der BAP-Patriarch lässt seinen Mitstreitern so viele Freiheiten wie nie

Mittendrin: Wolfgang Niedecken als altersweiser Philosoph, Mahner, Geschichtenerzähler sowie Chronist Kölscher Stadtgeschichte und Alltagskultur mit großzügig geweitetem Blickwinkel – den 1996er Klassiker „Nix wie bessher“ widmet er in der Liederhalle kurzerhand dem aktuellen Kölner Bundesliga-Trainer Steffen Baumgart, welcher der Geißbock-Elf derzeit lange nicht mehr gesehene fußballerische Qualitäten entlockt. Vor allem aber glänzt Niedecken als altersmilder Patriarch der BAP-Familie, der seinen Mitstreitern so viele Freiheiten wie selten zuvor gewährt und immer noch und immer wieder mit seinen Songs arbeitet, sie variiert, neu ausleuchtet.

Beschwingter Ausflug in Reggae-Gefilde

Dramaturgisch dicht und musikalisch ausgereift trifft beides zusammen, wenn Saitenmann Ulrich Rode den „Jupp“ mit ausgiebigem Fingerpicking auf der Akustikgitarre einleitet und Schlagzeuger Sönke Reich mit markanten Trommelschlägen zu beklemmend zuckenden Stroboskoplichtern jenen Bombenhagel lebendig werden lässt, der den armen Kerl im Kessel von Stalingrad schier um den Verstand brachte. Beschwingt, wenn auch etwas leichtgewichtiger gerät hingegen der Ausflug in Reggae-Gefilde mit dem „Müsli Man“, „Huh die Jläser, huh die Tasse“ sowie „Aff un zo“, und Akustisches wie „ Jraaduss“, „Paar Daach fröher“ oder „Mittlerweile Josephine“ gefällt mit Tiefe und einem beinahe intimem Tonfall. Und die Rock- und Blues-’n’-Boogie-Band BAP zeigt in „Wahnsinn“, „Kristallnaach“ und natürlich in „Verdamp lang her“ Dynamik, Wucht und politische Haltung. Mit Standing Ovations feiert das Stuttgarter Publikum das facettenreiche Programm, erklatscht sich zwei Zugabenblöcke – und wird nach drei Stunden mit der Ballade „Wenn ahm Ende des Tages“ auf nachdenklich-lebenskluge Weise in die Nacht entlassen.