Im Jahr 2023 waren 30 Prozent der neu zugelassenen Autos SUVs. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Groß, spritfressend, teuer und klischeebehaftet: Wieso entscheiden sich Kunden in Stuttgart für SUVs und Geländewagen? Die Gründe sind vielfältig, manchmal rational, manchmal irrational – und manchmal auch sehr überraschend.

Entweder man liebt sie oder man hasst sie: Über kaum ein Auto wird so viel gesprochen wie über SUVs und Geländewagen. Oft lautet der Vorwurf, die riesigen Autos würden die ohnehin vollen Innenstädte verstopfen oder zu viel Sprit zu verbrauchen. Wer aber sind die Menschen hinter dem Steuer? Und aus welchen Gründen entscheiden sich Menschen in Stuttgart für diese Autos?

 

Eine Auswertung dieser Zeitung zeigt, dass im Europaviertel und ums Rathaus jedes vierte zugelassene Auto ein SUV oder Geländewagen ist, in Teilen Zuffenhausens jedes fünfte. Von 2014 bis 2022 hat sich der Anteil an zugelassenen SUVs und Geländewagen in Stuttgart verdoppelt. Doch nicht nur in Stuttgart erfreuen sich SUVs großer Beliebtheit: Laut Kraftfahrtbundesamt waren vergangenes Jahr 30 Prozent der neu zugelassenen Fahrzeuge SUVs.

Am meisten überzeugt Kunden die höhere Sitzposition

Fragt man den Autoverkäufer Thorsten Diemer, wie er die SUVs und Geländewagen bei Volkswagen an den Mann und die Frau bringt, antwortet er: „Eines der Hauptargumente für unsere Kunden ist die erhöhte Sitzposition im Vergleich zu anderen Fahrzeugtypen.“ Diemer ist Verkaufsleiter für Neuwagen bei Volkswagen in den Stuttgarter Niederlassungen. Die Käufer schätzten den besseren Blick auf die Straße und das dadurch vermittelte Sicherheitsgefühl. Gerade mobilitätseingeschränkte Kunden würden vom höheren Einstieg profitieren.

Wie zum Beispiel ein Mann aus Stuttgart-Nord, der einen Jaguar F-Pace fährt: „Ich habe starke Rückenprobleme an der Wirbelsäule und brauche daher ein höher gelegenes Auto, damit ich besser einsteigen kann.“ Außerdem pendle die Familie viel ins Allgäu. Dorthin sei die Bahnanbindung schlecht, sagt er, zudem reiche ein kleineres Auto nicht für das Gepäck. Andere SUV-Fahrer argumentieren ähnlich: „Wir haben uns als Familie mit Hund und einem Kind, das wir erwarten, für einen Jaguar E-Pace entschieden, weil man in erhöhter Sitzposition eine wesentlich bessere Übersicht hat“, erzählt Basti Haug, der in Möhringen wohnt. Das Auto verfüge zudem über viel Platz und sehe einfach besser aus als eine Limousine, findet er. Und er gibt zu, dass das Fahrzeug auch ein politisches Statement sei, die zunehmende Kritik aus dem „linksgrünen Lager“ habe die Kaufentscheidung begünstigt.

SUV-Kunde: „SUV verbraucht so viel wie eine vergleichbare Limousine“

Der hohe Spritverbrauch von SUVs und Geländewagen spiele im Verkaufsgespräch eher eine untergeordnete Rolle, berichtet Autoverkäufer Diemer. Haug bestätigt das, verweist aber auch auf die CO2-Bilanz eines Elektroautos: „ Erst ab 70 000 Kilometern ist ein E-Auto in der CO2-Bilanz wegen der Herstellung und Entwertung der Batterien besser als unser Verbrenner.“

Der Mann aus dem Stuttgarter Norden verweist ebenfalls auf den Umweltgedanken, aber: „Meine körperliche Situation und die Nützlichkeit haben einerseits überwogen.“ Andererseits führt er an, dass sein SUV etwa gleich viel verbrauche wie eine vergleichbare Limousine. Olf Wiesner ist in Stuttgart-Wangen zuhause und überzeugter Jeep-Fahrer. Er erklärt, sein Diesel verbrauche „zwischen sechs und acht Litern und damit weniger als ein Benzinmotor.“

Spritverbrauch in der Innenstadt höher

Der mit Diesel betriebene Jaguar F-Pace verbraucht laut Hersteller im Schnitt 6,8 Liter auf hundert Kilometer, wie auch der E-Pace. Damit verbrauchen die beiden Geländewagen rund 25 Prozent mehr als ein ähnlich großer VW Tiguan, der laut Hersteller zwischen fünf und sechs Liter verbraucht – und 31 Prozent mehr als ein VW Golf, mit ähnlicher Plattformgröße zum Tiguan. Dabei handelt es sich jedoch um Durchschnittswerte, auf kurzen Strecken in der Innenstadt dürfte der Verbrauch deutlich höher sein.

Laut einer ADAC-Auswertung von 2019 sind SUVs meist schwerer als vergleichbar große Standardmodelle, was auch zu einem höheren Spritverbrauch führt. Autoverkäufer Diemer betont jedoch, man solle „nicht nur Fahrzeuge mit einem Gewicht von über zwei Tonnen vor Augen haben“. Ein großer Teil der SUVs sei der Größe nach eher zu den Klein- und Kompaktwagen zu zählen.

SUV-Fahrer fühlen sich angeklagt, wünschen sich „weniger Moral“

Mit dem SUV fährt der Jaguar-Fahrer aus dem Norden eher selten in die Innenstadt, eher mit einem kleineren Auto oder den öffentlichen Verkehrsmitteln. Haug dagegen nutzt den SUV vor allem in der Stadt. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, sei für ihn keine Option.

Der Mann aus dem Stuttgarter Norden erzählt, er werde immer wieder auf sein Auto angesprochen: „Wenn ich dann aber meine Gründe schildere, ernte ich meist Verständnis.“ Haug wünscht sich „mehr Rationalität und weniger Moral“, schließlich sei der Kauf eines SUVs „keine moralische Entscheidung“, sondern eine, „die den persönlichen Vorteil im Blick hat“. Und Wiesner sagt: „SUV-Fahren ist für mich auch eine Art der Lebenseinstellung.“

SUVs und Geländewagen

Unterschiede
Der SUV unterscheidet sich laut ADAC insofern vom Geländewagen, dass der SUV nur eingeschränkt geländefähig ist. Dafür ist unter anderem entscheidend, wie gut das Fahrzeug eine Steigung erklimmen kann und wie viel Platz zwischen Fahrzeug und Untergrund bleibt. Jeder Geländewagen ist also ein SUV, aber nicht jeder SUV ein Geländewagen.

Beispiele
Laut Verkaufsleiter Thorsten Diemer von Volkswagen in Stuttgart handelt es sich bei mehr als jedem zweiten verkauften Auto um SUVs oder Geländewagen. Am meisten verkauft sei der Tiguan, gefolgt vom T-Roc und dem T-Cross. Das Kraftfahrtbundesamt führt T-Roc und T-Cross als SUVs, den etwas größeren, geländetauglicheren Tiguan als Geländewagen. Laut ADAC verbraucht die Diesel-Variante des Tiguans im Schnitt sechs Liter, der T-Roc zwischen vier und fünf Litern und der T-Cross zwischen fünf und sechs Liter Sprit. Die im Text angegebenen Spritverbräuche gehen stets von der niedrigsten Preis- und Motorisierungskategorie und einem Dieselantrieb aus.