Sami K. auf dem 7,5-Meter-Brett im Inselbad Untertürkheim Alles im Blick: Bademeister Sami K. (38) auf dem Sprungturm im Inselbad. Er sagt: „Wie man mit den Leuten spricht, ist ganz wichtig.“ Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Sami K. ist seit 14 Jahren Rettungsschwimmer im Inselbad Untertürkheim. Er spricht über die Vorkommnisse im Bad und wie er es schafft, trotz der Hitze aufmerksam zu bleiben.

Über dem Familienbecken der schrille Ton einer Trillerpfeife: Ein Fachangestellter für Bäderbetriebe, für viele Gäste immer noch der Bademeister, versucht, eine Mutter und ihre Tochter darauf aufmerksam zu machen, dass ihre Luftmatratze nicht erlaubt ist. „Wenn hier jeder mit seinem Boot kommt, wird es zu schnell voll und man sieht nicht mehr auf den Grund“, erklärt Sami K. das Vorgehen seines Kollegen.

 

Der 38-Jährige arbeitet als Rettungsschwimmer im Inselbad Untertürkheim. Während er von seinem Berufsalltag spricht, wandert sein Blick unaufhörlich über das Treiben im Becken – von der 12-Meter-Breitrutsche bis zum Strömungskanal. Spätestens alle 15 Minuten verändert er seine Position. „Wenn man selbst aktiv ist, nehmen einen auch die Badegäste ganz anders wahr.“ Die Mitarbeiter am Beckenrand, ausgebildete Fachangestellte für Bäderbetriebe und Rettungsschwimmer, koordinieren sich untereinander wie ein Fischschwarm. Große Absprachen braucht es nicht, sagt Sami.

Gespräche mit uneinsichtige Eltern sind Teil des Jobs

Er hält nach übermütigen Jugendlichen Ausschau, achtet darauf, dass sich jeder an das Foto- und Filmverbot hält. Rutschende Kinder behält er im Auge, bis sie wieder aufgetaucht sind, und er scannt das Becken nach unbeaufsichtigten Kindern mit Schwimmflügeln. „Das Problem ist, dass die Eltern häufig nicht auf ihre Kinder aufpassen“, sagt Sami. Wenn man an die Aufsichtspflicht erinnere, wären Eltern nicht immer einsichtig. Die Zahl der Grundschulkinder, die nicht schwimmen können, hat sich nach Angaben der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) innerhalb von fünf Jahren verdoppelt – das merkt auch der Rettungsschwimmer. „Zähl mal, wie viele Kinder mit Schwimmflügeln hier drin sind.“

Keine maximale Besucherzahl

An diesem Tag tummeln sich Kinder und Jugendliche im Becken, die Schlange zur Wasserrutsche reicht über die Wendeltreppe bis nach unten. Alle zehn Minuten spuckt die Stadtbahn U 4 am Untertürkheimer Bahnhof neue Badegäste aus, die mit Picknickdecke und Strandmuschel bepackt über die Brücke zum Freibad laufen. Für Sami ist dennoch „wenig los“. In seinen 14 Jahren im Inselbad Untertürkheim hat er schon ganz andere Menschenmengen erlebt. Eine maximale Besucherzahl gibt es nicht; erst wenn die acht Mitarbeiter die Situation nicht mehr überblicken können, kommt es zum Einlassstopp – und das sei in den letzten Jahren selten vorgekommen.

Das Inselbad, idyllisch zwischen dem Neckar und einem Nebenarm gelegen, hat vier Becken, die Liegewiese erstreckt sich weit bis hinter das Beachvolleyball- und Basketballfeld. Besuchern, die Bahnen ziehen wollen, steht ein 50-Meter-Sportbecken zur Verfügung. Hinter einem Sichtschutz befindet sich ein FFK-Bereich mit Becken.

Erst Security, dann Bademeister

Ursprünglich war Sami als ausgebildete Fachkraft für Schutz und Sicherheit über eine Fremdfirma im Inselbad angestellt. Später hat er den silbernen Schein der DLRG gemacht und als Rettungsschwimmer begonnen. Auf dem Weg durch das Bad begrüßt er einen älteren Gast, der sich auf den Heimweg macht. Ein Stammgast, der bei jedem Wetter kommt. „Nächstes Mal dann rutschen!“, ruft er ihm lachend hinterher.

Sami versucht den richtigen Ton zu treffen, sei es gegenüber ungeduldigen Kindern und Jugendlichen oder dem Stammgast, der ihm von seinen Chips anbietet – und weiß, dass ein einfühlsamer Sprachgebrauch Wunder bewirken kann. „Wie man mit den Leuten spricht, ist ganz wichtig“, sagt der Rettungsschwimmer, der im Inselbad so bekannt ist wie ein bunter Hund. „Einem Kind erkläre ich anders, warum es nicht im Stehen rutschen kann, als einem Erwachsenen.“

Auf dem Sprungturm kommt es zu Gegenverkehr. Siebeneinhalb Meter sind dem Jungen dann doch zu hoch. „Kletter die Leiter rückwärts runter“, empfiehlt Sami dem jungen Badegast und hat damit einen Großteil seiner Arbeit schon erklärt: Präventiv arbeiten, den Rundumblick haben und eingreifen, bevor etwas passiert. Und das auch in der zehnten Stunde der Schicht.

„Jeder Tag ist ein neuer Tag. Es darf sich keine Routine einstellen, sonst wirst du betriebsblind und übersiehst Kleinigkeiten“, erklärt Sami. Gerade bei schlechtem Wetter, wenn nur wenige Menschen im Freibad sind, sei es umso wichtiger, aufmerksam zu bleiben und sich nicht ablenken zu lassen.

Um 17 Uhr kommen die Problemfälle

Ab und an unterbricht ein Pfeifen das Toben, doch abgesehen von einem Badegast, der über das Absperrseil köpft, oder Kindern, die auf dem Weg Fußball spielen, ist es ruhig. „Jetzt ist alles Tuttifrutti, um 17 Uhr kommen die Problemfälle“, erzählt Sami. Das seien Gäste, die unter Alkoholeinfluss stehen und zu viel Sonne abbekommen. Da würde sich dann bei dem ein oder anderen die Hemmschwelle verschieben. Und wenn ermahnende Worte nicht helfen? Dann werden Gäste auch mal rausgeschmissen. „Die reden das nächste Mal aber trotzdem wieder mit mir, das ist die Kunst“, sagt Sami.

Das Inselbad geriet diese Saison schon mehrfach in die Schlagzeilen. Vandalismus und sexuelle Übergriffe prägten die Berichterstattung. Ist das Freibad noch ein sicherer Ort? Die oft diskutierte Frage – die kann Sami klar beantworten. „Wir haben Security und auch wir haben die Becken und Liegeflächen genau im Blick, das Inselbad ist sicher.“ Solche Zwischenfälle würden dennoch leider immer wieder vorkommen.

Bräunungsstreifen und Herzblut

Die 31 Grad machen sich bemerkbar, die Sonne knallt auf die Steinplatten und wird hell von den Edelstahlpools reflektiert. Sami trägt eine Sonnenbrille und eine Flasche Sprudel bei sich. Wenn er seine Flip-Flops ein Stück nach vorne streift oder seine Brille auf den Kopf schiebt, kommt darunter die hellere Haut zum Vorschein. „Die Hitze ist ein Stück weit Gewohnheitssache. Wichtig ist, viel zu trinken und sich einzucremen.“

Ein Beruf, der ständige Aufmerksamkeit bei brütend heißen Temperaturen erfordert – anstrengend, aber für Sami eine Herzensangelegenheit. „In diesem Beruf bekommt man schon auch Anerkennung“ sagt Sami. In den Sommerferien in den Urlaub zu fahren, kommt für den Rettungsschwimmer nicht infrage. „Ich könnte jetzt direkt einen Urlaubsantrag stellen, aber im Sommer bin ich hier.“

Bis 10. September beaufsichtigt Sami noch die Badegäste, repariert kleinere Dinge, räumt den Gänsen hinterher, die sich auf den Wiesen gerne breit machen und ist eben „der Mann für alle Fälle“, wie er selbst sagt – dann wird das Inselbad winterfest gemacht.

Bevor er wieder anfängt, Schichten und Schwimmkurse im Leo-Vetter-Bad zu übernehmen, fährt er dann doch in den Urlaub. Wohin, weiß er noch nicht. Nur in einem Freibad wird man ihn nicht finden. „Ich habe automatisch den Blick dafür, wo es Probleme geben könnte. Den lege ich in meinem Privatleben nicht mal eben ab.“

In unserer Sommerserie stellen wir Menschen vor, die im Sommer dableiben und arbeiten müssen. Nächte Woche: der Leiter der Gebäudetechnik am Stuttgarter Flughafen.