Nach dem plötzlichen Ableben John Crankos wurde eine Totenmaske in Auftrag gegeben. Entstanden ist sie bei einer eher ungewöhnlichen Aktion.
Über der Kleinanzeige steht „Alles muss raus“. Neben Möbeln, Modellautos und allerlei Hausrat wurde in einer Samstagausgabe dieser Zeitung auch eine „Original Totenmaske John Cranko“ angeboten. 500 Euro, so ergibt ein Anruf, muss einem Tanzfan dieses Erinnerungsstück an den 1973 im Alter von 45 Jahren verstorbenen Gründer des Stuttgarter Balletts wert sein. „Original“ nennt der Verkäufer den Gipsabguss, da er ihn wenige Tage nach Crankos Tod direkt von der Person übernommen habe, die ihn hergestellt habe.
Die Maske eines Toten als lebensnahes Andenken und als Möglichkeit, Trauer zu bewältigen? Heute wirkt die Praxis aus einer Zeit, die noch nicht mit fotografischem Erinnerungsmaterial geflutet war, befremdlich. Doch der plötzliche Tod John Crankos auf dem Rückflug von einem USA-Gastspiel war für alle in seinem Umfeld wohl ein solcher Schock, dass vor diesem Hintergrund der Auftrag für eine Totenmaske nicht mehr ganz so ungewöhnlich wirkt. Umso ungewöhnlicher jedoch, wie er ausgeführt wurde.
Der Sohn eines Bildhauers führte den Auftrag aus
Die Nacht- und Nebelaktion, von der ein daran beteiligter Fotograf am Telefon erzählte, ist auch aus mehr als fünfzig Jahren Abstand nicht frei von Grusel. Verständlich, dass der heute über Achtzigjährige seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will – zumal er nur als Helfer eingesprungen war, als der inzwischen verstorbene Sohn des Bildhauers Hans Retzbach den Auftrag ausführte.
Nachts auf dem Friedhof
Aufgebahrt war John Cranko, nachdem er nach einer Notlandung in Dublin in einem dortigen Krankenhaus für tot erklärt und nach Stuttgart überführt worden war, in der Leichenhalle des Pragfriedhofs. „Wir sind über die Friedhofsmauer geklettert, die Leichenhalle war zu meiner Überraschung tatsächlich offen“, erinnert sich der Fotograf – und vor allem daran: „Es war derselbe Raum, in dem auch meine Mutter im Sarg gelegen hatte. Das war schrecklich.“
Aufnahmen verschwinden im Safe
Der Sohn des Bildhauers, ein Chemiker, habe vom Vater das Abnehmen von Totenmasken gelernt und öfters derartige Aufträge ausgeführt. „Nachdem der Abguss fertig war und er John Cranko gereinigt hatte, sind wir wieder von dannen“, erinnert sich der Fotograf. Einen Film mit Aufnahmen von der Totenmaske Crankos hat er bis heute in seinem Safe weggesperrt, so wenig geheuer ist ihm die Tat von damals. Den Vater des Stuttgarter Ballettwunders, den er zu Lebzeiten selbst persönlich kennen und schätzen gelernt hatte, hält er lieber in der eigenen Erinnerung lebendig und in der Begegnung mit dessen Bühnenwerken.
Wer der Auftraggeber der Totenmaske war? Daran kann sich der Fotograf nicht erinnern. Auch Reid Anderson und Dieter Gräfe, die mit Cranko das Kavaliershäuschen auf der Solitude teilten, wissen es nicht. Alle, die bei seinem Tod im Flugzeug dabeigewesen waren, hätten unter einem Schock gestanden, lassen die beiden mitteilen. In der emotionalen Aufgewühltheit ging auch unter, wer ihnen kurz nach Crankos Tod einen Bronzeabguss der Maske geschenkt hatte. Den würden Gräfe und Anderson heute gern an einer Wand der John-Cranko-Schule sehen, doch im Sichtbeton-Neubau darf nichts aufgehängt werden.
Auch das Stuttgarter Staatstheater besitzt eine Version der Totenmaske John Crankos als Bronzeabguss, den laut Stempel die Kunstgießerei Strassacker in Süßen angefertigt hatte. Zu sehen war er 1997 im Opernhaus im Rahmen einer Ausstellung, die ein Festival zum 70. Geburtstag des Choreografen begleitete. Eine weitere Gipsmaske tauchte im Februar 2021 bei einer Versteigerung in Stuttgart im Auktionshaus Eppli auf. Für 320 Euro erhielt ein Bieter den Zuschlag.
Bildhauer mit befremdlichem Menschenbild
Zugeschrieben wird die Maske im Online-Katalog von Eppli dem Bildhauer Hans Retzbach. Der Sohn setzte bei den Totenmasken-Aufträgen auf den Namen des berühmten Vaters. Auf dessen Skulpturen, darunter eine Hitler-Büste, und ihr heroisches Menschenbild blickt man heute allerdings mit Befremden.
Moment der Unbeschwertheit
Verletzlich, als habe er nur für einen Moment des Durchatmens die Augen geschlossen, wirkt John Cranko dagegen auf einer raffinierten Aufnahme, welche die Stuttgarter Fotografin Madeline Winkler-Betzendahl von der Totenmaske anfertigte. Der dramatische Tod des Choreografen, der beim Rückflug aus den USA unter Einwirkung eines Schlafmittels an seinem Erbrochenen erstickt war, scheint bei ihrem Anblick fast unwirklich.
Eher spiegelt sich in den Zügen des Toten etwas von der Unbeschwertheit, die sein Leben nach schwierigen Phasen zuletzt zurückgewonnen hatte, wie Ashley Killar in seiner Biografie „Cranko“ notierte. Das bezeugen auch Wegbegleiter wie Vladimir Klos, der beim Rückflug zwei Reihen hinter dem Ballettdirektor saß. „John hatte sich sehr auf zu Hause gefreut. Er sollte bald umziehen und hatte viele Sachen fürs neue Haus eingekauft“, erinnerte sich der Tänzer in einem Interview an die letzte Reise Crankos. Statt des neuen Zuhauses wurde ein Grab auf dem Solitude-Friedhof ihr Ziel.
Info
Tod
John Cranko starb am 26. Juni 1973 auf dem Rückflug von einer USA-Tournee des Stuttgarter Balletts. Ihre letzte Station war Philadelphia, wo Crankos „Schwanensee“ auf dem Programm stand. Die Trauerfeier für den Choreografen, dem in Stuttgart ein weltweit beachtetes Ballettwunder gelungen war, fand auf dem Waldfriedhof statt, bestattet wurde er auf dem Solitude-Friedhof.
Maske
Als Erinnerungsstücke an Verstorbene waren Totenmasken schon in der griechischen Antike beliebt; in der Renaissance wurde die Technik neu belebt. Bekannt sind die vom Bildhauer Arno Breker erstellte Maske des Malers Max Liebermann und die einer „Unbekannten aus der Seine“, deren Lächeln viele Schriftsteller inspirierte.