Übersichtlich geht es am Montagmorgen auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof zu. Foto: Martin Dudenhöffer

Seit Montagmorgen befinden sich Lokführer der GDL im Ausstand. Reisende in Stuttgart scheinen auf den zweiten Streik innerhalb kurzer Zeit gut vorbereitet zu sein.

Stuttgart - An der Seite des improvisierten Eingangs des Hauptbahnhofs haben sich die Zugführer der Lokführergewerkschaft GDL versammelt – fast unscheinbar. Während einige aus der rund 20-köpfigen Gruppe mit Warnwesten auch optisch darauf hinweisen, dass sie sich im Arbeitskampf befinden, rauschen vor ihnen viele Pendler und Reisende in und aus dem Bahnhofsgebäude.

 

Manche bleiben stehen und halten mit ihrer Meinung zu dem erneuten Arbeitsausstand der Lokführer nicht hinter dem Berg. „Die Kommentare kommen aus beiden Richtungen“, berichten die streikenden Lokführer. „Manche stimmen mit uns überein, andere schimpfen. Ich kann verstehen, dass es nervt, wenn der Zug nicht fährt. Aber wir müssen uns wehren, so kann es ja nicht weitergehen.“

Ihr Unmut ist groß: Die Angebote der Bahn seien „weit entfernt“ von den ursprünglichen Forderungen der GDL, schimpfen die Zugführer. Ein Kollege habe sich während des Dienstes mit Corona infiziert – mit einem schweren Verlauf und langwierigen Auswirkungen: „Dass ich meinem Arbeitgeber nicht mal einen Coronabonus wert bin, sondern dafür erst streiken muss, ist erschreckend“, sagt einer.

„Ein Großteil der Fahrgäste scheint vorbereitet zu sein“

Knapp fünf Gehminuten weiter, an den Bahnsteigen, herrscht ein ähnliches Bild wie vor zwei Wochen. Auch da war das befürchtete Streikchaos in Stuttgart ausgeblieben. Zwar sollten im Regional- und S-Bahn-Verkehr am Montag nur etwa 40 Prozent der Züge rollen. Doch wer auf eine der gestrichenen Verbindungen gesetzt hat, holt sich Hilfe bei den Bahn-Bediensteten im Infocenter oder den Bahnsteigen. „Heute Morgen war es ruhig. Es scheint so, dass der Großteil der Fahrgäste vorbereitet war. Es gibt aber durchaus Reisende, die uns um Antworten bitten“, berichtet ein Bahn-Mitarbeiter.

Derweil steht ein einzelner Fahrgast an Gleis 8. Heute morgen ist er in Köln losgefahren: „Eigentlich wollte ich eine andere Verbindung nehmen, für die ich extra noch mal umgebucht habe – die ist dann aber auch ausgefallen.“ Durch Glück und seinen Zeitpuffer konnte er noch einen früheren Zug erwischen. Jetzt liegt nur noch die Strecke nach Vaihingen vor dem 19-Jährigen, die S-Bahn fährt jedoch erst in einer Stunde. Und auch hier muss er aufgrund der Sommerbaustelle auf der Stammstrecke zwischen Hauptbahnhof und Stuttgart-Vaihingen mit Einschränkungen rechnen.

Die S-Bahnen fahren nur im Stundentakt

Die Deutsche Bahn bestätigt den Eindruck vom Montagmorgen: „Wir haben keine Meldungen bekommen, dass durch den Streik der Lokführer ein Chaos auf den Bahnhöfen ausgebrochen ist“, heißt es in der Stuttgarter Pressestelle der Bahn auf Anfrage. Man habe die Kundinnen und Kunden über die App und die Website entsprechend informiert. Fahrgäste hätten auch von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, kostenlos zu stornieren und zu einem späteren Zeitpunkt außerhalb der Streiktage zu fahren. Aufgrund des Streiks im Fern- und Regionalverkehr vor zwei Wochen kennen offensichtlich viele das Prozedere schon: Die S-Bahnen auf den Stuttgarter Hauptlinien fahren am Montag aufgrund des Lokführerstreiks nur im Stundentakt. Dafür sei der Ersatzbetrieb laut Bahn-Pressestelle „gut angelaufen“, auch auf der S-Bahn-Strecke Hauptbahnhof–Flughafen. Nicht im Einsatz sind die Linien S 12, S 15 und S 3.

Auch in der Region sind die Auswirkungen des Streiks überschaubar. Der Bahnhof in Plochingen (Kreis Esslingen) ist am Montagvormittag beinahe menschenleer. „Die Kunden sind alle weggeblieben“, erzählt eine Bäckereiverkäuferin. Es habe keine großen Ansammlungen von Reisenden gegeben, die auf ihre Verbindungen warten würden. Vielmehr sei es ungewöhnlich ruhig. Die Verkäuferin habe die Einschränkungen selbst zu spüren bekommen, weil sie mit der S-Bahn-Linie S 1 nach Plochingen gefahren sei. Und die verkehrt am Montag nur stündlich, statt wie sonst üblich im Halbstunden- und 15-Minuten-Takt. Bis zum Streikende fahren die meisten S-Bahnen zwar nicht so oft wie normalerweise, aber zumindest im Stundentakt.

Eisenbahner-Kundgebung auf dem Schlossplatz

Außerdem sind einige Züge von privaten Unternehmen nicht von dem Streik betroffen; etwa die Schönbuchbahn zwischen Böblingen und Dettenhausen, weil diese von der Württembergischen Eisenbahngesellschaft (WEG) betrieben wird. Theoretisch würde auch die Ammertalbahn zwischen Herrenberg und Tübingen verkehren, allerdings wird an dieser Bahnstrecke während der Sommerferien gebaut, weshalb ein Ersatzbus im Einsatz ist.

Kurz vor Streikbeginn war die Bahn noch auf die GDL zugegangen und hatte eine Coronaprämie angeboten. Die Gewerkschaft sprach von einem Scheinangebot, das nicht näher beziffert sei. Sie setzt ihren Streik bis Mittwoch fort. Ihren Forderungen verleiht sie am Montagnachmittag auch bei einer Kundgebung auf dem Stuttgarter Schlossplatz Ausdruck. Dafür war auch der stellvertretende Bundesvorsitzende der GDL, Norbert Quitter, in die baden-württembergische Landeshauptstadt gereist.