Die Evangelische Akademie in Bad Boll versteht sich als Ort der Begegnung und des achtsamen Diskurses. Foto: Ines Rudel

Im nächsten Jahr wird die Evangelische Akademie in Bad Boll 75 Jahre alt. Sie ist die älteste und größte europäische Akademie in kirchlicher Trägerschaft. Ihr Anspruch ist es, in die Gesellschaft hineinzuwirken.

Bad Boll - Zwei Wochen hat die erste Tagung gedauert. Das war im Jahr 1945, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. „Die hatten noch Zeit, das wäre heute unvorstellbar“, sagt Jörg Hübner, der geschäftsführende Direktor der Evangelischen Akademie in Bad Boll. Heute sei den Tagungsgästen oft schon eine Übernachtung zu viel. Während sich die „Formate“ der Tagungen, ihre Gestaltung und ihr Charakter also, im Lauf der Zeit verändert haben, ist die Intention im Kern dieselbe geblieben: Die Akademie will ein Ort für einen respektvollen Diskurs und einen Interessenausgleich der gesellschaftlichen Gruppen sein. Der Anspruch dabei war stets, in die Gesellschaft hineinzuwirken und zu einem Konsens beizutragen.

Im nächsten Jahr feiert die kirchliche Einrichtung ihren 75. Geburtstag. Damit ist sie die älteste und, nebenbei, auch die größte europäische Akademie in kirchlicher Trägerschaft. „Das genießen wir, und das wollen wir feiern“, sagt Hübner. Der Höhepunkt der Veranstaltungen im Jubiläumsjahr, das unter dem Motto „Im Dialog: Gesellschaft gestalten“ steht, ist der Festakt am 27. September, dem Michaelistag, zu dem der Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann erwartet werden.

Tagung für „Männer des Rechts und der Wirtschaft“

An Michaeli vor 75 Jahren begann einst die erste Tagung für „Männer des Rechts und der Wirtschaft“. 14 Tage dauerte sie, viele weitere folgten, einige wurden legendär, wie das Treffen Ernst Blochs und Rudi Dutschkes im Jahr 1968, das Hübner eigentlich nicht mehr erwähnen möchte, weil es stets genannt wird. Er legt sein Augenmerk vielmehr auf die späten 50er-Jahre, als die Akademie die Westintegration auf die Agenda hob, oder die 80er-Jahre, als Bad Boll zur Wiege der feministischen Theologie wurde.

Damals wurde auch schon über Nachhaltigkeit diskutiert. Der damalige Studienleiter Jobst Kraus ließ bei einer Tagung allen Plastikmüll, der sich beim Frühstück ansammelte, in der Mitte des Speisesaals auftürmen. „Das hat das Haus bis heute verändert“, sagt Hübner und erwähnt die Akademieküche, die nicht nur gut, sondern auch nach EG-Bioverordnung zertifiziert ist.

Wichtig ist Hübner im Jubiläumsjahr auch die Zukunft der Akademie, die mit einem Budget von 3,5 Millionen Euro 120 bis 150 Tagungen im Jahr veranstaltet und jährlich 10 000 Tagungsteilnehmer empfängt. Wie es gelingt, Menschen neugierig zu machen und die Einrichtung in der Gesellschaft präsent zu halten, sind Fragen, die ihn angesichts des rasanten Wandels beschäftigen. Entsprechend der Bedürfnisse der Gäste seien die Tagungen heutzutage viel kürzer als in den Anfängen. Dass die Teilnehmer aber zumindest einmal im Haus übernachten, hält er für wünschenswert. Für eine Begegnung auf Augenhöhe sei es unerlässlich, sich am Abend nach dem offiziellen Programm zwanglos auszutauschen.

Digitale Präsenz soll ausgebaut werden

Um die verschiedensten Zielgruppen zu erreichen, will die Akademie neue Wege beschreiten. Der digitalen Präsenz spricht Hübner dabei eine wichtige Rolle zu. So soll der Newsletter der Einrichtung neu gestaltet werden, beim Festakt im September wird ein neuer Imagefilm gezeigt. Schon bei einem Neujahrsempfang am 12. Januar soll eine interaktive Darstellung der Akademiegeschichte mit digitalem Zeitstrahl, Videos und Audio-Aufnahmen vorgestellt werden. Diese basiert auf „Schätzen“ des Archivs – auch das ein Alleinstellungsmerkmal. Die Bad Boller Einrichtung ist die ist die einzige evangelische Akademie, die sich ein Archiv und einen Archivar leistet. „Da kann man die gesamte bundesdeutsche Geschichte durchdeklinieren“, sagt Hübner.

Nicht ausgeblendet werden dürfen die großen Sparrunden, die die Akademie über sich ergehen lassen musste. 2011 wurde ein Drittel der Stellen gekürzt. Deshalb gibt es nun nur noch 25 Studienleiter, in den Spitzenzeiten waren es mehr als 60. Trotzdem findet Hübner, dass die Einrichtung gut aufgestellt ist. „Wir haben uns gut sortiert, wir gehen nach vorne.“

Festakt ist Höhepunkt des Jubiläumsjahrs

Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, spricht bei einem Neujahrsempfang am 12. Januar über das Thema „Fakt und Fake. Meinungsbildung im digitalen Zeitalter“. Im Anschluss daran stellt die Akademie ihre interaktive Darstellung der Akademiegeschichte mit digitalem Zeitstrahl, die Anfang des Jahres auch ins Netz gestellt wird, via Scrollytelling vor.

Der Höhepunkt des Jubiläumsjahres ist ein Festakt am 27. September mit dem Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble, Baden-Württembergs Winfried Kretschmann und dem Landesbischof Frank Otfried July. Anschließend wird im ganzen Haus gefeiert.

Die Evangelischen Akademien sind als Antwort auf das Versagen der Kirchen im Nationalsozialismus gegründet worden. Ein kritischer Blick zurück ist Gegenstand einer Tagung am 19. und 20. Juni. Titel: „Evangelische Akademien: Streiten lernen und Brücken bauen – Demokratieförderung in Vergangenheit und Zukunft.“ Wie kann die Kirche ein Motor für den Klimawandel werden, lautet die Frage einer Tagung am 23. und 24. Juni. „Dialoge zum Frieden. 75 Jahre Evangelische Akademie Bad Boll“ ist der Titel einer Tagung am 18. und 19. September. Mit ihrem Umgang mit der NS-Vergangenheit beschäftigt sich ein Symposium am 9. und 10. Oktober. Um Algorithmen und die Zukunft des Menschen geht es am 20. und 21. November.

Skulpturen des Göppinger Stahlbildhauers Werner Stepanek sowie Holzschnitte und Fahnen der Stuttgarter Künstlerin Martina Geist zeigt eine Ausstellung anlässlich des Akademie-Jubiläums vom 2. Februar bis zum 29. März. Günther C. Kirchbergers Jahre in Bad Boll illustriert eine Ausstellung vom 28. Juni bis zum 4. September. Ein lokales Kunstgespräch ist am 10. Juli geplant. Der in Kornwestheim geborene Künstler war ein Vertreter der Avantgarde. Performance-Kunst mit Robby Höschele, Marie Lienhard und Simon Pfeffel bietet ein Workshop vom 7. bis 11. September. Als eine Begegnungsplattform zwischen der performativen Kunst und der gottesdienstlichen Liturgie versteht sich der Bad Boller Bußtag der Künste mit performativen Klanginstallationen am 18. November.

„Das gute Leben feiern“ ist das Motto einer „Ferienwoche kreativ“ vom 2. bis 8. August. Auf dem Programm stehen Tanzen, Trommeln, Steinhauen, Qigong.

Am 3. Oktober, dem Bad Boller Berta-Tag, öffnet die Akademie ihre Pforten. Es finden Führungen statt, außerdem wird der neue Imagefilm erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

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