Nicht alle Schüler sind am Mittwochmorgen in den Berufsschulen im Kreis Ludwigsburg angekommen. Foto: Oliver von Schaewen

Die zweite Streikwelle der Eisenbahner trifft unter anderem die Berufsschulen des Landkreises am Römerhügel in Ludwigsburg hart. Der Frust ist groß.

Dunkel ist es noch um 7.20 Uhr auf dem Parkplatz, der sich an diesem Morgen schnell füllt. Der 23-jährige Paul raucht noch schnell eine Zigarette, bevor er in eine der Berufsschulen am Römerhügel geht. Er fahre immer mit dem Auto, aber der Streik der Gewerkschaft der Deutschen Lokomotivführer (GDL), den halte er für unnötig. „Die sollten sich wie erwachsene Menschen an einen Tisch setzen und zu einer Lösung kommen.“ Paul ist nicht der einzige, der an diesem Mittwochmorgen so denkt.

 

Etwa 75 Prozent der Berufsschüler sind auf den ÖPNV angewiesen

Der GDL-Streik ist umstritten – die Bahn AG hatte neue Gespräche angeboten, die Gewerkschaft lehnte ab. Ein sechstägiger neuerlicher Streik ist die Folge. Bis auf wenige Ausnahmen ruhte der Bahnverkehr im Großraum Stuttgart. Die Schüler der Berufsschulen des Landkreises Ludwigsburg sind besonders betroffen. Etwa 75 Prozent von ihnen, so die Schätzung einer Schulleitung, seien auf den ÖPNV angewiesen. Nicht alle schaffen es, sich anderweitig so zu organisieren, dass sie zum Unterricht erscheinen können.

Eine Mitfahrgelegenheit hat Bianca Neamtu für diesen Morgen auf die Beine gestellt. Die 20-jährige Auszubildende aus dem Pflegebereich fährt sonst immer mit Bus und Bahn von Erligheim im Norden des Landkreises zur Mathilde-Planck-Schule. „Wir sind im Auto zu viert gekommen“, erzählt sie.

Bianca Neamtu und Johannes Brück sind diesmal mit dem Auto gekommen. Foto: Oliver von Schaewen

Johannes Brück nickt. Der 19-Jährige aus ihrer Klasse stieg in Bietigheim-Bissingen dazu. Für den Streik der Eisenbahner bringt er wenig Verständnis auf: „Viele sind auf die S-Bahn angewiesen – ich kann in der Pflege auch nicht die Leute im Stich lassen.“

Es gibt Schüler, die nicht flexibel reagieren können

Die Folgen für den Lehrbetrieb an den Berufsschulen sind erheblich. Der ÖPNV sei für viele der 1450 Schüler die einzige Möglichkeit, in die Schule zu kommen, berichtet Sabine Haveneth, die Leiterin der Oscar-Walcker-Schule am Römerhügel. „Wir haben auch Schüler mit kognitiven Beeinträchtigungen und solche, die kaum Deutsch sprechen.“ Ihnen falle es besonders schwer, auf eine solche Situation zu reagieren.

Der Ausfall der S-Bahn unterbreche die Kette der Verkehrsmittel, erklärt Sabine Haveneth: „Die Wenigsten haben die Möglichkeit, mit einem eigenem Auto zu kommen.“ Aufgrund des Alters der Schülerschaft, von 15 Jahre an aufwärts, fehlten in vielen Fällen Alternativen im Transport. „Die Eltern sind in der Regel beide berufstätig, und daher nicht in der Lage, ihre Kinder in die Schule zu fahren, selbst wenn sie ein Auto haben.“

Der Winter begrenzt die Möglichkeiten

Mit dem Moped hat sich an diesem Morgen Paula Friedrich auf den Weg gemacht. Das mache sie öfter, erzählt die 16-Jährige aus Bietigheim-Bissingen, sie wäre aber lieber mit dem ÖPNV angereist. „Es war heute sehr windig, und bei den ersten Streiks war Glatteis.“

Paula Friedrich aus Bietigheim-Bissingen nahm das Moped. Foto: Oliver von Schaewen

Offenbar reisen auch viele Lehrer gerne mit einem Zweirad wie etwa einem E-Bike an, doch im Winter sind diese Möglichkeiten begrenzt.

Geklappt hat es an diesem Morgen bei Yusa Kara (15) und Emirkan Bedir (16). Die beiden Freunde aus Kornwestheim kamen mit dem Bus statt mit S-Bahn und Bus zur Berufsschule. „Wir musste einen Bus überspringen, weil einer so voll war“, erzählt Yusa.

Yusa Kara (links) und Emirkan Bedir aus Kornwestheim fuhren per Bus.

Davon hat auch die Schulleiterin Sabine Haveneth erfahren: „Ausweichbusse waren, falls vorhanden, teilweise überlaufen.“

Pauschale Entschuldigungen gelten nicht

Und wie gehen die Schulleitungen an den Berufsschulen mit Verspätungen um? „Grundsätzlich habe ich dafür durchaus Verständnis, und wir machen weder Lehrkräften noch Schülern deswegen Vorwürfe, wenn sie tatsächlich auf die Bahn angewiesen sind“, sagt Sabine Haveneth. Das müsse dann im Einzelfall betrachtet werden. Pauschale Entschuldigungen gebe es nicht. Selbstverständlich sei die Erwartung gegenüber den 110 Lehrkräften der Oscar-Walcker-Schule größer, sich so zu organisieren, dass sie trotzdem pünktlich in der Schule seien, etwa mit Fahrgemeinschaften. Dies funktioniere auch gut.

Einen Überblick über alle Berufsschulen des Landkreises Ludwigsburg mit ihren rund 9500 Schülern hat Oliver Schmider, geschäftsführender Schulleiter an der Erich-Bracher-Schule in Kornwestheim-Pattonville. „Je nach Einzugsgebiet kann die Fehlquote schnell bei 20 bis 30 Prozent pro Klasse liegen, schließlich ist unser Einzugsgebiet der gesamte Landkreis.“ In Einzelfällen, etwa in den Flüchtlingsklassen, könne es sogar zum kompletten Unterrichtsausfall kommen.

Manche Schüler wollen ihr Fehlen mit dem Streik begründen

Kommen Schüler nicht, sollte man mit Augenmaß vorgehen, so Schmider. Ihre Wohnorte seien den Lehrern bekannt. Sie könnten gut einschätzen, ob die Anfahrt möglich ist oder nicht. „Es gibt leider auch immer wieder einzelne Schüler, die durch den Streik nicht beeinträchtigt sind, und das Fehlen dennoch damit begründen. Das geht nicht.“

Zum Streik hat Oliver Schmider eine geteilte Meinung: „Das Streikrecht ist Teil unserer Wirtschaftsordnung und ein hohes Gut, aber man muss verantwortlich damit umgehen.“ Aufgrund des Angebotes der Bahn wäre eine erneute Verhandlungsrunde angebracht gewesen, denkt Schmider. Gerade für die Schulen seien solche Streiks – nach den vergangenen Jahren der Pandemie – eine zusätzliche Belastung.