Keine Wohlfühlatmosphäre? Der Bahnhof in Esslingen-Zell versprüht einen eigenartigen Charme. Passanten und Fahrgäste haben viele Kritikpunkte: Verspätungen, kaputte Automaten, fehlende Aufzüge, Müll und Schmierereien.
Esslingen - Jemand hat seine Botschaft mit schwarzem Filzer an die weiße Kachelwand geschmiert: „4 Uhr“, steht da. Eilig kann es der Verursacher nicht gehabt haben. Denn er hat die Uhrzeit achtmal fein säuberlich untereinandergeschrieben. Sehr zum Ärger der Passantin, die gerade die Unterführung am Bahnhof in Esslingen-Zell durchquert: Dieses Beschriften der Wände stößt der 81-Jährigen sauer auf. Und dass hier oft Müll herumliege, der lange nicht weggeräumt werde. Achtlos weggeworfen und enorm störend! Gerade sieht der Boden ordentlich aus. Kein Abfall! Na ja, meint die Senioren, der Unrat wurde wohl erst vor kurzem beseitigt.
Politische Statements mit Rechtschreibfehlern
Die Schmierereien sind geblieben: politische Aussagen voller Rechtschreibfehler, ein wenig jugendfreies Wettern gegen das „System“, irgendwelche Vornamen. Das stört Ercan Dabanli weniger. Aber: „Ich verstehe nicht, warum es hier am Ende der Unterführung keinen Aufzug gibt.“ Er habe zwar keine Kinder, doch Frauen mit Kinderwagen hätten es schwer, nach oben aus der Unterführung heraus zu kommen. Abends werde es an dieser Ecke auch sehr laut, viel Geschimpfe und Gezeter sei zu hören. Und die Verspätungen und Ausfälle der S-Bahnen bemängelt der junge Mann auch. Kollegen würden teilweise eine Stunde zu spät zur Arbeit kommen. Wenn bei ihm im Geschäft jemand ausfalle, müsse die Lücke ja auch geschlossen und die Arbeit erledigt werden. Das müsse bei Zügen auch möglich sein.
Brandon Speicher spricht
Oben an den Gleisen drei und vier liegt noch ein Ticket für 2,70 Euro im Fahrkartenautomat. Der nachlässige Ex-Besitzer wird es schmerzlich vermissen, sollte eine Kontrolle kommen. Den jungen Mann, der auf einer Bank auf die S-Bahn wartet, könnte der Verlust einer Fahrkarte vermutlich nicht erschüttern. Er ist ultracool mit seiner Sonnenbrille und dem Basecap. 19 Jahre sei er alt, und er nennt sich Brandon Speicher. Sollte das ein Pseudonym oder ein Künstlername sein, ist er kreativ ausgewählt. Nein, zu meckern würde es hier nichts geben, sagen er und sein Kumpel. Alles würde funktionieren. Nur der Getränkeautomat sei manchmal defekt: „Sonst passt alles.“ Doch gerade läuft auf der Fahrzeitenanzeige die Benachrichtigung: „Stuttgart Hauptbahnhof (tief) und Österfeld bleiben von 31. Juli bis 12. September wegen einer Modernisierung geschlossen.“ Und im Schaukasten wird auf Haltausfälle auf der Strecke Gärtringen nach Herrenberg hingewiesen.
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Zurück in der Unterführung hat der Geruch innerhalb kurzer Zeit eine unangenehme Duftnote erhalten. Das Erscheinungsbild ist auch nicht attraktiver geworden. „Es ist schon alles sehr heruntergekommen“, meint Isabella Tiaka und macht eine ausladende Handbewegung. Auch die junge Mutter eines ein Jahre alten Kindes bemängelt, dass es am Ende der Unterführung keinen Aufzug gebe. Die Treppen seien mit Kinderwagen kaum zu schaffen, besonders wenn einer der anderen Aufzüge defekt sei. Was leider oft passiere, fügt die 29-Jährige hinzu.
Ein „richtiger“ Fahrkartenverkauf fehlt
Oben vor dem Bahnhofsgebäude in der Hauptstraße trauert Lothar Haug den alten Zeiten hinterher. Früher, sagt er, sei das hier noch ein echter Bahnhof und nicht nur eine Haltestelle gewesen. Er bedauere sehr, dass es keinen „richtigen“ Fahrkartenverkauf, sondern nur noch Automaten geben würde: „Wenn ich mich beraten lassen will, muss ich nach Plochingen fahren.“
Unruhige Zeiten im „Travel Shop“
Im „Travel Shop“ wischt die Mitarbeiterin den Tresen sauber. Einen Kiosk gibt es hier und eine Gastronomie. Jetzt, in der Ferienzeit, sei es ruhiger. Stammkunden würden vorbeischauen, manche hätten eine bestimmte Zigarettenmarke, die sie vorbestellen würden. Und an heißen Tagen seien die kühlen Getränke schnell vergriffen. Die Gaststube macht jetzt früher zu: „Die Leute haben sich daran gewöhnt, zu Hause zu bleiben. Die gehen nicht mehr soviel aus.“ Die Gastwirtschaft war während des Lockdowns geschlossen, der Kiosk durfte wegen des Verkaufs von Tageszeitungen öffnen. Auch die Annahme der Toto-Lotto-Scheine lief gut. Vielleicht eine Anregung für die Bahn. Mit einem beträchtlichen Lotto-Gewinn ließen sich manche Mängel in Zell beheben.
Die Haltestelle Esslingen-Zell
Die Daten
Das Empfangsgebäude der S-Bahn-Haltestelle in Esslingen-Zell wurde nach Angaben der Deutschen Bahn AG im Jahr 1970 gebaut. Zwei Jahre zuvor war die Personenunterführung hin zum Berufsschulzentrum und der Landesakademie entstanden. Pro Tag würden hier etwa 5000 Kunden gezählt.
Die Zukunft
In den nächsten Jahren ist in Esslingen-Zell nach Angaben der Deutschen Bahn ein barrierefreier Ausbau geplant. Im Zuge der Baumaßnahme sollen die Bahnsteige erhöht werden, sodass ein stufenfreier Ein- und Ausstieg in die S-Bahn-Fahrzeuge möglich sein werde.