Täglich pendelt das „Schusterzügle“ zwischen Untertürkheim und Kornwestheim – und macht auch in Münster Halt. Foto: Sebastian Gall

Seit knapp 20 Jahren wartet Münster auf eine Aufwertung des Bahnhofsgebäudes. Jetzt könnte der Wunsch in Erfüllung gehen: Die Umgestaltung soll ein Projekt der Sozialen Stadt werden.

Münster - Die Fassade bröckelt und viele Fenster sind – sofern sie nicht zugenagelt wurden – eingeschlagen. An den Außenwänden zieren Graffiti das Bahnhofsgebäude in Münster, das definitiv schon bessere Zeiten erlebt hatte. Nicht viel besser sieht der Vorplatz aus. Dies alles entspricht kaum den Vorstellungen eines denkmalgeschützten Gebäudes. Ist es aber. Seit Jahrzehnten soll dort Hand angelegt und das Gelände umgestaltet und eventuell mit Wohngebäuden versehen werden. Auch über eine öffentliche Nutzung wurde schon nachgedacht. Doch es passiert – bis auf eine Gehwegverbreiterung an der Bushaltestelle – nichts. So sehen das auch viele Münsterer, die im Bürgerhaushalt seit Jahren eine Umnutzung fordern. Der Grundtenor: Der Bahnhof mit seinem Vorplatz ist ein „Schandfleck“ für den Stadtbezirk.

„Dieses Thema beschäftigt mich seit Beginn meiner Amtszeit vor 19 Jahren“, sagt Bezirksvorsteherin Renate Polinski. „Nur leider beißen wir uns auch genauso lang die Zähne daran aus.“ Auch der Bezirksbeirat hat das Gebäude und den dazugehörigen Vorplatz immer im Fokus. Unzählige Male stand die Verschönerung des Geländes schon auf der Prioritätenliste des Bezirksbeirats zu den Doppelhaushalten der Stadt. Mindestens genau so lange setzt sich auch die Bürgerinitiative Münster (BIM) für den Bahnhof ein.

Stillstand hat mehrere Gründe

Der Stillstand rund um den Bahnhof hat vielschichtige Gründe. Das größte Hindernis ist und bleibt, dass das Gelände in Privatbesitz ist. Zu Anfang gehörte es noch der Deutschen Bahn AG (DB), die ihn auch bis heute betreibt – das Schusterzügle pendelt sechs mal am Tag zwischen Untertürkheim und Kornwestheim. Im Jahr 2001 entschloss sich die DB dann dazu, nicht mehr betriebsnotwendige Immobilien zu veräußern. Dazu gründete sie eine Tochtergesellschaft – die Aurelis Real Estate GmbH. In deren Besitz ging dann 2002 das Gelände in Münster über. Aurelis beteuerte immer wieder, mit der Kommune zusammen arbeiten zu wollen, um das Bahnhofsgelände zu sanieren. 2007 wurde die Bahntochter dann an den deutschen Baukonzern Hochtief verkauft. Auch Finanzinvestor Redwood Grove saß bei dieser Transaktion mit im Boot.

Stadt hat kein Interesse am Kauf

Im Februar 2014 verkaufte Hochtief 43 Prozent seiner Aurelis-Anteile an ein Investorenkonsortium unter Führung von Grove International – dieses Unternehmen besaß zu diesem Zeitpunkt schon 50 Prozent von Aurelis. Die restlichen sieben Prozent wurden an einen unabhängigen Investor verkauft. Mittlerweile arbeitet im Bahnhofsgebäude eine Baufirma, ein Umstand, der auch Renate Polinski überrascht. Die Bezirksvorsteherin war der Meinung, dass das Gebäude leer steht. „Wir sind hier seit gut einem Jahr“, sagt hingegen eine Mitarbeiterin der Baufirma. Zu den Mietverhältnissen könne sie keine Angaben machen. Auch das Amt für Stadtplanung und Wohnen darf keine Angaben zu privaten Grundstücken machen. „Wir werden uns aber im ersten Halbjahr dieses Jahres mit den Besitzern in Verbindung setzen und eine Umnutzung besprechen“, heißt es aus dem Amt. Eine Sanierung, und da ist man sich in Münster einig, ist wohl nur möglich, wenn die Stadt das Areal kauft. Große Lust dazu haben die Verantwortlichen beim Liegenschaftsamt bisher jedoch nicht. So gab es vor ein paar Jahren Voruntersuchungen zu einer möglichen Sanierung. „Der damalige erste Bürgermeister Michael Föll hat gesagt, dass die Stadt kein Interesse habe“, so Polinski.

Noch keine konkreten Pläne

Doch seit vergangenem Jahr gibt es wieder einmal Hoffnung. Die Soziale Stadt, ein deutschlandweites Städtebauförderprogramm, hat ihre Arbeit aufgenommen. Der Vorteil: Es ist ein bürgernahes Programm und ausdrücklich erwünscht, dass Anwohner sich daran beteiligen. Und was die wollen, wurde beim ersten Workshop schon klar: die Sanierung des Bahnhof-Areals. „Natürlich haben wir das registriert“, sagt Simone Gretsch vom Stadtplanungsinstitut Weeber + Partner, das als baulicher und planerischer Partner für die Soziale Stadt mit im Boot ist. Es gebe aber noch keine konkreten Pläne, man werde aber demnächst den Kontakt mit der Stadt und dem Eigentümer des Bahnhofsgeländes suchen. „Wir hoffen, dass wir mit der Sozialen Stadt im Rücken bessere Karten für eine Sanierung haben“, sagt Bezirksvorsteherin Polinski.

Und auch für ein anderes Projekt, das ebenso lange diskutiert wird, könnte die Soziale Stadt frischen Wind bedeuten: den Fußgängersteg vom Netto-Markt in der Nagoldstraße über die Gleise zur Zuckerfabrik im Hallschlag. „Auch hier versucht der Bezirksbeirat seit Jahren alles, die Realisierung wird vom Gemeinderat jedoch immer hinten angestellt.“ Immerhin konnte man die vielen illegalen Gleisüberquerungen – auch durch Kinder – durch die Errichtung eines engmaschigen Stahlzauns unterbinden.

Bei der Sozialen Stadt stehen in nächster Zeit verschiedene Themenabende auf dem Plan, bei dem sich dann Projektgruppen herauskristallisieren sollen. Eine gute Chance für die Münsterer, ihren Wunschprojekten neue Impulse zu geben.

Am 20. März um 18.30 Uhr findet im Bürgersaal, Moselstraße 25, eine Gesprächsrunde unter dem Titel „Bürgerbahnhof“ statt. Veranstalter ist die SPD Ortsgruppe Münster/Mühlhausen.

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