Banger Blick in die Zukunft Kickers-Bosse verhindern dickes Defizit

Von Jürgen Frey und Joachim Klumpp 

Der neue Sportdirektor der Stuttgarter Kickers Martin Braun (Zweiter von rechts) und das Präsidium des Fußball-Regionalligisten mit  Niko Kleinmann, Ingo Kochsmeier, Präsident Rainer Lorz (von links) und Holger Schäfer (rechts) Foto: Baumann
Der neue Sportdirektor der Stuttgarter Kickers Martin Braun (Zweiter von rechts) und das Präsidium des Fußball-Regionalligisten mit Niko Kleinmann, Ingo Kochsmeier, Präsident Rainer Lorz (von links) und Holger Schäfer (rechts) Foto: Baumann

Auf der Mitgliederversammlung der Stuttgarter Kickers konnte Präsident Rainer Lorz zwar einen kleinen Gewinn verkünden, aber nur dank des Forderungsverzichts einiger Gläubiger. Das lässt für die Zukunft nichts Gutes ahnen.

Stuttgart - Als Rainer Lorz bei der Mitgliederversammlung im vergangenen Jahr vor das Mikrofon trat, sprach er bei der Präsentation der wirtschaftlichen Bilanz von einem „Hammerschlag“. Auf 521 000 Euro bezifferte sich der Verlust in der Saison 2015/16. Und dieses Mal? Da konnte der Chef der Blauen am Montagabend im SSB-Waldaupark vor 248 anwesenden der 2315 Mitglieder zwar ein formal leicht positives Jahresergebnis in Höhe von 13 000 Euro vermelden, doch die Zahl täuscht gewaltig: Dass im Geschäftsjahr 2016/17 nicht ein dramatisches Jahresdefizit ausgewiesen werden musste, lag einzig und allein am Forderungsverzicht aus Darlehen von „Gremienmitgliedern und gremiennahen Personen“, wie sich der Präsident ausdrückte. Dieser belief sich auf satte 1,53 Millionen Euro.

Die stolze Summe erhöhte die außerordentlichen Erträge auf gut 2,7 Millionen Euro. Und nur dadurch konnte das operativ deutlich negative Ergebnis aufgefangen und die schwarze Null verkündet werden, was letztendlich auch zu einer Entlastung von Präsidium (bei 16 Gegenstimmen) und Aufsichtsrat (elf Gegenstimmen) führte. „Wenn man den Verein fortentwickeln will und man immer eine solche Last mit sich herumzuschleppen hat, dann ist das schwierig. Deshalb haben wir Tabula rasa gemacht, um die Überlebensfähigkeit des Vereins zu fördern“, sagte Lorz. Logische Folge des Verzichts: Die Darlehen müssen nicht mehr verzinst werden. Die bilanzielle Überschuldung (negatives Eigenkapital) blieb damit nahezu unverändert bei rund 2,65 Millionen Euro. Darin enthalten sind zum Beispiel Verbindlichkeiten gegenüber Banken in Höhe von 1,2 Millionen Euro.

TV-Gelder brechen weg

Ziel sei es, künftig einen ausgeglichenen Etat hinzubekommen. Dass dies bei entsprechenden Ambitionen in der Fußball-Regionalliga einer Herkulesaufgabe gleichkommt, zeigt der Blick auf das abgelaufene Geschäftsjahr. „Die Einschnitte nach dem Abstieg waren gravierend, die Erlöse haben sich halbiert“, erklärte Lorz – und schob die Gründe hinterher: „Wir waren nicht im DFB-Pokal dabei, die Gegentribüne im Gazi-Stadionwar gesperrt und am meisten machte uns der weiter ausbleibende sportliche Erfolg zu schaffen.“ In Zahlen wirkte sich dies wie folgt aus: Die Einnahmen aus dem Spielbetrieb verringerten sich von rund 1,14 Millionen Euro auf 573 000 Euro. Die Erlöse aus Werbung (Sponsoring) reduzierten sich um 542 000 Euro auf 2,1 Millionen Euro. Die bisherigen 921  000 Euro an Fernsehgeldern fielen praktisch komplett weg. Das alles konnten die Einsparungen bei den Personalkosten für die erste Mannschaft von 3,3 Millionen Euro auf 1,78 Millionen Euro nicht ausgleichen.

An anderer Stelle wird künftig am Personal im übertragenen Sinne auch gespart. Die Kickers haben in beiderseitigem Einvernehmen den langfristigen Vertrag mit der Vermarktungsagentur U!Sports GmbH (früher Ufa) aufgelöst. „Dieser Dienstleister war eher national aufgestellt. Wir können uns jetzt stärker und individueller auf regionale Partner konzentrieren“, nannte Lorz die Vorteile der neuen Ausrichtung, wobei natürlich auch die bei Abschlüssen fälligen Provisionszahlungen entfallen. Trotzdem bleibt die Frage wie – in Anbetracht dieser bedenklichen Entwicklung – die Perspektive der Kickers aussieht? „Es gibt im Grunde nur zwei Wege“, sagte Lorz und skizzierte die Szenarien. „Entweder wir schrauben den Etat weiter nach unten und versuchen die Mittel effizienter einzusetzen. Gute Spieler wären dann aber nicht zu halten, ein Ziel Aufstieg nicht planbar.“ Die zweite Möglichkeit wäre die Ausgliederung in eine Kapitalgesellschaft mit Beteiligung von strategischen Partnern. Lorz räumte ein: „Dies ist eine Option, aber das sind bisher nur Gedankenspiele – nichts ist spruchreif.“

Ziel ist der Klassenverbleib

Genauso wenig wie der Klassenverbleib in der Regionalliga. „Wir haben harte Arbeit vor uns“, sagte Lorz. In allen Belangen. Angefangen mit dem Heimspiel am Samstag gegen Astoria Walldorf, in dem im Abstiegskampf dringend gepunktet werden muss. Wie betonte Lorz an die anwesenden Spieler gerichtet: „Ihr müsst in Anbetracht all der Zahlen nicht glauben, dass ihr bei den Prämien sparen müsst.“ Zumindest auf der Hauptversammlung hat die Mannschaft schon mal ein gutes Bild abgegeben: Sie erschien komplett und korrekt im dunklen Anzug.

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