Für die einen ist ein Auto ein möglichst billiges Fortbewegungsmittel, andere legen Wert auf Komfort und Fahrleistungen. Eine dritte Kategorie ist bei Klaus Kienle genau richtig aufgehoben. Er restauriert historische Autos und verkauft sie an Millionäre in aller Welt.
Heimerdingen - Man kann sich seine Probleme nicht aussuchen. „Ich hätte wahnsinnig gerne diesen Oldtimer“, klagt der Kunde im Ausstellungsraum des Autohauses und zeigt auf einen historischen Mercedes 300 SL mit Flügeltüren. „Ich weiß nur nicht, wie ich das meiner Frau beibringen soll.“ Schließlich kostet das Auto mindestens sechsstellige Beträge. Ein anderer Kunde kennt das Problem und weiß Rat: „Schau mal, da hinten steht noch ein Mercedes Pagode für 60 000 Euro. Schenk ihr den doch zum Geburtstag, dann hat sie bestimmt auch nichts gegen deinen 300er.“ Wenn sich nur alle Probleme so einfach lösen ließen.
Für Klaus Kienle zählen die beiden, die zum Feierabend noch auf einen Nachmittagskaffee bei ihm vorbeischauen, trotz ihres gehobenen Wohlstands zu den kleineren Kunden. Zumal der Handel mit klassischen Autos nur einen kleinen Teil seines Geschäfts ausmacht. In seinem Autohaus in einem Gewerbegebiet am Ortsrand von Heimerdingen, einem 3500-Seelen-Ortsteil von Ditzingen, beschäftigt er rund 90 Mitarbeiter, die vor allem eines tun: Historische Fahrzeuge bis zur letzten Schraube zerlegen, die Teile aufbereiten und das Auto wieder so zusammenbauen, dass es bis ins Detail wieder dem Fahrzeug gleicht, das Jahrzehnte zuvor einmal nagelneu die Fabrik verlassen hatte.
Vom Sultan bis zum Nationaltorwart
Ein Rundgang durch die Werkstatt gleicht einer Zeitreise durch eine glorreiche automobile Vergangenheit. Flügeltürer wechseln sich ab mit langen Mercedes-600-Pullmann-Fahrzeugen und raren Sammlerstücken aus der Vorkriegszeit. Historische Rennwagen stehen neben einstigen Staatskarossen; ein Teil der Fahrzeuge sieht so blitzblank aus wie gerade einer Fabrik entschlüpft, von anderen ist nur das Grundgerüst zu sehen. Auch ein Mercedes 540 K, Baujahr 1937, wie er unter anderem von Größen des Nazi-Regimes gefahren wurde, wartet darauf, aufbereitet und zu einem Geschäftsmann nach China gebracht zu werden. Der lässt sich das 12 Millionen Euro kosten.
Es ist eine illustre Runde von Leuten, die durchaus auch Millionensummen auf Kienles Tisch legen und immer wieder mal in Heimerdingen schauen, welche Fortschritte die Restaurierung macht. Der Sultan von Johor, einem Bundesstaat von Malaysia, gehört ebenso dazu wie Malaysias bisheriger König Sultan Muhammad V. oder Mohammed VI., König von Marokko, der weit mehr als 1000 seltene Fahrzeuge sein eigen nennt. Auch Sportgrößen wie Nationaltorwart Manuel Neuer oder VfB-Stürmer Mario Gomez zählt Kienle zu seinen Kunden, ebenso den rumänischen Unternehmer Ion Tiriac, der einst das Tennisidol Boris Becker managte.
Claude Picasso, Sohn des Malers Pablo Picasso, schrieb in Kienles Präsentationsmappe, die komplizierte Technologie des 300 SL könne vor ihm „keine Geheimnisse verbergen“. Und Francois Graff, Chef eines der großen Diamantenhändler der Welt, erklärt, die Autos sähen nach der Restaurierung bei Kienle aus wie ein „Diamant nach der letzten Politur“. Wenig gesprächig sind offenbar nur die Geschäftsleute aus China, die bei Kienle einen immer größeren Anteil ausmachen. Seine Kundschaft ist wie ein Spiegel des globalen Reichtums.
Krönung eines erfolgsverwöhnten Lebens
Ein Schwabe, der eine große Vermögensverwaltungsfirma in der Nähe von New York besitzt, vertraute Kienle an, er habe sich schon als Kind vorgenommen: „Eines Tages werde ich einen Mercedes-Benz 300 SL besitzen.“ Doch die Reihenfolge habe für ihn immer gelautet: Zuerst der Beruf, dann der Erfolg und dann der Traum. Vor 20 Jahren gründete er seine Firma, vervielfachte trotz Finanzkrise mit hoch riskanten Anlagestrategien das Geld seiner Kunden und verwaltet heute ein Milliardenvermögen. Mit Maximalgeschwindigkeit auf die Kurve zusteuern und einen Tick früher bremsen als die Konkurrenz, die aus der Kurve fliegt, so lautet seine Devise als Spekulant und als Teilnehmer an Autorennen. Nach 16 Jahren als Firmenchef war die Zeit reif, sich den lange ersehnten Flügeltürer zu gönnen. Die Krönung eines Lebens auf der Überholspur.
Wer riesige Summen für die Restaurierung eines Oldtimers ausgibt, will mehr als ein fahrtüchtiges Auto. Die Fahrzeuge, mit denen Kienle sich beschäftigt, haben alle eine Geschichte, eine „Aura“, wie er sagt. Diese dürfe man „nicht zerstören und auch nicht verändern“. Es gehe vielmehr darum, sie „wieder zum Leben zu erwecken“. Um die Seele zu erhalten, muss das Auto nicht nur aussehen wie im Originalzustand, es muss auch möglichst bis zur letzten Schraube aus Originalteilen bestehen.
Zu jedem der Fahrzeuge in der Werkstatt gehört deshalb ein Regal, auf dem Hunderte von Schrauben, Blechen und chromblitzenden Metallteilen nebeneinander aufgereiht sind. Sie alle waren bei der Zerlegung des Autos entfernt, auf ihre Tauglichkeit überprüft, vom Rost befreit und teilweise neu verchromt worden. Selbst das Typenschild im Motorraum wird aufbereitet und mit den Originalschrauben befestigt. Ob Ölrohre, verchromte Einfassungen von Spiegeln und Scheinwerfern oder alte Autoradios mit hervorstehenden Drucktasten – alles wird wieder verwendet, sofern es irgendwie möglich ist und die Sicherheit nicht beeinträchtigt wird. „Jedes Teil ist ein unwiederbringliches Original“, sagt Kienle.
„Das sind eben richtige Weltmänner“
Jobsorgen haben die Kunden nicht, und auch wirtschaftliche Entwicklungen wie die Konjunktur können ihnen nichts anhaben. „Die stehen da drüber“, sagt Kienle. „Solche Autos kaufen nur Leute, die alles erreicht und sich jeden Wunsch erfüllt haben, aber immer noch jede Menge Geld besitzen. Richtige Weltmänner eben.“
Verglichen damit ist der Werdegang des gebürtigen Stuttgarters Kienle überaus bodenständig. 20 Jahre lang arbeitete er bei Daimler, zuletzt als Leiter der Abteilung „Großreparaturen und Sonderfahrzeuge“ in der Niederlassung im Stuttgarter Hallschlag. Er reparierte und wartete schon damals genau die historischen Autos, die ihm heute die Kunden vor die Tür stellen. Doch das Interesse des Konzerns an seinen betagten Modellen nahm im Lauf der Zeit immer weiter ab. „Die Flügeltürer standen in der Garage herum, kaum jemand interessierte sich noch dafür“, erinnert er sich. Zu klein waren die Stückzahlen, zu groß der Aufwand, um all die Ersatzteile bereitzuhalten.
So machte er sich 1984 auf Anraten eines Freundes selbständig. Daimler verkaufte ihm bereitwillig Werkzeuge und Messgeräte, die er für die Restaurierung benötigt. Der Freund brachte ihn in Genf mit wohlhabenden Autobesitzern in Kontakt, und schnell machte sich Kienle einen Ruf unter den Fans geschichtsträchtiger Oldtimer. Regelmäßig holte er mit dem Lastwagen deren Fahrzeuge ab und parkte sie am Straßenrand, während sich die Nachbarn fragten, wo all die historischen Autos wohl herkämen.
Liebhaberei kann zum Geschäft werden
So teuer die Liebhaberei auch ist – für viele Kunden erwies sie sich als gutes Geschäft, denn der Wert dieser Fahrzeuge ist über die Jahre enorm gestiegen. Daimler dagegen ließ durch den frühen Rückzug viel Geld auf der Straße liegen. „Ende der 70er Jahre wurde ein 300 SL für 15 000 D-Mark verkauft, heute ist er sechsstellige Beträge wert – in Euro“, sagt der gelernte Kfz-Schlosser, der offenbar ein besseres Gespür für den Markt besaß als die damalige Konzernführung.
Das hat aber auch Daimler längst bemerkt und setzt heute ebenfalls wieder auf das Geschäft mit historischen Autos. Manchmal besuchen ihn Mercedes-Leute auch in seiner Werkstatt und schauen sich an, wie dort gearbeitet wird. Denn wenn einer sich auskennt, dann er.