Noch sechs Wochen, dann ist Schicht: Bäckermeister Peter Schall, Mutter Maria mit ihrer Mitarbeiterin. Foto: Stefanie Schlecht/ 

Das Café Schall schließt in sechs Wochen seine Türen. Damit endet eine 88-jährige Tradition in Böblingen und die Stadt verliert eine Institution. Nur ein selbstständiger Kleinbetrieb für Backwaren bleibt noch.

Es ist genug“. Peter Schall sitzt hinter dem gemütlichen Tisch im Hinterzimmer der Backstube und setzt einen Schlussstrich hinter die letzen 21 Jahre seines Berufslebens. In den frühen Morgenstunden des 1. Oktobers wird er zum letzten Mal Teig anrühren und daraus 150 Brezeln flechten, 150 Brötchen, 60 Körnerweckle und einige Laibe Brot formen. So wie jede Nacht in den vergangenen Jahren. Doch dann ist Schluss. Für immer. Die Backöfen in der Schwabstraße bleiben kalt, die Ladenregale mit den Backwaren, Torten, Süßgebäcken und Pralinen leer. Nach 88 Jahren wird das Café Schall Geschichte sein, Böblingen seinen vorletzten Bäcker und der Osten der Stadt eine Institution verlieren.

 

Leicht hat sich Peter Schall die Entscheidung nicht gemacht. „Gemischte Gefühle“ treiben den 59-Jährigen um, wenn er an den Abschied von der Backstube denkt: „Ein bisschen Wehmut ist schon da“, gesteht er, spricht aber auch von der „Last, die von einem fällt.“ Die Knie machen nicht mehr mit, das stundenlange Stehen in der Backstube fällt schwer.

Um 2.45 Uhr beginnt der Arbeitstag

Entlastung ist nicht in Sicht. Zusammen mit einer Konditorin schmeißt Peter Schall die Backstube jede Nacht alleine, zwei Verkäuferinnen und Mutter Maria sorgen dafür, dass die Backwaren über den Tresen gehen, das Café läuft nebenher. Leute, die den Job machen wollen, gibt es nicht mehr. Wer Peter Schall nach seinem Arbeitstag fragt, weiß auch warum: Von 2.45 Uhr bis 11 Uhr in der Backstube, dann müssen Besorgungen erledigt werden und ab 17 Uhr warten die Vorbereitungen für die nächste Backstubennacht.

Den Grundstein haben die Großeltern 1934 gelegt

Seit 2001 ist Peter Schall verantwortlich für das kleine Unternehmen in der Schwabstraße. 67 Jahre zuvor hatten seine Großeltern den Grundstein gelegt. An der Ecke Liststraße/Sindelfinger Straße, dort wo heute der Friseur Keller die Haare schön macht, eröffneten Julius und Emma Schall ihren Backladen. 1954 zog es die Bäckersleute dann weit hinaus, dort wo Böblingen damals endete. Rund um den Alten Friedhof entstanden viele neue Häuser für die rasch wachsende Bevölkerung. Die Schalls sorgten mit ihrer Bäckerei für die Nahversorgung im Neubaugebiet. Der Laden entwickelte sich prächtig, das Café wurde zum beliebten Treff im Osten der Stadt. Anfang der 1970er Jahre übernahm Sohn Hans Schall zusammen mit seiner Frau Maria.

Maria Schall erinnert sich noch genau, wie sie mit ihrem Hans, den sie bei der Lehre im noblen Stuttgarter Café Schapmann kennengelernt hat, zum ersten Mal in die Schwabstraße kam. „Um Gottes Willen, das ist ja am Ende der Welt“, habe sie geseufzt, erzählt sie. Den Schock hat die gebürtige Bayerin überwunden. Viele Jahre schmiss sie mit ihrem Mann und einem Dutzend Mitarbeitenden den Laden. Bis heute ist ihr breites Bayrisch hinter dem Tresen ein Markenzeichen. Mit 84 Jahren steht sie immer noch im Laden. Tag für Tag, Sonntag für Sonntag.

Als Peter Schall übernahm, waren die Zeiten noch rosig

Als Sohn Peter im Jahr 2001 übernahm, waren die Zeiten im Bäckerhandwerk noch rosig. In Böblingen gab es noch ein knappes Dutzend selbstständige Betriebe, Peter Schall backte mit seiner Mannschaft gut drei Mal so viel Brezeln, Brot und Brötchen. Maria Schall erinnert sich an lange Schlangen mit Menschen sonntags vor der Ladentür, und die Schalls verkauften ihre Ware nicht nur im Laden, sondern belieferten Kleinbetriebe, Schulen und die Kantine des Panzerreparaturwerks auf dem heutigen Flugfeld.

Diese Zeiten haben sich längst geändert. Das traditionelle Bäckerhandwerk ist ein aussterbender Beruf. Das Verhalten der Konsumenten hat sich verändert. Auch in Böblingen. „Heute“, sagt Maria Schall, „kaufen die Leute ihre Backwaren im Supermarkt“. Oder bei Großbäckern, die die strategisch günstigen Standorte übernommen haben. Einer hat sich mittlerweile auch im angestammten Revier der Schalls niedergelassen. „Das spüren wir schon“, sagt Maria Schall.

Immer weniger Bäcker, aber immer mehr Verkaufsstellen

„Wir haben immer weniger Bäcker, aber immer mehr Verkaufsstellen in Böblingen“, sagt Peter Schall. Für ihn bleibt damit immer weniger vom Kuchen übrig. „Das Soll ist erfüllt, für mich rentiert es sich nicht mehr“, sagt er. Wenn er nochmals durchstarten wollte, müsste er ordentlich investieren. „Die Maschinen sind so alt wie ich“, erzählt der Bäcker- und Konditormeister. „Für wen soll ich das tun“, fragt er. Nachfolger sind keine in Sicht.

Im Böblinger Osten nimmt man den Abgang des Traditionsbetriebes um die Ecke mit einer Mischung aus Trauer und Verständnis auf, sagen die Schalls. Viele hätten die süßen Stückchen und die Törtchen lieb gewonnen. „Das Weihnachtsgebäck“, weiß Maria Schall, „wird vielen fehlen.“ Nicht nur den Böblingern. Die Seniorchefin weiß von vielen Kunden, die extra aus Sindelfingen kommen – „weil es ja dort schon lange keine selbstständigen Bäcker mehr gibt.“

Der Schwatz im Café gehört der Vergangenheit an

Vermissen werden auch manche den Schwatz im angrenzenden Café, das immer noch den charmanten Flair der 60er-Jahre atmet. Früher kamen die Schüler und Lehrer des Albert-Einstein-Gymnasiums in den Pausen hierher, die Jahrgangs-Stammtische und die Kaffee-Kränzchen. Auch das hat sich verändert, sagt Maria Schall. „Viele ältere Damen, Nachbarn und ab und an ein paar Jahrgänge“, kommen dort heute noch vorbei.

Und wie geht es weiter in der Schwabstraße 33? Die Zukunft ist ungewiss. „Optimal“ wäre es für Peter Schall, wenn sich jemand finden würde, der das Bäckerhandwerk dort doch noch fortsetzt. Ein Interessent hat wenige Minuten zuvor an die Tür geklopft. Peter Schall selbst möchte jetzt „erst mal runterkommen“.

Das Bäckereiensterben greift um sich

Nur einer bleibt
 Wenn die Bäckerei Schall ihre Türen schließt, bleibt in Böblingen nur noch eine Kleinbäckerei: die Bäckerei Späth am „Käppele“. Auch in Sindelfingen grassierte das Bäckereiensterben bereits – mit drastischen Folgen: Seit die Bäckerei Großmann vor einigen Jahren aufgegeben hat, gibt es dort keinen alteingesessenen Bäcker mehr.

Ursachen
Vor allem der Arbeitskräftemangel treibt die Inhaber zur Aufgabe ihrer Betriebe. Junge Menschen, die das Bäckerhandwerk erlernen möchten, gibt es immer weniger. Hauptgrund sind die wenig attraktiven Arbeitszeiten: gebacken wird, wenn die Leute schlafen.

Konzentration
Dem Bäckereiensterben folgte die Konzentration und das Filialgeschäft. Dort wo die alteingesessenen Betriebe ihre Öfen abschalteten, machen sich Großbäckereien mit ihren Niederlassungen breit. Ein Trend, der sich in den vergangenen Jahren verfestigte. Auf der Strecke bleiben die Angebotsvielfalt und der individuelle Geschmack der Backwaren.