Farbenfrohe Drachen treffen vielschichtige Himmelspanoramen: Die Museumsleiterin Birgit Knolmayer (in der Mitte) ist begeistert von Folke Gfrörers und Ute Haselmaiers Arbeiten Foto: /Simon Granville

Hoch den Kopf, sie sind überall: Drachen in sämtlichen Größen, Farben und Formen treffen in der neuen Schau im Gerlinger Stadtmuseum auf himmlische Gemälde.

Erst flog der von Vater und Sohn selbstgebaute Drachen aus Japanpapier nicht, denn es wehte zu wenig Wind. Dann, als der Wind endlich ordentlich pfiff, flog der Drachen auch nicht: Während er unter der Treppe lagerte, hatten Mäuse die Holzstäbe angenagt – die Flügel klappten zusammen. Dass aus dem Jungen mal ein leidenschaftlicher Drachenbauer und -sammler werden würde, ahnte damals keiner. Wie auch? Nach dem Erlebnis rührte Folke Gfrörer keine Drachen mehr an. Mehr als 15 Jahre lang. Bis er, anno 1980, als Student der Luft- und Raumfahrttechnik erfuhr, dass zwei Schulfreunde Drachen bauten, auch Modelle, die Folke Gfrörer bis dato nicht kannte. Fortan bauten sie zu dritt Drachen, aus Anorakstoff, aus Baumwolle. Und ließen sie natürlich auch steigen. Zum Beispiel auf der Gerlinger Heide – Folke Gfrörer ist in Gerlingen aufgewachsen.

 

Etwa 13 Jahre lang ging das so. Der Spaß endete aus privaten und beruflichen Gründen. „Im Jahr 2007 erwischte mich das Drachenvirus dann schlimmer denn je“, erinnert sich Folke Gfrörer und lacht. Er entdeckte im Internet einen Entendrachen. „Der hat mir so gut gefallen, dass ich ihn bestellt habe.“ Seitdem baut er regelmäßig Drachen und lässt sie fliegen. Mittlerweile hat er mehr als 200, davon rund 170 selbst gebaut. „Tendenz steigend“, meint der 67-Jährige, lacht wieder. „Die vermehren sich in meiner Drachentasche völlig unkontrolliert.“ Darin liegen sie miniklein zusammengefaltet. Zufällig erfuhr er auch vom Drachenfest in Malmsheim. Dort lernte er viele Gleichgesinnte kennen.

Sie sind überall: auf Entdeckungsreise im Stadtmuseum

Seit dem Jahr 2018 tingelt Folke Gfrörer außerdem durch die Welt, um als Dozent Drachenbaukurse zu geben. Erst am Tag der Eröffnung der neuen Ausstellung „Himmelwärts“ im Stadtmuseum kam er von einem Workshop aus den USA zurück. Die Teilnehmenden, erzählt er, hätten die Kombination Schwarz mit Pink geliebt. Knapp 100 seiner Drachen sind in der Schau zu sehen. Überall schweben die Flugobjekte. Zum Beispiel auch in der Scheune, da ist ein riesiger Stern mit drei Metern Durchmesser, im Plumpsklo fliegt ein kleiner Monsterdrachen. Die Museumsleiterin Birgit Knolmayer schickt die Besucherinnen und Besucher auf Entdeckungsreise. Und freut sich, wenn den Leuten die bekannten Museumsräume in einem neuen Licht erscheinen.

Folke Gfrörer sagt, Malen, Zeichnen und Drucken liegt ihm im Blut. Seine Drachen kreiert er, „wie es mir in den Strumpf passt“. Manchmal ist ein Exemplar nach wenigen Tagen fertig, manchmal dauert es mehrere Wochen. Der Eddy-Drachen, die bekannte Rautenform, sei für ihn nur ein Typ neben Centipede, Cody oder Thai Chula, wie sie alle im Museum zu bestaunen sind. „Auch Boxen fliegen“, sagt Folke Gfrörer. Überhaupt gebe es für jede Windsituation den passenden Drachen. Heute lässt der Gerlinger sie fast jeden Sonntag auf einer Wiese bei Darmsheim durch die Lüfte flattern. Dabei fasziniert ihn nicht nur das Künstlerische. „Beim Drachensteigen kann ich meine Gedanken mitfliegen lassen. Das macht das Hirn frei.“

„Das muss in unser Museum“

Als sie Folke Gfrörers „gigantische Drachensammlung“ sah, war Birgit Knolmayer klar: „Das muss in unser Museum.“ Jedoch würden Drachen an den Himmel gehören. Hier kommt Ute Haselmaier ins Spiel. Die Künstlerin leitet mit Simone Vöhse die Freie Kunstakademie Gerlingen seit dem Jahr 2015 und hat sich auf Malerei spezialisiert. Die 60-Jährige sagt, sie beschäftige sich immer über mehrere Jahre mit einem Thema. Zuletzt waren es Tiere und Bäume, derzeit sind es: Himmel. Mehr als 20 Panoramen sind im Museum zu sehen.

Birgit Knolmayer sprüht vor Begeisterung. „Wir haben in Gerlingen so viel Glück, dass wir so viele kreative Köpfe haben“, findet sie, die sich bei ihrem Antritt als Museumsleiterin im Oktober 2021 vorgenommen hat: „Die Besucherinnen und Besucher sollen sich anschauen, was jetzt gerade im Ort passiert.“ In der neuen Ausstellung, in der neben den Exponaten lustige Sprüche hängen, müsse man manchmal schon genau hinsehen. Auch wenn der aktuelle Museumsaufbau der laut Knolmayer bisher aufwendigste ist: Drachen und Gemälde passen aus ihrer Sicht perfekt zusammen: Beide Disziplinen würden sich ergänzen, verstärken – und den Blick „himmelwärts“ lenken.

Erst stundenlang beobachten, dann malen

Für Ute Haselmaier ist der Himmel ein „unerschöpfliches Bildmotiv“. Sie beobachtet ihn stundenlang, ehe sie ihn in ihrem Atelier aus der Erinnerung malt. Mit Ölfarben, die viel tiefere und glasierendere Schichten ermöglichen. Weil die Drachen bunt sind, zeigt Ute Haselmaier in der Hauptausstellung in der ersten Etage des Museums Blautöne. Mindestens 70 Bilder hat sie bereits gemalt. Selten ist der Horizont zu sehen, und vielleicht fügt die Grafikdesignerin bald mehr Landschaft dazu. Der reine Himmel sei in ihrer Kunst bald erschöpft, sagt sie.

Birgit Knolmayer berichtet, die ersten Drachen seien vor mehr als 2000 Jahren in China gebaut worden – aus Bambusstäben und teurer Seide. Erst nachdem das kostengünstigere Papier erfunden worden war, verbreiteten sich Drachen, die als Spiel-, aber auch Kriegsgerät dienten. Drachen seien zunächst im asiatischen Raum immer beliebter geworden, dann hätten sie ihren „Siegeszug“ rund um die Welt angetreten. In Europa, so Knolmayer, lasse sich die Drachenbaukunst bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen.

Öffnungszeiten und Adresse

Die Ausstellung „Himmelwärts“ öffnet bis zum 22. September, Dienstag und Samstag von 14 bis 18 Uhr, an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 18 Uhr. In der Kinderwerkstatt sind Mitmachstationen aufgebaut. Insgesamt gibt es zur Schau ein umfangreiches Begleitprogramm. Mehr Infos: www.gerlingen.de/Stadtmuseum.