In Listen wie der oben stehenden wurden die Auswanderer erfasst. Foto: /Stadtarchiv Waiblingen .

Heute ist das Ländle Traumziel vieler Einwanderer und Geflüchteter. Wieso das früher anders war und wohin es Waiblinger zog, hat der Archivar Andreas Okonnek untersucht.

Mit 19 Jahren hat sich Friederike Kurz entschieden, ihrer Heimat Lebewohl zu sagen und ganz neu anzufangen. Mit ihrer Herrschaft, bei der sie als 14-Jährige in Stellung gegangen war, wanderte die junge Frau aus den Berglen im August 1890 nach Nordamerika aus. Friederike Kurz war eine von vielen, die ihrer Heimat Württemberg den Rücken kehrten – häufig notgedrungen. Denn das, was heute als Musterländle und Traumziel vieler Einwanderer und Geflüchteter gilt, war lange ein Ort, der wenig Perspektiven auf ein gutes Leben bot.

 

Württemberg galt erst ab 1907 als Industriestaat

„Württemberg war früher ein Armenhaus, bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts gab es hier keine Industrialisierung“, sagt Andreas Okonnek. Erst von 1907 an habe Württemberg dank entsprechender Wirtschaftskennzahlen als Industriestaat gegolten. Der Waiblinger Stadtarchivar hat sich mit der Auswanderung insbesondere aus dem Raum Waiblingen beschäftigt und dafür Unterlagen aus der Zeit von 1639 bis 1900 ausgewertet. Eine wichtige Quelle waren dabei Auswandererlisten und Bürgerrechtsverzichturkunden. „Die ordentliche Ausbürgerung war der erste Schritt für jeden Auswanderer – egal, ob er aus Waiblingen in die Nachbargemeinde Korb oder bis nach Amerika ging“, erklärt Andreas Okonnek. Einfach so das Ränzel zu schnüren und loszuziehen, wäre eine Straftat gewesen. Grundsätzlich gewährte Württemberg seit Anfang des 16. Jahrhunderts die Freiheit auszuwandern – mit einer kurzen Unterbrechung: Im Juni 1807 erließ König Friedrich ein striktes Auswanderungsverbot, das aber im Jahr 1815 jedoch wieder endete. Die Namen von Auswanderungswilligen wurden in der Zeitung veröffentlicht – so konnten Gläubiger noch rechtzeitig die Schulden eintreiben.

Die bevorzugten Ziele der Waiblinger Auswanderer waren Stuttgart, Esslingen und Schorndorf, hat Andreas Okonnek bei der Sichtung von vielen hundert Urkunden festgestellt. Etliche zog es nach Bayern, Hessen und Baden. Es gab aber durchaus fernere Ziele. Im Jahr 1736 wanderte ein Waiblinger in die Niederlande aus, ein anderer machte sich 1787 auf ins nordamerikanische Pennsylvania, wo sich im Laufe des 18. Jahrhunderts viele deutsche Siedler niederließen. Nicht immer zur Freude der bereits dort verwurzelten Einwanderer, weil die Deutschen meist die Sklaverei ablehnten, zudem wurde ihnen zu hoher Alkoholkonsum nachgesagt.

Zwei Waiblinger zog es nach Algerien

Der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien im Jahr 1815, der der Welt extrem nasse und kalte Sommer mit heftigen Ernteausfällen bescherte, trieb viele Menschen ins Exil. Etliche Waiblinger reisten auf der Donau gen Osten und siedelten sich beispielsweise in Bessarabien, in der Gegend um Odessa an. So manchen Wengerter lockte der Kaukasus, und Mennoniten zog es nach Russland, weil es dort keinen Wehrdienst gab. Ein Ziel war auch Wien, an das Waiblingen in dieser Zeit einen Goldschmied, einen Zahnarzt und einen Optiker verlor.

„Ein Priester ging nach England, warum auch immer“, sagt Andreas Okonnek. Und zwei Männer machten sich auf ins 1830 von Frankreich besetzte Algerien. Frankreich suchte für das Land, das zu einem Teil des Mutterlandes erklärt worden war, dringend Siedler, denn die französische Bevölkerung spielte bei den Regierungsplänen nicht so recht mit. „Deshalb wurden auch Siedler in Deutschland angeworben“, weiß Okonnek – als Lockmittel dienten kostenlose Überfahrten und Land. Das war in Württemberg aufgrund der Realteilung rar, obendrein gab es hier kaum Rohstoffe: „Viele waren in prekären Beschäftigungsverhältnissen, heute würde man sagen Minijobs, tätig.“ Damals lebte zwar nur ein Drittel der heutigen Bevölkerung in Württemberg, dieses habe aber dennoch als total überbevölkert gegolten.

Die Werber bekamen eine Provision

Auch nach Siebenbürgen wurden laut einer Oberamtsbeschreibung von 1846 270 Menschen aus dem Bezirk gelotst. Die Werber, die im Auftrag der jeweiligen Herrschaft tätig waren, hielten dazu Vorträge in Gaststätten und bekamen eine Provision pro Person. Die dürfte in den 1840er bis 1860er Jahren teils üppig gewesen sein, denn zu dieser Zeit wagten sehr viele den Weg ins Ausland, überwiegend nach Nordamerika. Neben den schlimmen Verhältnissen zu Hause – seit 1845 vernichtete die Kartoffelfäule auch in Deutschland ein wichtiges Grundnahrungsmittel – waren die sinkenden Preise für die Überfahrten ein Grund. Die Schiffe wurden schneller, und Gesellschaften wie die Hapag boten ab den 1840er Jahren Gesamtpakete für die Kutschfahrt zum Hafen plus Überfahrt an. Die Bedingungen waren dennoch hart, sagt Andreas Okonnek: „Ein einstelliger Prozentsatz der Reisenden verstarb unterwegs. Die Verschiffung war ein knallhartes Geschäft, die Schiffe wurden möglichst dicht besetzt.“

65 Hektar Land lockten nach Nordamerika

Manch einen veranlasste sicherlich das amerikanische Heimstättengesetz von 1862 zur Auswanderung. Dieses erlaubte es jedem ab 21 Jahren, auf einem unbesiedelten Stück Land ein rund 65 Hektar großes Grundstück abzustecken und zu bewirtschaften. Nach fünf Jahren wurde der Siedler zum Eigentümer. „Es gab durchaus Leute, die dachten, sie bleiben einige Zeit dort und kommen wieder zurück mit Geld“, sagt Andreas Okonnek. Das klappte eher selten. Friederike Kurz zum Beispiel ist nie mehr nach Württemberg zurückgekehrt. Es heißt aber, das Heimweh habe sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1946 geplagt.

Mehr über Auswanderer

Recherche
Der Waiblinger Stadtarchivar Andreas Okonnek will seine Rechercheergebnisse über die Auswanderung aus Waiblingen in naher Zukunft publizieren. Wer selbst nach emigrierten Verwandten forschen möchte, kann sich wegen eines Termins an das Stadtarchiv, Kurze Straße 25, in Waiblingen, Telefon 0 71 51/50 01 17 20 wenden und die Auswandererlisten einsehen. Weitere Recherchemöglichkeiten bieten beispielsweise die Deutsche Auswanderer-Datenbank und die Datenbank des Landesarchivs.